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LORD OF THE FLIES

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Eine kleine Hand tastet auf dem Boden zwischen den verdorrten Blättern eines Palmzweigs herum, findet eine dort liegende Nickelbrille. Zum Glück sind die runden Gläser bei dem Flugzeugabsturz, der den circa zwölfjährigen Piggy (David McKenna) auf einer Südseeinsel hat stranden lassen, unbeschädigt geblieben. Als er sich das Gestell auf die Nase gesetzt hat, beginnt er neugierig-ängstlich, sich zu orientieren und mit Hilfe der Augen den beunruhigenden Klangteppich, der ihn umgibt – das harsche Kreischen eines unbekannten Tieres, das penetrante Summen von Insekten – zu einem Bild seiner misslichen Lage zu vervollständigen. Vorsichtig rappelt er sich auf. Dann wieder anschwellendes Summen, und ein sphärisch-bedrohliches Einsetzen von Musik: ein Moskito sticht den Jungen in die Backe. Ein erster Hinweis darauf, wie verletzlich der kleine Brite in der ihm völlig fremden Umgebung ist. Aber letztlich, das wissen die Leser von William Goldings Romanklassiker „Herr der Fliegen“, wird es mitnichten die exotische Natur sein, die fatal für Piggy werden wird. Sondern seinesgleichen.

Denn Piggy ist nicht der einzige Junge, der den Crash überlebt hat und nun auf der mit Wald bedeckten Insel festsitzt. Und aus dem Glück, auf Schicksalsgenossen zu treffen, wird im Lauf der Handlung das pure Grauen, als sich unter den 6- bis etwa 12-jährigen Überlebenden eine Gruppe formiert, die sich mehr und mehr der Aggression ergibt.

Ein Spiegel faschistoider Machtdynamiken

Goldings Jugendbuchklassiker stammt aus dem Jahr 1954 und ist neben dem knapp 30 Jahre später erschienenen „Die Welle“ von Morton Rhue eine beliebte Schullektüre, um mit Jugendlichen über die Entstehung faschistoider Machtstrukturen und Gewaltexzesse ins Gespräch zu kommen. Entstanden unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, macht „Der Herr der Fliegen“ die Ereignisse auf der fiktiven Südseeinsel, die in ihrer Begrenztheit und Abgeschiedenheit eine Art sozialpsychologisches Versuchslabor ist, zum „Spiegelbild historischen Unheils“ (wie Thomas Koebner im Band „Inseln“ über Insel-Fantasien in Literatur und Film formulierte).

Dass nun ausgerechnet Drehbuchautor Jack Thorne diesen Roman für die BBC neu adaptiert hat, wundert nicht: Thorne hat sich zuvor schon in der furiosen Miniserie „Adolescence“ mit Gewalt-Dynamiken unter heranwachsenden Jungs beschäftigt; Goldings Klassiker liefert ihm Material, das Thema weiter zu vertiefen und statt aktueller gesellschaftsanalytischer Facetten eher das Zeitlos-Anthropologische ins Zentrum zu stellen. Strukturell ist Thornes Herangehensweise ähnlich wie in „Adolescence“, was er erstaunlich harmonisch mit weitgehender Treue zur Handlung in Goldings Vorlage zu vereinen versteht. Erneut sind es vier Episoden, in die er die Geschichte gliedert, und erneut eröffnet jede neue Folge ein Stück weit einen neuen Blick auf die Ereignisse.

Im Rausch der Gewalt

Festgemacht werden diese Perspektiven an den vier markantesten Figuren des Buchs: Eröffnet wird mit dem Erleben des pummeligen, bebrillten, klugen Piggy (David McKenna); abgeschlossen mit dem des freundlichen Ralph (Winston Sawyers), den die überlebenden Kids zunächst zu ihrem Anführer wählen. In den Mittel-Folgen stehen der sensible Simon (Ike Talbut) und der charismatische Antagonisten Jack im Zentrum (Lox Pratt), der Ralph seine Position von Anfang an neidet. Als Alphatier einer Gruppe in der Gruppe – einer Handvoll Jungs, die in England zusammen im Knabenchor sangen und von daher schon eine Art „Wir-Gefühl“ haben – übt er schnell eine gewisse Autorität aus. Als er und seine Leute sich aufs Jagen spezialisieren und sich aus Steinen und Ästen entsprechende Waffen bauen, geht es zunächst darum, den Speiseplan der Jungs, der bisher aus Früchten besteht, um das Fleisch der auf der Insel lebenden Wildschweine zu erweitern. Zugleich liefert dieses „Empowerment“ durch die Ausübung von Aggression Jack aber einen Katalysator, seine eigenen Ambitionen zu befriedigen und die anderen Kinder mehr und mehr zu dominieren.

Und nachdem diese sozusagen einmal Blut geleckt haben, beginnt die Gewalt, eine immer größere Dynamik zu gewinnen: Sie hat etwas Ekstatisch-Machtvolles, verspricht Schutz, als Gerüchte um Sichtungen eines schlangenartigen Monsters unter den Jungs die Runde machen, steigert sich dann aber immer mehr zum destruktiven Rausch, der jede Hemmung und jede Vernunft hinwegreißt und sich gegen diejenigen richtet, die nicht mitmachen wollen.

All das wird von Thornes dramaturgisch dichtem Drehbuch, den beeindruckenden Jungdarstellern und Marc Mundens Regie, unterstützt von einer ungemein suggestiven Kameraarbeit und einem ebenso suggestiven Sounddesign, so zwingend umgesetzt, dass man den Stoff trotz seiner Bekanntheit durchleidet, als sähe man ihn zum ersten Mal. Die vier Folgen sind so sinnlich umgesetzt, dass sie dem Stoff alles Thesenhafte nehmen, was im Roman angelegt ist. Bis auf einige sparsam eingesetzte Rückblenden, die ein Minimum an Information liefern, um die Situation der Jungen einschätzen zu können und rudimentär Einblicke in ihre Vorgeschichte zu haben, wird man als Zuschauerin genauso radikal der Insel-Isolation ausgesetzt wie die Protagonisten.

Neben den Stärken der Vorlage übernimmt die Adaption auch ihre Schwäche

Dass der Vierteiler „Lord of the Flies“ trotzdem nicht ganz die Wucht vom „Adolescence“ hat, ist weniger in der Inszenierung als in der Texttreue angelegt, die dafür sorgt, dass die Adaption neben den Stärken des Romans auch seine altersbedingten Schwächen übernimmt. Goldings auf den Zivilisationsbruch des Weltkriegs reagierende Erzählung darüber, dass die Möglichkeit zum Bösen auch in den scheinbar unschuldigen Kindern schon angelegt ist und durch entsprechende Gruppendynamiken entfesselt und ins Monströse gesteigert werden kann, wird in ein koloniales Narrativ gegossen: Das „Böse“ wird gedeutet als Primitivismus, in den das kultivierte Individuum zurückzufallen droht, wenn die die Triebe einhegenden Regeln der westlich-aufgeklärten Zivilisation wegfallen.

Wie im Roman vollzieht sich auch in der Neuadaption der Weg in die Gewalt motivisch als „Going Native“: Die „Jäger“ rund um Jack beginnen auf die noch aus Großbritannien stammenden Kleider zu verzichten, malen sich die Gesichter an, als würden sie Indianer spielen, tanzen wild ums Feuer, auf dem die Jagdbeute schmort: ein Haufen kleiner „Wilder“. So kraftvoll-sinnlich die Miniserie das umsetzt, kann sie doch nicht verhindern, dass die Denkmuster, die dahinterstehen, schal geworden sind.

Veröffentlicht auf filmdienst.deLORD OF THE FLIESVon: Felicitas Kleiner (23.2.2026)
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