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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

135 minKomödieFSK 6
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Mit 20 wird Joachim unerwartet an der renommierten Schauspielschule in München angenommen und zieht in die Villa zu seinen Großeltern, Inge und Hermann. Zwischen den skurrilen Herausforderungen der Schauspielschule und den exzentrischen, meist alkoholgetränkten Ritualen seiner Großeltern versucht Joachim seinen Platz in der Welt zu finden – ohne zu wissen, welche Rolle er darin eigentlich spielt.
  • Veröffentlichung29.01.2026
  • Simon Verhoeven
  • Deutschland (2025)

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Die Großmutter reicht dem nach der Beerdigung seines älteren Bruders völlig aufgelösten Enkel einen handschriftlichen Zettel mit dem berühmten Zitat – zusammen mit ein paar Valium. Beides hilft. Die Tablette lässt Joachim schlafen. Sein Leben möglichst detailliert zu erinnern und niederzuschreiben, wird für den jungen Mann zur zentralen Beschäftigung.

Melancholisch grundiert

Längst ist der Schauspieler Joachim Meyerhoff, der lange Jahre Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater sowie an der Berliner Schaubühne war, mit seinen autobiografischen Romanen mindestens so erfolgreich wie als Mime. Sechs Bücher hat er bislang veröffentlicht, die vom Unfalltod seines Bruders, dem Aufwachsen auf dem Gelände einer von seinem Vater geleiteten psychiatrischen Klinik in Schleswig, seiner Schauspielausbildung, diversen Liebeswirren, einem Schlaganfall sowie seiner Mutterbeziehung handeln. Mit Selbstironie und Präzision berichtet der Autor besonders gerne vom eigenen Scheitern, wobei seine Erzähl- und Fabulierkunst ein melancholischer Grundton durchzieht.

Die Latte für filmische Adaptionen liegt also hoch. Nach Sonja Heiss, die Meyerhoffs zweiten Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ 2023 stimmig verfilmte, gelingt es nun auch Simon Verhoeven, den Meyerhoffschen Geist einzufangen. Verhoeven nahm sich mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ dessen drittes Werk vor, in dem Meyerhoff von seiner Zeit an der Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule erzählt – während der er bei seinen exzentrischen Großeltern lebte, der Schauspielerin Inge Birkmann und dem Religionsphilosophen Hermann Krings.

Die unkonventionellen Lehrmethoden und für Joachim zumeist peinlich-peinigende Geschehnisse an der Falkenberg-Schule werden mit dem streng durch den Konsum verschiedener Alkoholika ritualisierten Alltag der Großeltern kontrastiert, welcher dem an sich und seinem Lebensweg zweifelnden jungen Mann die dringend benötigte Heimat gibt. Zwischen diesen beiden spannungsvollen Polen spielt sich für drei Jahre das Leben von Joachim ab. Zwischen dem allmorgendlichen Klirren der Champagnerkelche in der Nymphenburger Villa und der Herausforderung, „mit den Brustwarzen zu lächeln“. Dem 18-Uhr-Whisky der Großeltern und der Aufgabe, in der Rolle eines Nilpferds „Effi Briest“ zu geben. Einem Statistenauftritt mit Riesen-Dildo in einer „Faust“-Inszenierung und dem allabendlichen Cointreau-Absacker, bevor die beiden Alten mit dem Treppenlift Richtung Schlafzimmer entschweben.

Auf der Suche nach sich und seiner Rolle

Es gelingt Verhoeven, all dies eng an der Vorlage, zugleich aber diskret gekürzt und gerafft in eine eigenständige filmische Form zu gießen. Hie und da fügt die Inszenierung auch Aspekte hinzu, was dramaturgisch durchweg nachvollziehbar ist. So betont der Film etwa die Rolle von Sabrina, die Joachim seit seiner Aufnahmeprüfung kennt und die eine motivierend-ermutigende Funktion einnimmt. Er thematisiert die beginnende Schreib- und Erinnerungstätigkeit des jungen Mannes, zieht die Trauer um den Bruder hingegen etwas konsequenter ins Geschehen ein. All dies, um von einem jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, dem eigenen Lebensweg und der eigenen Stimme zu erzählen. Das ständige Gefühl des Fremdseins in der Welt empfindet Joachim nur bei den Großeltern und deren radikal geregeltem Tagesablauf nicht. Deren Stetigkeit ist eine Brücke in die Kindheit und damit in eine Zeit, in der man sich und seinen Platz in der Welt noch nicht hinterfragte, weil man eins mit sich war. Ein Gefühl, das Joachim beim Schauspielen lange nicht zu kreieren vermag – bis er irgendwann in einem perfekt anliegenden Paillettenkleid auf der Bühne steht: „Ich war aus einem Guss!“

Die Sehnsucht, dazuzugehören, um seinen Platz in der Welt zu kennen, aber gerade auch die Sehnsucht nach dem Früher, nach dem bekannten Terrain, vermag der Film wunderbar atmosphärisch einzufangen. Der Geruch der Nymphenburger Villa und ihrer Bewohner steigt einem förmlich in die Nase. Dazu kommen die Melancholie und die beruhigende Beständigkeit, die über dem Alltag dieses Hauses mit seinen gewissermaßen unverrückbaren Gegenständen liegt. Hier haben Produktionsdesign, aber auch die Kostümabteilung Wunderbares geleistet, wenn feine Details wie die Dellen der Champagnerkorken an der Zimmerdecke, der leicht verblichene Charme der großbürgerlichen Einrichtung oder die mondäne Kleidung der Großmutter ins Bild rücken.

All das aber wäre nichts ohne die grandiosen Schauspieler, allen voran Bruno Alexander als Joachim, der eine Idealbesetzung für den unsicheren, selbstzweiflerischen, schambehafteten und mit großen, staunenden Augen durchs Leben gehenden jungen Mann ist. Senta Berger als Inge und Michael Wittenborn als Hermann sind ebenfalls perfekt besetzt. Auch wenn Senta Berger mit dem dramatischen „Mooahhhhhhhh“-Ausruf der Großmutter aus dem Roman offenbar nicht so viel anfangen kann und diesen häufig wiederkehrenden Ausdruck zu einem arg zurückhaltenden „Mo!“ verkürzt, ist sie als Grande Dame einfach brillant. Wittenborn zeigt an ihrer Seite einmal mehr, dass er ein Meister der (komödiantischen) Präzision ist. Dazu kommen zahlreiche prominent und hervorragend besetzte Nebenrollen.

Hochkomisch & tieftraurig

„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist eine gelungene Mischung aus Coming-of-Age-Film, Familiendrama, Milieu-Komödie und filmischen Memoiren, die nicht nur die Lücke verhandelt, die der Bruder hinterließ, sowie andere familiäre Verluste. Sondern eben auch die Lücke im Wertherschen Sinne, auf den sich das titelgebende Zitat bezieht: zwischen dem, was man ist – und dem, was man sein will. Simon Verhoeven hat einen wunderbaren Roman zu einem hochkomischen, tieftraurigen und sehenswerten Film destilliert.

Veröffentlicht auf filmdienst.deAch, diese Lücke, diese entsetzliche LückeVon: Katharina Zeckau (9.2.2026)
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