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12 MONKEYS

129 minScience Fiction, Thriller, MysteryFSK 16
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Science-Fiction-Vision, in der Bruce Willis in die Vergangenheit reisen muß, um einem Virus auf die Spur zu kommen. 12 Monkeys ist ein Film, den man nicht unter allen Umständen gesehen haben muß. Die Story ist ein weiterer gescheiterter Versuch, die Schleifenproblematik zu lösen, die sich aus Zeitreisen ergibt. Wie so oft (in amerikanischen Filmen, in allen anderen ist es ja eher umgekehrt) verliert die Geschichte das drohende Ende der Menschheit aus den Augen und konzentriert sich lieber auf die Liebesgeschichte zwischen Bruce Willis und der weiblichen Leading Actress. Am Ende sitzen wir etwas ratlos im Kino: die Welt geht unweigerlich unter, die beiden kriegen sich nicht, und die Logik hat stark gelitten. Inszeniert hat Terry Gilliam, der mit "Brazil" ja einen wirklichen Klassiker geschaffen hat. An eben diesen Film knüpft der Look der Teile, die in der Zukunft spielen, direkt an - zwischendurch fragt man sich, ob die alten Dekorationen noch einmal benutzt worden sind. Chick Spinweb, L.A.
  • Veröffentlichung21.03.1996
  • Terry Gilliam
  • Vereinigte Staaten
  • 7/10 (8729) Stimmen

Eingehüllt in mehrere Schichten von Plastik, wird ein kaum noch erkennbarer Bruce Willis aus den Katakomben des Jahres 2035 in die Vergangenheit zurückversetzt, um die Ursache einer Virus-Epidemie zu enträtseln, die 99 Prozent der Menschheit ausradiert hat. Gewiß nicht zufällig erinnert die Willis-Larve an ein gigantisches Kondom: Die Menschen im Würgegriff der Aids-Seuche. Dieses Bild und ähnliche albtraumhafte Bilder beherrschen Terry Gilliams neuen Film, eine Art Fieberfantasie zwischen "Blade Runner" (fd 23 689) und Monty Python, zwischen Realität und überbordender Imagination, in der von wilden Tieren bevölkerte Städte stellvertretend für die Unbewohnbarkeit der Erde und die kahlen Wände, Spinnen und halluzinierenden Insassen eines Irrenhauses für die Gesellschaft vor dem todbringenden Ereignis stehen.

Wie alle Gilliam-Filme beginnt auch dieser mit einem ebenso rätselhaften wie faszinierenden Entwurf, dem Erinnerungsbild von einem kleinen Jungen, der auf einem Flughafengang der Erschießung eines Menschen zusieht. Diese im Unterbewußtsein des Katakombenmenschen James Cole fortexistierende Szene, die leitmotivisch die halluzinatorische Handlung akzentuiert, haben die Autoren Chris Markers genialem Kurzfilm "La Jetée" ("Am Rande des Rollfelds", 1962) entliehen, einer hypnotischen filmischen Vision der verlorenen Vergangenheit nach einem atomaren Weltkrieg. Doch mit dieser Anleihe endet auch schon die Ähnlichkeit von "12 Monkeys" mit "La Jetée". Was bei Marker stilisierte Darstellung menschlicher Ohnmacht ist, wird unter Gilliams Händen zu einem apokalyptischen Genrebild, das sich in die Maßlosigkeit eines effektbeladenen Fiebertraums hineinsteigert.

Die kläglichen Reste der Menschheit vegetieren unter der Erde. Philadelphia ist zur Geisterstadt geworden, und die ohne Tageslicht existierenden Überlebenden scheinen einer faschistisch organisierten Gemeinschaft ausgeliefert zu sein. Von Zeit zu Zeit werden "Freiwillige" mittels einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zurückgeschickt, um herauszufinden, was die tödliche Katastrophe des Jahres 1996 veranlaßt hat. James Cole ist der Nächste, findet sich aber versehentlich im Jahre 1990 wieder und wird auf Grund der wirren Geschichte, die er erzählt, in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Außer dem Bild des kleinen Jungen auf dem Flughafen verfolgt Cole die "Erinnerung" an eine Armee von zwölf Affen, unter der er sich selbst nicht Konkretes vorstellen kann, von der er aber zu wissen glaubt, daß sie etwas mit der verheerenden Virus-Epidemie zu tun hat. Die Menschen, mit denen Cole in Berührung kommt, sind entweder selbst Existenzen am Rande des Wahnsinns (wie der von Brad Pitt genüßlich überagierte protestversessene Sohn eines Wissenschaftlers) oder ungläubige Skeptiker (wie Madeleine Stowes Psychiaterin). Auf einer zweiten Reise in die Vergangenheit "klären" sich dann die Ereignisse, freilich auf eine Weise, die mit Kohärenz und Logik auch nicht entfernt etwas zu tun hat.

Wer nach den Verleihankündigungen einen High-Tech-Thriller erwartet, wird bitter enttäuscht. So perfekt das Material auch organisiert ist, so fern bleibt Gilliams Film doch dem, was Fans von einem Bruce-Willis-Film erwarten mögen. Gilliam ist nicht an Action, sondern an einer labyrinthischen Geschichte menschlichen Verfalls interessiert. Statt auf permanente Verfolgungsjagden schickt er seine Kamera in Schmutz und Degradation, läßt sie die nackten Zellenwände absuchen und durch die Überreste einer selbstzerstörerischen Endzivilisation irren. Der Held ist nichts als eine leere Hülle, von Verletzungen und Geschwüren heimgesucht, im ständigen Delirium eines um Zeit und Menschsein betrogenen Paranoiden nach Anhaltspunkten seiner einstigen Existenz forschend. Wie stets bei Gilliams Filmen bieten sich in der Überfülle der virtuos inszenierten Bezugsbilder mengenweise Anspielungen und Vergleichbarkeiten an, doch - wie auch schon in "Brazil" (fd 25 074) - schweben sie stets in der Gefahr, unter der Bombastik und Exzentrik der Einfälle erstickt zu werden. So bringt es "12 Monkeys" letztlich zu keiner Relevanz, ja nicht einmal zu einer dramaturgisch sinnvoll erzählten Geschichte. Gilliam erliegt auch diesmal wieder seiner Tendenz zu inhaltlichen und stilistischen Wiederholungen, die den überlangen Film allmählich aushöhlen und das Interesse an der Hauptfigur abbauen, noch bevor Cole beginnt, die hohle Larve mit ein bißchen neuem Leben zu füllen. In einer letzten Tour de Force werden Hitchcocks "Vertigo" (fd 7835) und das Motiv der doppelten Identität benutzt, um dem an Ausflügen in fantastische Filmwelten schon überreichen Film auchnoch einen, überflüssigen, Anklang von mysteriöser Pseudo-Romantik hinzuzufügen.

Gilliams Kunst ist mit Hieronymus Bosch verglichen worden, und der Vergleich ist nicht ganz abwegig. Beide haben das Apokalyptische und das Groteske gemeinsam, beide verstecken den Kerngedanken hinter einer Fülle elaborater Details. Doch sie unterscheiden sich mindestens in einem wichtigen Punkt: wo bei Bosch Ordnung im Chaos herrscht, demontiert bei Gilliam das Chaos die Ordnung. Genau das mag es sein, was seine Filme für viele faszinierend macht. Man muß jedoch ein unverbesserlicher Gilliam-Fan sein, um in "12 Monkeys" nicht spätestens auch die Schwächen seiner Kunst zu entdecken. Schwächen, die der französische Filmemacher Alexandre Astruc, ein Zeitgenosse Chris Markers, vor einem halben Jahrhundert schon als die Tyrannei des Visuellen bezeichnete, das sich hauptsächlich um seiner selbst willen gefällt.

Veröffentlicht auf filmdienst.de12 MONKEYSVon: Franz Everschor (25.1.2026)
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