









- Veröffentlichung15.01.2026
- RegieMurad Mustafa
- ProduktionDeutschland (2025)
- Cast
- IMDb Rating5.0/10 (218) Stimmen
Vorstellungen
Filmkritik
Schon der Weg zur Arbeit ist Arbeit. Mit unbewegten Gesichtszügen walzt sich Aisha durch den dichten Verkehr in dem Kairoer Stadtteil Ain Shams, vorbei an Autos, Bussen, Zügen, Dreirädern und Menschen, unter Betonbrücken hindurch, umgeben von ohrenbetäubendem Lärm. Das Dröhnen und Rattern der Motoren vermischt sich mit Gehupe und Geschrei. In der Luft hängt Staub, der sich auf der Haut, den Fensterscheiben und Fußböden ablagert und das Putzwasser schwarz färbt. Die vor dem Bürgerkrieg im Sudan geflüchtete Krankenschwester arbeitet als Pflegekraft in privaten Haushalten. Das ist ein schlecht bezahlter Job, der wie in europäischen Ländern vornehmlich von Arbeitsmigrantinnen ausgeübt wird.
Aisha (Buliana Simon Arop) ist mehr mit dem Überleben als dem Leben beschäftigt. Ihr Wohnviertel ist gefährlich; auf den Straßen tobt ein Bandenkrieg zwischen örtlichen Gangs und afrikanischen Einwanderern. Für ihre mietfreie Wohnung hat sie sich erpressbar gemacht: Der Vermieter verlangt Nachschlüssel von den Wohnungen, in denen sie arbeitet. Nach einem Raubüberfall, der für eine pflegebedürftige Frau im Koma endet, steht Aisha bei ihrem Arbeitgeber unter Verdacht. Von nun an soll sie nur in einem einzigen Haushalt tätig sein.
Durch den Stressraum
Der ägyptische Filmemacher Morad Mostafa entwirft in „Aisha Can’t Fly Away“ – zunächst – ein prototypisches Sozialdrama. Geradezu generisch wirkt etwa die Handkamera, die sich an Aishas Fersen heftet und ihr durch den Stressraum aus Verkehr, Wegen, Arbeitsstellen und der eigenen Wohnung folgt. Gleiches gilt für die repetitiven Abläufe, die ein Gefühl von Ausweglosigkeit und Beklemmung hervorrufen. Aisha hetzt, putzt, kocht, pflegt. Abends kehrt sie erschöpft in ihre Wohnung zurück, wo sie von ihrem Fenster verstohlene Blicke auf die Drogendealer und ihre Revierkämpfe wirft. Zwei Afrikaner, die im „fremden“ Territorium gedealt haben, werden brutal zusammengeschlagen. Als Aisha dem Gangleader mitteilt, dass sie keine Wohnungsschlüssel mehr liefern kann, schlägt man ihr die Fensterscheibe ein und droht mit Geldforderungen und Rauswurf.
Die neue Pflegestelle erweist sich zudem als Falle. Der kranke Mann im Rollstuhl verlangt sexuelle Dienste, die Aisha zunächst abwehrt. Ihre Beschwerde ist aussichtslos, der Arbeitgeber erklärt ihr, sie solle es als Teil der Pflege betrachten. Die junge Frau sieht sich gezwungen, den Missbrauch hinzunehmen, wenn sie ihren Job behalten will.
Mitmenschlichkeit und Gemeinschaft sind rar
Bei aller Trostlosigkeit ist „Aisha Can’t Fly Away“ ausgesprochen schön fotografiert. Nachts wechseln kalte, leicht blaustichige Bilder mit Gold- und Gelbtönen, bei Tageslicht wirken die Farben dagegen matt und von Staub belegt. Momente von Mitmenschlichkeit und Gemeinschaft sind rar. Ein ägyptischer Koch bereitet ihr nach der Arbeit einen Teller Spaghetti zu, den sie wortlos zu sich nimmt. Aus der Freundschaft könnte sich eine tiefere Beziehung entwickeln. Doch der Rassismus der ägyptischen Gesellschaft steht der Verbindung im Weg. Nur in wenigen Momenten beleben sich Aishas erloschene Gesichtszüge: beim Telefonieren mit ihrer Familie im Sudan, bei der Betreuung eines gehbehinderten Jungen oder in Gesellschaft einer ehemaligen Arbeitskollegin, die in einer Wohngemeinschaft mit anderen sudanesischen Frauen lebt.
Der Kreislauf aus Zwängen, Missbrauch, Rassismus und Gewalt hinterlässt bei Aisha nicht nur psychische Wunden. Auf ihrem Körper breitet sich ein rätselhafter Ausschlag aus. Zunächst scheinen die Schrunden und Beulen das Passionsdrama nur zu verstärken – und dann enthüllen sie sich als Beginn einer potenziell befreienden Metamorphose. Auslöser ist die Begegnung mit einem afrikanischen Strauß. Der Vogel steht Aisha auf einer nächtlichen Straße plötzlich gegenüber; seine Körpergröße entspricht genau der von Aisha – und bezeichnenderweise ist es ein weibliches Exemplar, eine Henne.
Der Strauß: Fantasiegestalt und Fluchtweg
Fliegen kann der größte lebende Vogel der Erde nicht. Sein Eigengewicht liegt weit über dem, das es ihm erlauben würde, sich in die Luft zu erheben. Dafür sind seine Krallen messerscharf. Für Aisha ist der Strauß Fantasiegestalt und Fluchtweg, ein Medium, das sie ermächtigt, die ihr real zur Verfügung stehenden Mittel des Widerstands zu nutzen. Wie eine Komplizin taucht der Vogel immer wieder auf, während sich Aisha ihrem Gegenüber allmählich anverwandelt. Der Body Horror ringt das Sozialdrama nicht nieder, sondern bricht es eher auf und macht es durchlässig für andere Möglichkeiten – abseits des sozialen Determinismus.
