Vorstellungen
Filmkritik
Óscar Restrepo (Ubeimar Rios) blickt auf eine Banknote, die ihm seine entfremdete Tochter Daniela (Allison Correa) in die Hand gedrückt hat – 5000 kolumbianische Peso, kaum mehr als ein Euro. Auf dem Schein prangt das Porträt von José Asunción Silva, einem berühmten kolumbianischen Lyriker, der sich mit einem Schuss ins Herz das Leben nahm. Ein Abbild des tragischen Poeten hängt auch in Óscars Zimmer. Immer wieder pendelt die Kamera zwischen der Fotografie und Óscars Augen hin und her, als spiegelten sie denselben Schmerz, der den einen ins Grab und den anderen in die Verzweiflung bringt. In diesem Wechselspiel zeichnet sich bereits der Ton des Films ab: ein Mann, der sich im eigenen Niedergang eingerichtet hat.
Der frühere Dichter Óscar lebt bei seiner betagten Mutter in Medellín und hat seit Jahren nichts mehr publiziert. Widerwillig nimmt er eine Teilzeitstelle an einer Schule an, um endlich Verantwortung für seine Tochter zu übernehmen. Im Unterricht erkennt er das lyrische Talent der Schülerin Yurlady (Rebeca Andrade), die er als ihr Mentor bei einem Poesie-Wettbewerb anmelden möchte. Nach zahlreichen Eskapaden und Rückfällen kippt die Situation, und Óscar steht endgültig vor dem existenziellen Aus.
Dichter im luftleeren Raum
Regisseur Simón Mesa Soto hat in einem Interview kundgetan, dass er mit „A Poet“ die schlimmste Version seiner selbst in 20 Jahren erschaffen wollte – einen gescheiterten Künstler, der voller Bitterkeit und Missgunst auf die Welt blickt. So kommt der Protagonist des Films auch daher: Mit leicht gebückter Haltung im vollgeschwitzten Hemd und der Brille weit vorn auf der Nase blickt Óscar in den luftleeren Raum, als würde die Tragödie ihm Selbstmitleid abnötigen und erlauben, sich im Geiste eines traurigen Poeten zu suhlen. Der personifizierte Schluck Wasser in der Kurve, cholerisch und kleinlaut zugleich, eher dem Alkohol als der Poesie zugetan.
Aus lauter Theatralik malt sich Óscar zwischenzeitlich ein Herz auf die Brust – weniger aus echter Verzweiflung als aus anhaltendem Selbstmitleid, ganz im Geist seines tragischen Vorbildes. In der expressiven Tragik liegt auch die Komik des gekrümmten Mittfünfzigers. Oft genügen schon dessen Physiognomie und die unorthodoxe Mimik von Laiendarsteller Ubeimar Rios, die den Film mit verschrobenem Humor durchziehen. Bei einem abstrusen Format möchte er mit seinen Gedichten noch einmal durchstarten, neben ihm ein infantiler Rapper, der den Kontrast verdeutlicht. In „A Poet“ wird der Protagonist zum Gespött gemacht. Denn sobald sich ihm eine neue Gelegenheit für die späte Anerkennung bietet, führt diese doch stets nur in die nächste Eskalationsstufe.
Zum Texten gezwungen
Die problematische Vater-Tochter-Beziehung macht Óscar noch verletzlicher und armseliger, während er gleichzeitig versucht, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Die Misere soll enden, als er mit anfänglicher Skepsis den Lehrerjob annimmt und das rhetorische Talent der aus armen Verhältnissen kommenden Yurlady entdeckt. Mit gequältem Ernst spendiert er ihr Einkäufe für die ganze Familie, um sie zu drängen, ihm in seinem ungelebten Traum zu folgen. Ihre Prosa offenbart etwas Echtes, Ungezwungenes – eine Fähigkeit, die er selbst mit dem Alter verloren hat. Óscar schreibt nicht mehr, er möchte schreiben lassen, um sein Leben sinnvoll zu gestalten. Aber der vom Leben Gebeutelte bekommt nicht das, von dem er glaubt, er hätte es verdient. Slapstick und Missverständnisse maximieren sein Elend, als er unter dem dunklen Verdacht steht, er hätte sich an der jungen Schülerin vergangen.
Kolumbien gilt vor allem als Land der Gewalt. Doch ausgerechnet in Medellín, einst das Epizentrum des Drogen- und Waffenhandels, findet jährlich das Internationale Poesiefestival statt. Die Spuren dieser Gewalt sitzen bis heute in den sozialen Strukturen der Stadt fest. Im körnig-schmuddeligen 16mm-Schmalbildformat findet Kameramann Juan Sarmiento G. auch Bilder für die prekären Verhältnisse, ohne darüber in kulissenhafte Armut abzugleiten. Wenn Yurladys Familie eng zusammengedrängt die Mahlzeit der vergangenen Nacht bei einem klärenden Gespräch verzehrt, wird weder beschönigt noch im Elend geschwelgt; offenbart wird vielmehr der schelmische Humor von „A Poet“.
Im Gegensatz zum Lokalkolorit, das sich organisch aus der Realität speist, soll der Eröffnungstext des Lyrikwettbewerbs einem typisierten Narrativ gehorchen. Yurlady wird aufgefordert, ihre prekären Verhältnisse in Reimform zu pressen, damit die privilegierten Besucher die Tränen auf Abruf vergießen können. Schon bei ihrer ersten Begegnung mit Óscar sagt sie, dass sie Verse nur dann niederschreibe, wenn ihr eben danach sei.
Ein Poet, ein Mensch
Vincent van Gogh verkaufte zu Lebzeiten nachweislich nur ein einziges Bild, und Franz Kafka wurde erst posthum für seine Werke bekannt. Yurlady lehrt Óscar, dass Kunst nicht von Reputation abhängig ist; dass ein Werk auch Bestand haben kann, selbst wenn niemand hinsieht. Gegen Ende begegnet Óscar dem Leiter der Poesieschule, dem erfolgreichen Schriftsteller Efrain (Guillermo Cardona), der alles verkörpert, wovon Óscar je geträumt hat, und der ihn als „mittelmäßigen Poeten“ abkanzelte, mit einem spöttischen Wunsch: Er möge als der größte Lyriker aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Der äußere Glanz von Ruhm verdeckt oft, wer ein Mensch wirklich ist.
„A Poet“ ist eine Tragikomödie, die ihre Genrezuordnung verdient. Trauerspiel und Posse bedingen sich unmittelbar, wenn Óscars verzweifelte Versuche, Yurlady zu fördern und seinem Leben neuen Sinn zu verleihen, immer wieder komisch scheitern. Sein Verhalten oszilliert zwischen absurden Situationen und tragisch-ironischen Momenten, und jedes neue Fettnäpfchen lässt ihn fast unerträglich leiden. Man könnte kritisieren, dass schwerwiegende Themen wie ein Vorwurf der Vergewaltigung für Óscars Talfahrt benutzt werden, doch verhandelt der Film dies mit einer beeindruckenden Balance, humoristisch, ohne die Ernsthaftigkeit zu untergraben. Und erlöst seinen geplagten Protagonisten nicht durch künstlerische Vollendung, sondern durch eine leise Verschiebung des Fokus.




