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Sauacker

81 minDocumentary
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Szenebild von Sauacker 3
"Wachse oder weiche“ wird in den Landwirtschaftsschulen gelehrt: Das Einzige, was auf dem vordergründig idyllischen Hof der schwäbischen Bauersfamilie Kienle verlässlich wächst, sind die Schulden. Der 30-jährige Jungbauer Philipp drängt darauf auf dem fast 300 Jahre alten Hof alles anders zu machen. Sein Vater Konrad ist skeptisch, was sie verbindet ist ihre Art, den Betrieb mit verzweifelter Sturheit um jeden Preis zu retten. Die Zeiten sind hart für die bäuerliche Landwirtschaft. Wo soll inmitten der Globalisierung mit Billiglebensmitteln aus aller Welt die Finanzierung für notwendige Veränderungen herkommen? Die Bank will ein belastbares Konzept und Philipps Freundin will lieber malen als melken. Doch Bauer Konrad erinnert sich, dass er es selbst schwer gehabt hat, den Hof vor 30 Jahren seinem Vater abzuringen. Jetzt ist es an ihm, die Wiesen und Weiden seinem Sohn anzuvertrauen und es fällt ihm ungeheuer schwer. Erlaubt die geduldige Scholle, neue Konzepte zu verwirklichen? Oder gehört die traditionelle bäuerliche Lebensweise bald der Vergangenheit an? Diese Fragen stellen sich Vater und Sohn in der beeindruckenden Dokumentation aus dem Herzen der Wirklichkeit. Komische Verwicklungen und die Ironie der wahren Verhältnisse lassen den Film zu einem kurzweiligen Blick auf die Realitäten unserer Gesellschaft werden. Ein packender und zutiefst berührender Dokumentarfilm, der ungeahnte Einblicke in eine Lebens- und Arbeitswelt gibt, die still und leise vom Aussterben bedroht ist.
Vor mehr als dreißig Jahren hat er selbst seinem Vater den Hof abgerungen. Seitdem sind die Zeiten immer härter geworden. Genau genommen ist der kleinbäuerliche Betrieb seit Jahren ein Verlustgeschäft, eine Tatsache, die Konrad gerne verdrängt. Deshalb will Philipp den Betrieb umkrempeln. Neue Maschinen will er kaufen, die Arbeitsabläufe rationalisieren, vielleicht sogar auf ökologische Landwirtschaft umstellen. Aber woher soll das Geld fu¨r all seine Pläne kommen, wenn schon der Alltag ein einziger Überlebenskampf ist? Um halb sechs steht Philipp auf, dann macht er sich auf ins Stahlwerk, er muss zuverdienen. Währenddessen trägt der Vater Zeitungen aus, noch bevor er zum Melken in den Stall geht. Und dann ist da auch noch diese neue EU-Richtlinie, die teure Investitionen am Schweinestall erforderlich macht. Die Globalisierung hat diesen im Grunde breit aufgestellten schwäbischen Hof, wo Privates mit Betrieblichem untrennbar verschmolzen ist, mit voller Breitseite erwischt. Fallende Preise auf Fleisch und Milch haben die finanzielle Schieflage verschlimmert. Aber der 30-jährige Jungbauer ignoriert das Credo der Landwirtschaftsschule ¿wachse oder weiche¿. Er schmiedet unbeirrt und aller Statistiken zum Trotz Pläne fu¨r seine Zukunft als Bauer auf der eigenen Scholle.

Eine Geburt ist für die unmittelbar Beteiligten meist ein freudiges Ereignis, aber nicht unbedingt schön anzusehen. Das ist bei Menschen so und in der Tierwelt nicht anders. Bis die Kuh in der Eingangssequenz von „Sauacker“ mit der Hilfe von zwei Männern endlich ihr Kalb zur Welt gebracht hat, vergehen mehrere, für Zartbesaitete durchaus quälende, Minuten. Doch am Ende geht alles gut. Philipp und Konrad sind mit dem Zuwachs auf ihrem Hof zufrieden. Doch die Freude währt nur kurz, denn ihr Betrieb auf der Schwäbischen Alb steht vor dem Ruin. Es muss dringend etwas passieren, sagt Philipp. Er drängt auf Investitionen; vielleicht bräuchte es auch eine Umstellung auf ökologischen Anbau. Sein Vater Konrad hält sich dagegen eher an die Maxime: Es wird schon irgendwie weitergehen. Schließlich ist der Hof schon seit 1975 in Familienbesitz. Und noch hat er das Sagen, weil er sich bislang hartnäckig geweigert hat, den Betrieb seinem fast 30-jährigen Stammhalter zu überschreiben. Für Zündstoff ist in dieser dokumentarischen Langzeitbeobachtung von Tobias Müller also reichlich gesorgt. Zumal es für Vater und Sohn nicht nur um einen klassischen Generationskonflikt, sondern auch um die berufliche Existenz geht. Dass Philipp den Betrieb eigentlich schon seit Jahren subventioniert, indem er tagsüber in einer Fabrik arbeitet und erst nach Feierabend zum Bauern wird, belastet überdies zunehmend die Beziehung zu seiner Freundin, die mit auf dem Hof lebt, aber eher den schönen Künsten zugetan ist. Unter den aktuellen Filmen zum Thema Landleben gehört „Sauacker“ zweifelsohne zu den besseren. Und das nicht nur, weil er die Probleme eines mittelgroßen Familienbetriebes angesichts von Rationalisierung und EU-Richtlinien anschaulich deutlich macht. Vor allem überzeugt der Film durch seine beiden Protagonisten. Vater und Sohn erweisen sich nicht nur als veritable Charakterköpfe, sondern gewähren bei ihren abendlichen Disputen am Küchentisch auch erstaunlich intime Einblicke in ihre Gefühlswelten. So wie Philipp, mit seinem Faible für Tattoos, verwegene Backenbärte und rassige Sportwagen auch optisch eher ein untypischer Jungbauer, wider besseres Wissen doch vom traditionellen Bauerhof-Modell mit Kühen, Schweinen und Hühner träumt, weiß Konrad eigentlich auch, dass der Hof in seiner bisherigen Form nicht überlebensfähig ist. Selbst wenn er weiterhin in aller Frühe im Dorf die Zeitungen austrägt. Die Inszenierung hält sich mit Bewertungen der unterschiedlichen Lebensanschauungen wohltuend zurück und beweist in manchen Szenen ein gutes Gespür für Situationskomik. So etwa, wenn Konrad mit der Fliegenklatsche in der Hand ein Nickerchen macht oder Philipp mit viel Mühe einen betagten Rasenmäher anwirft, der, kaum hat sich der junge Mann zwei Schritte entfernt, auch prompt wieder ausgeht. Lediglich die (spärliche) Musikuntermalung ist für einen Film, der mit Landleben-Idylle herzlich wenig gemein hat, eine Spur zu romantisch geraten.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSauackerVon: Reinhard Lüke (16.10.2025)
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