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Filmkritik
Holger Gutt ist Jahrgang 1990. Damit gehört er der Generation Y an, die im Englischen „Why?“ ausgesprochen wird – ein Hinweis darauf, dass hier besonders oft Fragen gestellt und Begründungen gesucht werden. So ist es auch bei Holger Gutt, der zwar in Süddeutschland geboren und aufgewachsen ist, aber das vage Gefühl mit sich herumträgt, irgendwie nicht dazuzugehören. Irgendetwas fehlt ihm. Zu den Fragen, die ihm wichtig sind, gehört neben „Wer bin ich eigentlich?“ auch „Wo gehöre ich hin?“ und „Wo komme ich her?“ Und was bedeutet überhaupt das Wort „Heimat“, das er mit einer unklaren Sehnsucht verbindet?
Die erste Frage kann er nur selbst beantworten, aber die übrigen Fragen könnten etwas mit der Herkunft seiner Eltern zu tun haben, die als Siebenbürger Sachsen nach Deutschland auswanderten. Seit 1982 wollten sie Rumänien verlassen, erst Jahre später gelang es ihnen. Holger Gutt besucht ein Siebenbürger Heimattreffen und fasst den Entschluss, gemeinsam mit seinem Vater im Auto nach Rumänien zu reisen, in dessen Geburtsstadt Weidenbach. Die beiden nutzen die lange Fahrt für ausführliche Gespräche, wobei sich bald herausstellt, dass Vater Andreas dieser Reise eher kritisch gegenübersteht. Er wirkt weder neugierig noch erwartungsvoll und nicht einmal besonders erfreut. Die Aussicht, bald in seine Geburtsstadt zurückzukehren, scheint ihn eher herauszufordern, Holgers Fragen machen ihn manchmal sogar aggressiv. Das ändert sich erst nach der Ankunft. Holger lockt seinen Vater immer mehr aus der Reserve, die beiden treffen sich mit alten Bekannten, und schließlich willigt Holgers Vater ein, nach mehr als 30 Jahren wieder das Haus zu betreten, in dem er aufgewachsen ist.
Der Vater trägt viele Geheimnisse in sich
Auch wenn Holger Gutt sich als biografischer Filmemacher selbst in den Mittelpunkt stellt – er spricht zudem selbst den Kommentar und ist häufig im Bild zu sehen: Die Hauptperson ist eigentlich sein Vater Andreas, der als Persönlichkeit im Grunde sogar interessanter ist als sein Sohn. Er trägt nämlich viele Geheimnisse mit sich, die auf Entdeckung warten. Da ist ein Mensch, vermutlich Mitte 60, der freiwillig und gern seine Heimat verlassen wollte und es tatsächlich geschafft hat. Man würde gern mehr über ihn erfahren, doch Holger Gutt hat sich aus unbekannten Gründen dafür entschieden, sich der Persönlichkeit und der Geschichte seines Vaters nicht nur mit großem Respekt, sondern zumindest zu Beginn auch mit großer Zurückhaltung zu nähern. So gibt es nur recht spärliche Informationen über sein Leben sowohl vor als auch nach der Auswanderung.
Über die Befindlichkeiten des Sohnes wird ausführlich, manchmal zu ausführlich gesprochen, sehr wenig jedoch über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, über gemeinsame Erlebnisse oder über Holgers Kindheit. Auch die Geschichte der Siebenbürger Sachsen wird nur ganz am Rande beleuchtet. Das alles ist ein bisschen schade, denn dadurch entsteht ein Eindruck von Oberflächlichkeit, der dem Sujet wenig gerecht wird.
Vielleicht um diesen Eindruck zu mindern und eine gewisse Grundsensibilität zu installieren, entschied sich der Filmemacher für einen Soundtrack mit Werken des deutschen Singer-Songwriters Andreas Begert, die auffällig viel Platz bekommen und in ihrer Dramatik und Gefühligkeit eher weniger dem entsprechen, was der Film zeigt: Es geht nämlich tatsächlich nicht nur um die Familiengeschichte und um Holger Gutts Umgang damit, es geht auch um eine Vater-Sohn-Beziehung. Und die ändert sich im Verlauf der Reise, wird intensiver, bekommt ein größeres Gewicht und verleiht dem Film mehr Gehalt.
Nicht nur lustig, sondern auch entlarvend
Wenn Vater und Sohn sich im Auto unterhalten und Andreas die Verwandtschaftsgrade durcheinanderbringt, dann ist das nicht nur lustig, sondern auch irgendwie entlarvend, denn offenbar wurde bisher noch nicht so oft über die Familie gesprochen. Der Film findet dann endgültig seine Linie, sobald die beiden in Siebenbürgen angekommen sind. Andreas wird als Persönlichkeit immer interessanter und spätestens, wenn er sich mit seinen alten Freunden trifft und ganz selbstverständlich in den alten Siebenbürger Dialekt wechselt, rückt er in den Mittelpunkt. Dass er Angst hat, sein Elternhaus zu betreten, wird nicht nur deutlich, sondern verständlich.
Holger Gutt zeigt hier, ganz ohne rührselige Musik, dass er tatsächlich einfühlsam ist, denn wie er sehr gelassen und freundlich den Vater dazu motiviert, mit ihm erst in den Garten und schließlich sogar ins Haus zu gehen, ist sehr bewegend. Hinterher wirkt Vater Andreas wie befreit, er redet plötzlich mehr über seine Kindheit, verschwunden ist der leicht aggressive, abwehrende Unterton aus den vorherigen Vater-Sohn-Dialogen. Die beiden haben eine gemeinsame Sprache gefunden, eine Ebene, auf der sie miteinander kommunizieren können, die Eltern-Kind-Beziehung hat eine neue Grundlage. Und diese Entwicklung ist eigentlich das Wichtigste, was im Film passiert. Eine Erfahrung, von der nicht nur die beiden Protagonisten profitieren, denn auf diese Weise kann auch das Kinopublikum etwas aus dem Film mitnehmen, was ebenfalls viel mit Heimat und kultureller Verbundenheit zu tun hat.
