Vorstellungen
Filmkritik
Das werden alle sagen: Der Titel „A Sad and Beautiful World“ passt perfekt zu diesem Liebesfilm. Denn die zunächst allgemeingültige Wendung von einer schönen und zugleich traurigen Welt durchzieht jede Szene, Wendung, Interaktion des Films. Das Schöne und das Tragische wechseln sich nicht nur ab, sondern finden in der Beziehung der gegensätzlichen Hauptfiguren gleichzeitig statt. Der libanesische Filmemacher Cyril Aris nutzt die Konstellation als Metapher für das Leben im zerrütteten Libanon, der ein gescheiterter Staat ist, aber auch Heimat.
Mit nur einer Minute Abstand geboren
Während draußen der Bürgerkrieg tobt, kommen Nino (Hasan Akil) und Yasmina (Mounia Akl) mit nur einer Minute Abstand im selben Beiruter Krankenhaus auf die Welt. Im Grundschulalter freunden sie sich an, empfinden bald eine erste Verliebtheit füreinander und verlieren sich dann im Zuge familiärer Umbrüche aus den Augen. Viele Jahre später treffen die beiden als Erwachsene zufällig wieder aufeinander. Nino, der inzwischen das Restaurant seiner verstorbenen Eltern betreibt, erkennt die karriereorientierte Yasmina zuerst wieder. Der trotz allem optimistische Nino sieht das Gute im Libanon und hofft auf eine Besserung der Umstände, die desillusionierte Yasmina steht hingegen kurz davor, das Land zu verlassen. Trotzdem sprühen die Funken. Der Auftakt einer Liebe, in der sich die unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben und der Heimat immer wieder aneinanderreiben.
Über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten folgen Cyril Aris und die Co-Autorin Bane Fakih dem Leinwandpaar. Die Erzählung entfaltet sich nicht chronologisch, sondern abwechselnd auf drei Zeitebenen: Die Kindheit und das erste Kennenlernen im Krieg, das erneute Aufeinandertreffen und die frische Liebe, zuletzt eine Beziehungskrise in der Gegenwart des Films.
Klar unterscheidbar sind die eingestreuten Rückblenden in die Kindheit, die immer wieder aufzeigen, wie frühe Traumata das spätere Leben prägen. „Bitte kein Krieg“, fleht die zusammengekauerte Yasmina als Mädchen, als sie ein Feuerwerk hört; als Erwachsene schreckt sie bei einem Überschallknall zusammen, den sie mit einem israelischen Angriff verwechselt. Die anderen beiden Ebenen sind subtiler voneinander getrennt, vor allem durch die gesetztere Stimmung im letzten Segment, die sich ästhetisch in einer nun oft statischen und distanzierten Kamera und einer gedeckten Farbgebung ausdrückt.
Mal läuft es besser, mal schlechter
Die krisenhafte Geschichte des Libanon ist als Hintergrund der Romanze stets präsent, steht aber nie im Vordergrund. Der Wirtschaftskollaps und die politischen Verwerfungen spiegeln sich beispielsweise in Ninos Restaurant, das mal besser, mal schlechter läuft und schließlich in seiner Existenz bedroht ist. Mehrfach wird erwähnt, dass es nachts keinen Strom gibt, einmal im Film machen alle Banken dicht, später muss Yasmina tagelang anstehen, um einen Pass zu organisieren.
Schon der dramatische Auftakt zeigt, wie die politischen Krisen die Lebenswege von Yasmina und Nino beeinflussen: Kurz vor der Geburt der beiden explodiert eine Bombe, danach verweben dokumentarische Archivbilder die Kindheit mit dem Kriegsgeschehen. In den Krisenerfahrungen, darunter auch der Verlust der Eltern, wurzelt der Grundkonflikt des späteren Liebespaars. „Mach dir keine Sorgen“, beschwichtigt Nino immer wieder, während Yasmina woanders neu anfangen will.
Ein Feelgood-Film in einem deprimierenden Rahmen
„A Sad and Beautiful World“ fühlt sich wie ein dem Leben zugewandter Feelgood-Film an, der aber in einem deprimierenden Rahmen spielt. Es gibt viele glückliche Augenblicke voller Situationskomik, intimer Nähe, sprühender Liebe – andererseits regelmäßig Ereignisse, die auf den Boden der Tatsachen schmettern. Wenn Yasmina für Nino ihren Flug nach Europa sausen lässt und ihn beim Liebesgeständnis mit Tellern bewirft, bringt das die zwischenmenschliche Spannung auf den Punkt – die beiden sind wie Magnete, die sich gleichermaßen anziehen und abstoßen.
Besonders in Erinnerung bleiben einige cineastisch mitreißende Momente, in denen die Verliebten wie in den Filmen der Nouvelle Vague die Straße entlanglaufen oder Aris einen Shuttereffekt einsetzt, der an die Handschrift von Wong Kar-wai erinnert. Die oft warme Farbgebung und das offenherzige Bekenntnis zur Romantik lässt auch an „Im Juli“ und „Solino“ von Fatih Akin denken. Dass die Musik etwas zu häufig als Gefühlsverstärker dient und die Geschichte zwischendurch stagniert, lässt sich leicht verschmerzen. Auch weil jederzeit durchscheint, dass Aris das Kino liebt.
Eine große Liebe, die mit den Verhältnissen ringt
Sein Film erzählt von Zufall und Schicksal, von Verlusten, dem Alltag in einem kaputten Land, das schön sein kann, und von einer großen Liebe, die mit den Verhältnissen ringt. Nicht zuletzt die wunderbar natürlich wirkende Dynamik zwischen dem Schauspielduo Mounia Akl und Hasan Akil trägt zum Charme bei. Wenn die beiden spielerisch miteinander flirten, sich lieben oder streiten und dann doch gemeinsam durch das Chaos schreiten, knistert es gewaltig auf der Leinwand. Ein vermeintlich kleiner Film, der großes Kino ist.









