Vorstellungen
Filmkritik
Es fehlt heute oft an der Fähigkeit, sich eine andere Welt als die bestehende auch nur vorzustellen. Selbst negative Zukunftsvisionen sind kaum mehr als ein leichter Schleier über der Gegenwart. Im Fall von Alessandro Cellis Film „Lost City – das Gesetz der Straße“ wird die süditalienische Stadt Tarent durch einen blassgelben Farbfilter zum postapokalyptischen Seuchengebiet. Ein immer nur angedeuteter Kataklysmus hat das Leben in Europa verändert. „Geboren im Elendsviertel und im Schatten des Stahlwerks, überleben die verlassenen Kinder ohne Gesetze. Vergessen in der symbolträchtigen Stadt eines Landes, das von Umweltzerstörung gezeichnet ist“, heißt es vage und ein wenig märchenhaft auf einer Texttafel zu Beginn des Films. Skizzenhaft, halb geraunt, wird von einer Zukunft erzählt, die nie mehr als eine leichte Intensivierung der Gegenwart ist. Das Dystopische löst sich auf in der reinen Bestandsaufnahme.
Zwei „Lost Boys“ beim Kampf ums Überleben
Zwei dreizehnjährige Jungen begleiten einander durch die gefallene Welt. Pietro (Dennis Protopapa) ist blond, Christian (Giuliano Soprano) hat braune Haare und leidet unter epileptischen Anfällen. Beide haben jahrelang für einen alten Fischer in den Trümmern von Tarent gearbeitet, jetzt wollen sie sich einer lokalen Gang anschließen. Chef der Bande ist ein Mann namens Testacalda (Alessandro Borghi), der mit einer Mischung aus Sadismus und Fürsorglichkeit eine Armee von Halbstarken befehligt. Christian will er zuerst nicht dabeihaben, auch Pietro muss sich in einer Prüfung bewähren. Er soll die lokale Tierhandlung beziehungsweise den Drogenumschlagplatz namens „Mondocane“ niederbrennen.
Aufgrund des Verbrechens heftet sich die idealistische Polizistin Katia (Barbara Ronchi) an ihre Fersen. Das Waisenkind Sabrina (Ludovica Nasti) hat Pietro kurz vor der Tat im Laden gesehen – durch ein Aquarium, wie in Baz Luhrmanns „Romeo & Julia“. Es entstehen neue Beziehungen, die alte Freundschaft zwischen Christian und Pietro wird auf eine Probe gestellt.
Der Zukunftsentwurf bleibt im Vagen
Die Zukunft, die der Film zeichnet, wirkt rudimentär, lose aus aktuellen gesellschaftlichen Problemstellungen zusammengeschustert. Jugendgewalt, Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheit werden eher angedeutet als greifbar gemacht. Religion scheint nicht mehr zu existieren; die Bedeutung eines Kreuzes zumindest, das die Jungs am Filmbeginn aus dem Meer fischen, scheinen die „verlassenen Kinder“ nicht zu kennen. Die jungen Marodeure lassen an Goldings „Herr der Fliegen“ denken, an „Peter Pan“ und die umfassende Tradition kämpfender Kinder im Kino („Battle Royale“, „Die Tribute von Panem“).
Natürlich hätten lange Dialoge voller Exposition kaum geholfen. Die Welt wird uns schließlich selten in wenigen Sätzen in ihrer Totalität vorgeführt. Doch dem Regisseur gelingt es auch nicht, aus den Erlebnissen seiner Helden und den Tableaus der verfallenen Industrielandschaften ein Gefühl für das Ganze zu formen. Schuldet uns jede postapokalyptische Erzählung eine vollständig möblierte, soziopolitisch durchformulierte Welt? Nein, auch etwa die existenzialistische Leere ewiger Wüsten oder eine neue, undurchschaubare Komplexität können reizvoll sein. Aber in der Regel sollte doch eine bestimmte Wechselbeziehung zwischen Individuum und Überbau existieren. Wofür sonst die große Konstruktion?
Die Welt steht Kopf
Die kulissenhafte Trümmerstadt Tarent mit den grotesken CGI-Schornsteinen wirkt manchmal wie aus einem Film von Tim Burton. Einige besonders farbenfrohe Bilder wirken künstlich und karikaturenhaft. Im wohlhabenderen Taranto Nova hingegen hat sich rein visuell wenig verändert. Die Umweltkatastrophe scheint dann plötzlich wie ein lokales Ärgernis. Nur eines deutet an, dass auch dort das Miteinander mittlerweile streng reglementiert wird – ein Armband, mit dem man Sabrina überwacht. Der originellste Einfall des Films: Die Fluchtrouten haben sich umgekehrt und Europäer träumen davon, nach Afrika zu entkommen. Dort werden sie scheinbar ohne große Begeisterung empfangen.
Die Welt steht also Kopf, der globale Norden und der globale Süden haben die Plätze getauscht. Doch die Drastik der Veränderung bleibt reine Behauptung. Sie wirkt, wie so vieles an „Lost City“, eher wie eine äußere Setzung, die sich anhand der Bilder nicht nachvollziehen lässt. Die allgemeinen Umstände finden kaum ihren Weg in die doch recht konventionelle Handlung. Zwischen Potemkinschen Ruinen werden Standardsituationen durchexerziert. Das halbgare Szenario würde nicht weiter ins Gewicht fallen, könnten wenigstens die grundlegenden Genrereize bedient werden. Die wackelige Handkamera des heutigen Arthouse-Kinos ist allerdings kaum eine Bereicherung für die Feuergefechte, Prügeleien und Verfolgungsjagden des Films. Auch das Spiel mit blendendem Gegenlicht, das Schönheit im Verkommenen betonen soll, wirkt seltsam abgeschmackt. Dasselbe gilt für die manchmal ungewöhnlichen Farbstimmungen. Die Geschichte hat einen Status quo und einen Fluchtpunkt, aber bewegt sich dazwischen kaum; an die Stelle von Entwicklungen tritt Abwarten.
Heute und Morgen in einem grimmigen Gesicht vereint
Im Herz des Films sollte eigentlich die Beziehung zwischen Christian und Pietro stehen, doch die bleibt vage umrissen. Nur selten blitzt auf, was sie einander bedeuten. Das liegt nicht an den begabten Jungschauspielern, sondern an den Hohlphrasen, die sie austauschen müssen. Die interessanteste Figur des Films ist zweifellos Bandenchef Testacalda, der sich mit Schnauzbart, Kopfnarben und Irokesenschnitt nicht nur physisch von allen anderen abhebt, sondern auch eine überraschende Bandbreite an Ängsten und Motivationen an den Tag legt. Eine ungewöhnliche, gebrochene Patriarchen-Figur, an der mehr über die geschilderte Zukunft abgelesen werden kann als an tausend anderen Einstellungen. Mehr Wahnsinn, und er wäre ein Schurke aus „Mad Max“, mehr stoische Fürsorge, und er wäre der Held von „The Road“. Als Hybrid aus beiden Extremen erzählt er vom kollektiven Zweifel. Von einer Katastrophe, die sich durch den zögerlichen Umgang mit ihr verschlimmert. Heute und Morgen in einem grimmigen Gesicht vereint. Das zumindest trifft den Kern der Sache.