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A Missing Part

98 minDrama, KomödieFSK 12
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Szenebild von A Missing Part 1
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Der ehemalige Chefkoch Jérôme (Roman Duris) fährt Tag für Tag mit seinem Taxi durch Tokio – in der Hoffnung, seine Tochter Lily zu finden. Seit der Trennung von seiner Frau Keiko vor neun Jahren hat er sie nicht mehr gesehen. Zermürbt von der Erfolglosigkeit seiner Suche beschließt er, seine Wohnung zu verkaufen, um mit dem Geld in Frankreich ein neues Restaurant zu eröffnen. Dann aber steigt ein Mädchen in sein Taxi – und er ist diesmal absolut sicher, seine Tochter endlich gefunden zu haben …
Nach «Keeper» und «Nos batailles» beschäftigt sich der belgische Regisseur Guillaume Senez erneut mit dem Thema Vatersein. In A MISSING PART überzeugt Romain Duris («L’Auberge espagnole», «Gadjo dilo») als eigensinniger Vater, der sich auch in einer fremden Kultur mit einem völlig anderen Sorgerecht nicht davon abbringen lässt, mit seiner Tochter in Kontakt zu treten.

Wenn der Franzose Jérôme (Romain Duris) mit dem Taxi durch Tokio fährt, mustert er im Rückspiegel verstohlen seine Passagiere. Mal sind sie Japaner, mal Europäer; einige steigen allein ein, andere zu zweit oder zu mehreren. Jérôme möchte offenbar jemanden finden – doch in der asiatischen Megapole gleicht das der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Früher war Jérôme Chefkoch, hatte Frau und Tochter. Doch die Ehe ging in die Brüche, und dann verlor er seine Tochter, genauer: Er durfte sie nicht mehr sehen. Als seine Ex-Frau wegzog, erhielt er keine Nachrichten mehr von Lily, die jetzt ungefähr 12 Jahre alt sein müsste. In Japan ist geteiltes Sorgerecht nicht vorgesehen. Es gilt, grob gesprochen, das Motto: Wer als Erster da ist, bekommt das Kind.

Nun ist Jérôme Taxifahrer, weil er die Hoffnung hat, Lily eines Tages zu begegnen. Außerdem lernt er durch seine Anwältin Michiko (Tsuyu Shimizu) andere Menschen kennen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Auch die Französin Jessica (Judith Chemla) darf ihren Sohn nicht mehr sehen, weil dessen japanischer Vater ihn für sich beansprucht. Mit der Zeit findet Jérôme heraus, dass auch rein japanische Paare von dieser Regelung betroffen sind. Als Ausländer darf er sich allerdings keine rechtlichen Verstöße leisten, sonst droht die Abschiebung. Also versucht er, Jessica mit seinen eigenen Erfahrungen zur Seite zu stehen. Sie brauche vor allem Geduld, rät er ihr. Er selbst suche seit neun Jahren nach Lily.

Mit seinen Kräften am Ende

Doch nach dieser langen Zeit ist auch Jérôme mit seinen Kräften am Ende. Er will seine Wohnung verkaufen und in Frankreich ein Restaurant eröffnen. Doch ausgerechnet in der Woche, als der Verkauf ansteht, besteigt eine junge Schülerin sein Taxi. Sie läuft an Krücken und muss deshalb zur Schule chauffiert werden. Jérôme ist überzeugt, dass es sich bei dem Mädchen um Lily (Mei Cirne-Masuki) handelt. Behutsam versucht er, bei den wiederholten gemeinsamen Taxifahrten mit ihr eine Beziehung aufzubauen, offenbart ihr jedoch nicht seine Identität.

Durch die Augen seines europäischen Protagonisten, der die japanische Gesellschaft gut kennt, behandelt Regisseur Guillaume Senez in „A Missing Part“ ein brisantes Thema. Es sorgt in Japan für viel Schmerz und entreißt Kinder ihren vom Gesetz benachteiligten Elternteilen. Dabei entfaltet das Drama sein Anliegen erst allmählich, bevor sich einem westlichen Publikum die Tragweite von Jérômes Dilemma erschließt. Seine ganze Lebensplanung hat er auf die Suche nach seiner Tochter hin organisiert. Er lebt allein und hat nur den Affen Jean-Pierre, der ihm Gesellschaft leistet. Er unterhält freundschaftliche, aber oberflächliche Beziehungen, etwa zu seinem Buchhändler, seiner Anwältin oder seinen Kollegen von der Taxizentrale.

Insgeheim aber hält er sich zurück und passt sich den Gepflogenheiten des Landes an, in dem Gefühlsausbrüche verpönt und auch juristisch nicht ungefährlich sind. Den Behörden, die in der Angelegenheit des Sorgerechts keinerlei Flexibilität zugunsten des vernachlässigten Elternteils kennen, kann er nur mit Nüchternheit und Hartnäckigkeit begegnen. Gerade, als er aufgeben will, begegnet ihm die Tochter, nach der er sich so lange gesehnt hat. Doch ist sie es wirklich? Zuletzt hat Jérôme sie als Dreijährige gesehen. So schürt der Film im zweiten Drittel zunächst Zweifel an der Identität des Mädchens und baut damit einige Spannung auf. Auch Jérômes Vater, der auf die Rückkehr seines Sohnes wartet, will die Nachricht nicht glauben. Zu oft ist Jérôme in der Vergangenheit falschen Fährten nachgegangen.

Annäherung an eine Unbekannte

Dann schildert der Film eine vorsichtige Annäherung Jérômes an eine Unbekannte. Wer sein Kind nicht hat aufwachsen sehen, kennt es nicht. Schrittweise tastet sich Jérôme an das japanische Kind heran; er versucht, Lilys Interessen herauszufinden und so Gesprächsthemen zu identifizieren. Dabei bewegt er sich auf gefährlichem Terrain, denn Lilys Mutter darf davon nichts mitbekommen. So wird das Publikum Zeuge, wie der Protagonist endlich auf der Zielgeraden angekommen scheint, jedoch immer noch mit Hürden zu kämpfen hat.

Aussagekräftig sind auch die Schauplätze des Films. Das in seiner Enge klaustrophobisch wirkende Taxi steht sinnbildlich für Jérôme mangelnden Spielraum. Der Rückspiegel fungiert als Rückblende und Reflexion über sein verpfuschtes Familienleben. Auch in anderen Orten ist der Held allein; nachts, wenn in Tokio etliche Lichter flackern, und er an Plätzen voller Leuchtreklamen vorbeikommt, die an den Times Square in New York erinnern. Trotz seiner Kenntnis und Akzeptanz der japanischen Gesellschaft fühlt sich Jérôme häufig als Außenseiter. Auch Lily teilt ihm in ihren Gesprächen mit, dass sie sich als „Hafu“, als Kind einer Japanerin und eines Nichtjapaners, manchmal außen vor fühle.

Ankommen und Fremdsein

So verhandelt der Film auch Themen wie Ankommen und Fremdsein, wenn auch vornehmlich aus der Perspektive eines Nichtjapaners. Dennoch erfährt man, dass er sich in der Vergangenheit nicht immer vorbildlich verhalten hat, ihn also auch eine Mitschuld an seinem Dilemma trifft. Seine Gefühle kann er nicht immer unterdrücken; in unpassenden Momenten verliert er die Fassung. Mit seinen Arbeitgebern kann man in Japan offenbar genauso wenig diskutieren wie mit Behörden. Dass man sich in dem Land Stoizismus aneignen und einiges einfach hinnehmen muss, ist für Menschen aus dem Westen nur schwer zu akzeptieren. Schließlich hinterlässt der Zwang, sich ständig zusammenreißen zu müssen, auch Spuren. Einmal geht Jérôme mit Jessica in einen Laden, wo man dafür bezahlt, mit einem Baseballschläger Sachen zerstören zu dürfen, um sich abzureagieren.

Gegen Ende des Films wird es dann doch noch emotional, dramatisch und tragisch. Digitale Kommunikationsmittel aber schaffen Abhilfe und sorgen dafür, dem rigiden japanischen Rechtssystem ein Schnippchen zu schlagen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deA Missing PartVon: Kira Taszman (26.3.2026)
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