Oasis: Don't Look Back in Anger
- Veröffentlichung10.09.2026
- RegieDylan Southern, Will Lovelace
- Produktion2026
- Cast
- TMDb Rating6/10 (78) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Wenn zwei sich streiten, freut sich die Boulevardpresse. Kaum ein Brüderpaar in der Rockmusik hat durch seine explosiven Auseinandersetzungen dermaßen Schlagzeilen gemacht wie Noel und Liam Gallagher von der englischen Band Oasis. Die Britpop-Gruppe aus Manchester stieg in den 1990er-Jahren zur erfolgreichsten Band des Vereinigten Königreichs auf, verkaufte Millionen von Alben und tourte um die Welt. Der Erfolg wurde jedoch durch die Reibereien der Brüder untereinander überschattet. Etliche Male gerieten Noel Galllager, der Gitarrist und Songschreiber der Band, und der jüngere, charismatische Sänger Liam aneinander – von wüsten Beschimpfungen bis hin zu Handgreiflichkeiten. Das war ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse, doch die treuen Fans befürchteten die Auflösung der Band.
2009 erfolgte schließlich das Aus. Der Auftritt beim Festival „Rock en Seine“ nahe Paris kam durch einen Streit in der Künstlergarderobe nicht mehr zustande. 15 Jahre lang sprachen die beiden nicht mehr miteinander. Umso mehr entwickelte sich die Bekanntgabe einer Reunion-Tour im Juli 2024 in Großbritannien zu einem Ereignis von nationaler Tragweite. Sogar der damalige Premier Keir Starmer äußerte sich zu dem Fall, zeigte sich jedoch trotz seiner Wertschätzung für die Musik der Band eher skeptisch. Zu lange hatte das Zerwürfnis der Gallagher-Brüder gedauert.
Die Zweifler hatten Unrecht
Dass der britische Regierungschef und andere Zweifler Unrecht hatten, belegte die fünfmonatige Reunion-Tour der Band im Jahr 2025, die sie durch Großbritannien, Irland, Nord- und Südamerika und Asien führte. Sie ist Gegenstand des von Steven Knight konzipierten und von Will Lovelace und Dylan Southern inszenierten Dokumentarfilms „Oasis – Don’t Look Back in Anger“. Dass einer der berühmtesten Oasis-Songs für den Titel herhält, ist in diesem Fall glücklicherweise auch Programm. Denn der Film ist nicht nur ein Leckerbissen für Oasis-Fans und andere Musikliebhaber, sondern transportiert auch eine allgemeingültige Botschaft: Versöhnung lohnt sich.
Dabei geht es nicht nur um die Millionen, die die Tour den Brüdern aufs Konto gespült hat. Es geht um eine Katharsis, darum, wie zwei entfremdete Brüder wieder zueinanderfinden und sich im wahrsten Sinne des Wortes verbrüdern. Möglich wurde diese Verbrüderung nicht zuletzt durch die Macht der Musik. Es ist eine Wechselwirkung von sich gegenseitig befruchtender Energie und Emotion auf der Bühne und mit dem Publikum in den Stadien.
Der Film beginnt nach einer kurzen, von Archivbildern ausgeschmückten Zusammenfassung der Karriere von Oasis und dem (vorerst) offiziellen Band-Ende mit den Proben für die Tour. Am Anfang üben Noel Gallagher und die Band allein, um ein musikalisches und rhythmisches Gefühl zu entwickeln. Dann steigt die Spannung: Liams erster Tag steht an. Das Enfant terrible erscheint wie üblich zu spät – und natürlich im Parka. Er hat keine besonders gute Laune, grüßt den Bruder nicht explizit und legt mit seinem stimmgewaltigen, leicht näselnden Gesang los. Dann entschwindet er relativ schnell wieder und lässt die Band, darunter den langjährigen Gitarristen Paul „Bonehead“ Arthurs, den Gitarristen Gem Archer, den Bassisten Andy Bell und den Schlagzeuger Joey Waronker, irritiert zurück.
Bier, gute Laune und ein wenig Anspannung
Doch es wird besser. Noel (Jahrgang 1967) ist zwar immer noch der perfektionistische Boss und der musikalische Kopf der Band. Doch Liam, mittlerweile über 50, hat sich in den Jahren der Nichtkommunikation zu einem erfolgreichen Solomusiker gemausert. Er ist ruhiger und vernünftiger geworden. Dann steht das erste Konzert in Cardiff an. Es herrscht Volksfeststimmung. Tausende Fans in Oasis-T-Shirts und mit den von Liam modefähig gemachten „Bucket Hats“ (Anglerhüten) auf dem Kopf feiern im Voraus: mit Bier, guter Laune und auch ein wenig Anspannung.
Das Konzert beginnt pünktlich. Als die Band die Bühne betritt, nimmt Liam Noels Hand und reckt sie in die Luft. Was dann folgt, ist eine Ausschüttung von solch geballter Emotion, dass die Musiker es selbst kaum glauben können. Menschen feiern, singen, tanzen – und die Tränen fließen in Strömen. Nach dem sicher nicht zufällig gewählten Opener, „Hello“, mit seinem Refrain „It’s good to be back“, ertönen die bewährten Hits nach fünfzehn Jahren wieder von beiden Brüdern gemeinsam: „Some Might Say“, „Supersonic“, „Roll With It“ und natürlich „Wonderwall“ und „Don’t Look Back in Anger“.
Später im Film gibt Noel Gallagher an, die erste halbe Stunde wie benommen gewesen zu sein. Auf diesen Gefühlsausbruch von zehntausenden Menschen sei er nicht vorbereitet gewesen. Die Emotion überträgt sich auch auf das Kinopublikum, transportiert von den Songs, die aus zehntausenden Kehlen in Cardiff mitgesungen werden. Das erste Konzert ist ein gutes Omen, und so geht es später auf der ganzen Welt weiter.
Die Musik ist nicht in Vergessenheit geraten
Denn in den 15 Jahren, in denen Oasis nicht existiert haben, ist ihre Musik nicht in Vergessenheit geraten. Die Fans der ersten und zweiten Stunde haben sie an ihre Kinder weitergegeben. So ist das Publikum bunt gemischt: Zwischen Endfünfzigern oder noch Älteren stehen Twenty-Somethings, alle vereint durch die Musik, von Irland über Brasilien bis nach Südkorea.
Der Film beleuchtet nicht nur die Band, sondern greift sich auch exemplarisch Fans heraus, die über ihre Liebe zur Band sprechen und darüber, wie deren Musik ihnen geholfen hat, schlechte Zeiten zu überstehen. Auch die Gallagher-Brüder äußern sich in Interviews: einzeln oder zusammen. So vermitteln sich Konzert-Atmosphäre und intimere, persönliche Momente. Lachen kann man auch, denn die Brüder, allen voran Liam mit seinem losen Mundwerk, sind sehr unterhaltsam und reflektieren durchaus ihre vergangenen Fehltritte.
Besonders viel Distanz zwischen Filmteam und Musikern besteht nicht. Aber warum auch? Es geht um ein Phänomen, das über Musik weit hinausreicht. Versinnbildlicht wird dies durch einen Pfarrer, der in einer spärlich besuchten Kirche über die Macht der Vergebung spricht. Solch spirituell aufgeladene Vokabeln benutzen die Gallagher-Brüder selbst zwar nicht. Doch sie sind diejenigen, die den Schritt, aufeinander zuzugehen, gewagt haben. So verfolgt man den Film und die weitere Entwicklung der Band durchaus mit einer gewissen Spannung. Die Versöhnung der beiden Bad Boys des Rock’n’Rolls berührt über die Musik hinaus. Menschen lieben Happy Ends. Es wäre den Gallaghers zu wünschen, dass ihre Verbrüderung von Dauer ist.

