Vorstellungen
Filmkritik
Ausgangspunkt ist die überlieferte Chronik eines Mönches: Lope de Aguirre ist ein Conquistador, der mit der zweiten Welle der spanischen Eroberer nach Südamerika kam; er beteiligte sich an der ersten Expedition, die Eldorado suchte, zettelte nach wenigen Tagen im Urwald einen Aufstand an, tötete den Anführer der Truppe und schob einen Strohmann vor. Mitten im Urwald, in einer operettenhaften Farce, erklärte Aguirre das Haus Habsburg aller Rechte für verlustig und König Philipp II. für entthront, um einen eigenen Mann zum Kaiser von Eldorado in Neuspanien auszurufen. Er begann, sich "Zorn Gottes" zu nennen, gleichzeitig wurde seine Truppe von den Indios immer mehr aufgerieben, Aguirre ist der letzte, der auf einem treibenden Floß von einem Pfeil getötet wird. - Herzogs Dreharbeiten waren von unglaublichen physischen, psychischen und ökonomischen Schwierigkeiten begleitet. Um so bemerkenswerter ist, daß man dem fertigen Film die Schwierigkeiten der Herstellung nicht ansieht. Der Untergang der Conquistadoren-Truppe und ihres besessenen Anführers Aguirre vollzieht sich in einer visionären Landschaft, die Herzog jedoch in keiner Phase ausgebeutet hat. Der Amazonas-Dschungel bleibt nur im Hintergrund präsent, eine ständige, undurchschaubare Bedrohung, die die Feinde Aguirres verbirgt. Dem episch angelegten Bericht des Chronisten, der die Bilder unaufdringlich begleitet, entspricht eine bestechend einfache lineare Dramaturgie, die ihren Protagonisten nie aus den Augen verliert: da ist das alte Motiv der Wanderschaften und Pilgerfahrten, das die Abenteuergeschichte in Gang setzt; ein Märchenbuch fast, von einem, der auszog, eine Welt zu erobern, eine Schatzsuchergeschichte mit verwegenen Helden. Ein faszinierendes Abenteuer aus einer fernen Welt, das nicht nur in der Story selbst liegt, sondern in jedem Gegenstand, in den Flößen, Kanonen, Pfeilen und Rüstungen, Requisiten von Abenteuer-Träumen in unserer plastifizierten Gegenwart. Herzog und seine Leute haben äußerst sorgfältig gearbeitet: selbst der Rost, der sich im Laufe der Wochen an den Rüstungen und Kanonen ansetzte, ist echt. Herzog bleibt beim Abenteuer nicht stehen. Die Geschichte von den spanischen Eroberern, die gierig über ein fremdes Land herfallen, von fanatischen und opportunistischen ideologischen Eiferern unterstützt, hat auch eine konkrete politische Dimension: Aguirres Truppe ist eine Bande von imperialistischen Verbrechern, von einem besessenen Führer ins Verderben gehetzt mit falschen Versprechungen, mit Drohungen und Greueln. Ihr Feind: die nie faßbaren, wie Guerillas kämpfenden Indios, die fremde Landschaft und - sie selbst. Die Analogien zur Gegenwart sind offensichtlich. - Herzog weitet das zur Parabel aus, zur Parabel von Menschen, die von einem Dämon und falschen Glücksvorstellungen getrieben fast methodisch präzis ihren eigenen Untergang herbeiführen. Immer weiter "verrennen" sie sich, und gleichzeitig wird ihre Bewegung immer langsamer bis zum endgültigen Stillstand. Der Film zeigt diesen Abstieg ganz konkret, beginnend in den Anden, dann geht die Bewegung immer tiefer, bis schließlich - es könnte ein Bild von Dali oder Bosch sein - ein Schiff hoch über den auf dem Fluß Treibenden in den Bäumen hängt. Lautlos kommen Pfeile, gespenstisch bevölkert eine Horde kleiner Affen das Floß. Die Endphase des Scheiterns von Hybris in Wahnsinn und Tod vollzieht sich ganz still. Mit "Aguirre, der Zorn Gottes" hat Werner Herzog einen der vielschichtigsten Abenteuerfilme gedreht, die hierzulande je entstanden sind, der aber doch untrennbar mit den äußerlich so grundverschiedenen anderen Arbeiten des Regisseurs verbunden ist: mit den Landschaften seiner anderen Filme, Landschaften, "die es eigentlich gar nicht geben dürfte" (Herzog), die die Figuren darin immer wieder zu einsamen, hilflosen Fremden machen, die von sich aus bestimmte Geschichten evozieren. Geschichten, die dann aber sehr persönlich erzählt werden, Niederlagen, Zerstörungen. Vielleicht hat Herzog den "Aguirre" gedreht, um sich von dieser Figur zu befreien.










