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Filmkritik
„Horst Schlämmer – Isch kandidiere“ von Angelo Colagrossi erschien 2009 zu einem Zeitpunkt, als das kommerzielle deutsche Komödienkino von langgedienten Fernseh-Comedians dominiert wurde. Die Kunstfigur Horst Schlämmer, einen rheinländischen Lokalreporter mit Alkoholproblem, den es in die Bundespolitik treibt, spielte Hape Kerkeling in der ersten Amtsperiode von Angela Merkel als einen übergriffigen Sprücheklopfer, gegen den sich im Politbetrieb und in der TV-Promikultur nur wenig Widerstand formierte. Cem Özdemir und Jürgen Rüttgers berieten ihn bereitwillig bei der Parteigründung, der Rapper Bushido und der Schlagersänger Bernhard Brink steuerten einen Wahlsong für Schlämmer bei.
Mit legerer Süffisanz positionierte Kerkeling die Figur im Wahlkampf als „liberal, konservativ und links“. Zu diesem Zeitpunkt konnte man sich durchaus noch der Illusion hingeben, dass offenkundige Unterschiede zwischen sich ausschließenden politischen Haltungen nicht zwangsläufig in einer gesellschaftlichen Polarisierung münden. Aus heutiger Sicht ist der Film möglicherweise einer der besten Einblicke in die trügerische bundesdeutsche Bonhomie der späten Nullerjahre.
Zwischen Update und Neuausrichtung
In dieser Zeit dreht der Regisseur Sven Unterwaldt mit „Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“ (2004) eine der erfolgreichsten Komödien jener Jahre. Bis heute ist Unterwaldt einer der meistbeschäftigten Kinoroutiniers im deutschen Mainstreamfilm geblieben, von dessen gewitzter Gewandtheit und traumwandlerischer Trendkenntnis zuletzt zahlreiche Kinderfilme profitierten. Für die Fortsetzung „Horst Schlämmer sucht das Glück“, mit dem Hape Kerkeling rund anderthalb Dekaden später eine seiner prägendsten Figuren wiederauferstehen lässt, ist Unterwaldt die ideale Wahl, um zugleich ein Update und eine Neuausrichtung zu wagen.
Inmitten einer toxisch dampfenden gesellschaftlichen Stimmung, die nur noch den unversöhnlichen Dissens kennt, wird der heilige Narr aus der Mitte zum gutmütigen Vermittler. So bringt der Film Horst Schlämmer für das Jahr 2026 in Stellung. Anders als Christoph Maria Herbst, der bei „Stromberg – Wieder alles wie immer“ lediglich durch verlässliche Wiedererkennbarkeit der Nostalgie des Publikums zuarbeitet, behandelt Kerkeling seine Figur als wandelbare Projektionsfläche, in der sich der Zeitgeist widerspiegeln kann.
„Die Stimmung ist immer noch downtown“, stellt Schlämmer nach dem langersehnten Ende der Covid-Pandemie zu Beginn des Films verdattert fest. Anstelle von Aufbruchstimmung dominieren Missmut und Resignation das heimatliche Grevenbroich: „Die Masken sind weg. Aber das Lächeln dahinter aber auch.“ Begleitet von einer ihn filmenden Assistentin beschließt der stellvertretende Chefredakteur im nach Schnaps müffelnden Trenchcoat, der wechselhaften Gemütslage in Deutschland zwischen Eckkneipe und SM-Studio auf die Spur zu kommen und nach einer Exitstrategie aus dem gesellschaftlichen Verdruss zu suchen.
Macht macht glücklich
Wie schon bei „Horst Schlämmer – Isch kandidiere“ bewegt sich die Komödie zwischen inszenierter Nummernparade und ergebnisoffener Rollenimprovisation, die seit jeher kaum jemand so reaktionsgewandt beherrscht wie Hape Kerkeling. Für das körperliche Empfinden von Glück ist es unerheblich, ob dieses berechtigt ist oder nicht, erklärt ihm eine Lehrerin für Lachyoga. Weniger mechanisch trainierbares, aber umso nachhaltigeres Heil versprechen der bayerische Landesvater Markus Söder und der skandalbehaftete Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki, deren showbewussten Aussagen Schlämmer weniger widerspricht als sie in grotesken Spitzen („Wir sind beide Machtmenschen, Macht macht glücklich“) eskalieren zu lassen.
Wenn eine Lastwagenfahrerin (Jördis Triebel) auf der Strecke von München nach Berlin letztlich der gleichen Meinung zu sein scheint wie ein CSU-Ministerpräsident, kann alles doch nur halb so schlimm sein. Wie unzählige andere deutsche Diskurskomödien der letzten Jahre ist „Horst Schlämmer sucht das Glück“ bei aller humoristischen Finesse vom Gedanken erzwungener Aussöhnung beseelt. Auch wenn sich Hape Kerkeling selbst als Bestsellerautor („Glücklichkeit kennt keine Grenzen“), der beim Interview nicht den „Gute-Laune-Onkel auf Knopfdruck“ spielen möchte, persifliert, glaubt der Entertainer doch inständig an den sozialen Nutzwert seiner Kunst: Für eine Gesellschaft, in der die Luft zunehmend dicker wird, stellt er als Horst Schlämmer das Fenster auf Kipp.





