Aisha und das verlorene Buch

86 minAnimation, AbenteuerFSK 6
Szenebild von Aisha und das verlorene Buch 1
Szenebild von Aisha und das verlorene Buch 2
Szenebild von Aisha und das verlorene Buch 3
Aisha liebt Feuerwerk über alles. Eines Tages nimmt sie sich ein verbotenes Buch aus der Bibliothek des Kalifen mit, ohne eine Erlaubnis dafür zu haben. Ihr Vater Ahmad wird dafür verantwortlich gemacht und anschließend verhaftet. Aisha will ihren Vater retten. Doch dafür muss sie sich auf eine abenteuerliche Reise begeben.

Eine gute Geschichte ist der Schlüssel zur Herstellung eines guten Films. Auch (oder gerade) Animationsfilme sind von dieser Binsenweisheit nicht ausgenommen, auch wenn ihre Stärken vor allem im Bereich des visuellen Erzählens liegen. Animationslegende John Lasseter hat es einmal zugespitzt: „Auch die beste Animation kann eine schlechte Geschichte nicht retten!“ Das Fehlen einer soliden Story hat zuletzt viele Projekte aus dem In- und Ausland wie „Der letzte Walsänger“, „Tafiti - Ab durch die Wüste“ oder „Alles voller Monster“ krachend an den Kinokassen scheitern lassen.

Feuerwerksdesignerin im 11. Jahrhundert

Daneben wirkt „Aisha und das verlorene Buch“, eine internationale Animationsproduktion unter Federführung Spaniens mit Beteiligung aus Deutschland und Singapur, in ihren Ansätzen ambitionierter und die Filmbilder üben einen nicht unbeträchtlichen visuellen Reiz aus: Erzählt wird von der etwa 13-jährigen Aisha, die ihrem persönlichen Traum folgt, Feuerwerksdesignerin zu werden. Dies geschieht im 11. Jahrhundert, in Al-Andalus im südlichen Spanien, unter islamischer Herrschaft. So weit, so originell. Traditioneller ist die Familienaufstellung gehalten: Natürlich ist der Vater, der angesehene Bibliothekar und Mentor des jungen Kalifen, dagegen, dass die Tochter aus dem vorgezeichneten Weg ausbricht, die Mutter ist verstorben. Als ein berühmt-berüchtigter Alchemist die Stadt aufsucht, um ein in der Bibliothek unter strengstem Verschluss aufbewahrtes Buch zu lesen (was ihm aus nicht unbedingt nachvollziehbaren Gründen verwehrt wird), verführt er Aisha dazu, es für ihn zu stehlen. Im Gegenzug verspricht er ihr ein Buch des berühmtesten Feuerwerk-Herstellers mit allen dazugehörigen Geheimnissen und Rezepturen.

Gleichzeitig plant der böse Großwesir, der Onkel des jungen Kalifen, einen Umsturz – der Alchemist soll ihm helfen, eine Art Kampfroboter zu konstruieren. Der Alchemist stiehlt das Buch und macht sich per Schiff auf nach Hause, der Bibliothekar wandert in den Kerker, und Aisha macht sich auf, das gestohlene Buch wiederzufinden, um den Vater zu retten. Dabei trifft sie auf Piraten, Zauberer und Zauberinnen.

Computeranimation im Stil von Puppentrick

An sich ist das eine interessante und vielversprechende Story für einen Film. Man erkennt die Einflüsse: Geschichten aus „1001 Nacht“ sind oft und erfolgreich verfilmt worden, das Meisterstück ist nach wie vor „Der Dieb von Bagdad“ von 1940 unter der Regie von Michael Powell und Ludwig Berger. Bereits Disney lehnte sich mit „Aladdin“ erfolgreich daran an. Auch eine Prise Hayao Miyazaki, insbesondere von seinem Abenteuerfilm „Das Schloss im Himmel“, und ein bisschen „Der Name der Rose“ sind zu erkennen. Dazu kommt die aufstrebende Regisseurin Shadi Adib, für ihren Kurzfilm „Fuse“ (2018) vielfach ausgezeichnet, die dem ganzen einen einzigartigen modernen Look verleihen soll, um das Kinopublikum zu fesseln: eine Computeranimation im Stil von Puppentrick/Stop-Motion mit Figuren aus Pappmaché. Das alles mit einer angenehmen Farbpalette mit viel tiefem Rot und einem ansprechenden Figurendesign, das schon von weitem signalisiert, wer gut und wer böse ist.

Limitierende Faktoren bei einer Filmproduktion, ob nun Real- oder Animationsfilm, sind Zeit und Geld. „Aisha und das verlorene Buch“ hat ein Budget von etwa 4,2 Millionen Euro gehabt, geht man von den einsehbaren Förderungen aus. Das hält dem Vergleich mit anderen europäischen Produktionen stand: Der spanische Film „Robot Dreams“ kostete um die 5 Millionen Euro, die lettisch-belgisch-französische Produktion „Flow“ knappe 4 Millionen. Was zeigt, dass es nicht unmöglich ist, mit einem solchen Budget einen ansprechenden Film zu stemmen. Doch für 70 Minuten Handlung sind hier so viel Stoff und Themen zusammengebracht worden, dass „Aisha“ dem irgendwann nicht mehr gerecht werden kann. Haarsträubende dramaturgische Abkürzungen sind nötig, die jeden Zuschauer aus der Handlung werfen müssen. So laufen parallele Handlungsstränge gegeneinander, die auf der einen Seite wenige Minuten oder Stunden, auf der anderen aber Wochen oder Monate dauern müssten. Spannende dramatische Ereignisse werden entschärft oder schlichtweg unterschlagen, um das Publikum emotional nicht zu fordern.

Das historische Setting hat bald ausgespielt

Frappierend auch: Keine der handelnden Personen macht wirklich eine Entwicklung durch und viel zu viel wird in den Dialog gelegt. Das historische Setting hat bald ausgespielt, wenn der Film mit Torpedo-Booten und einem Roboter mit Laserkanone aufwartet und sich auf pures Fantasy-Territorium begibt. Doch die Geschichte ist trotz ihrer Fülle unglaublich vorhersehbar (inklusive des Laserroboters), sodass keine Spannung aufkommen kann. Manchmal hat man gar das Gefühl, einen überlangen Trailer für eine wesentlich längere, interessantere TV-Serie vorgesetzt zu bekommen.

Leider ist mehr als wahrscheinlich, dass die Produzenten einfach den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind und kostengünstige Entscheidungen getroffen haben, und auch, dass die Regisseurin bei ihrem Erstlings-Spielfilm ihr Bestes gegeben hat, aber die Umstände überfordernd waren. Denn die Anstrengungen der einzelnen künstlerischen Abteilungen sind durchaus noch zu erkennen, sodass „Aisha und das verlorene Buch“ eine weniger ärgerliche als tragische Angelegenheit ist: Man bemerkt das Potential der Geschichte über den gesamten Film hinweg und wünscht sich nur, dieses Potential wäre besser genutzt worden. Das ist immerhin mehr, als man von deutschen Animationsfilmen der letzten Jahre im Allgemeinen behaupten kann – aber für einen guten Animationsfilm immer noch zu wenig.

Veröffentlicht auf filmdienst.deAisha und das verlorene BuchVon: Johannes Wolters (9.12.2026)
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