Filmplakat von ALCARRÀS - DIE LETZTE ERNTE

ALCARRÀS - DIE LETZTE ERNTE

120 min | Drama | FSK 6
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Seit jeher verbringt die Familie Solé den Sommer auf ihrer Pfirsichplantage in Alcarràs, einem Dorf in Katalonien. Aber die diesjährige Ernte könnte die letzte sein; der Familie droht die Zwangsräumung. Die Bäume sollen durch Solarpaneele ersetzt werden, was zum Zerwürfnis innerhalb der Familie führt. Zum ersten Mal sehen die Solés einer ungewissen Zukunft entgegen. Mehr als ihre Plantage steht auf dem Spiel. Wie in ihrem Debüt Summer 1993 findet Carla Simón erneut ihren Stoff im von ausgeprägten Jahreszeiten und einem wechselhaften Klima bestimmten Landleben in Katalonien, das sie aus eigener Anschauung kennt. Wirtschaftliche Sorgen verschärfen die familiären Dynamiken: Die Jüngeren leben ganz im Hier und Jetzt, während der Vater stur die Augen vor der unmittelbaren Zukunft verschließt und der Großvater sich auf ein lang vergessenes Versprechen beruft, um den Anspruch auf das Haus geltend zu machen. Die unterschiedlichen Haltungen werden von einem natürlich agierenden Ensemble verkörpert, das uns auf subtile Weise politisch relevante Themen näherbringt. Wenn Tradition das Einzige ist, bei dem sich alle einig sind, bedeutet das nichts Gutes für die Zukunft.

Filmkritik

Der Sommer flirrt beinahe unbemerkt an dem katalanischen Dorf Alcarràs vorbei. Familie Solé ist mit der Pfirsichernte beschäftigt: Früchte pflücken, in großen Steigen verstauen und zum Großmarkt fahren. Nachts gibt es immer wieder einen johlenden Kampf gegen die Hasenplage auf der Plantage. „Alcarràs – Die letzte Ernte“ von Carla Simón, benannt nach dem Heimatdorf der jungen spanischen Filmemacherin, könnte ein zeitloses Porträt einer Bauernfamilie sein, doch die Zukunft bricht sich in dem kleinen Paradies unübersehbar Bahn.

Das merkt auch schon Tochter Iris, die mit ihren Brüdern irgendwo auf dem Land spielt. Gerade war das alte Autowrack noch ihre Zeitmaschine, doch nun müssen die Kinder dabei zusehen, wie ein Kran den Schrott vom Feld fährt. Aufgeregt laufen sie nach Hause und finden Eltern und Großeltern in Aufruhr: Der Großgrundbesitzer Pinyol will plötzlich nichts mehr vom Wort seines Großvaters wissen, der den Solés einst das Land per Handschlag geschenkt hat; Iris’ Urgroßvater hatte die Pinyols im spanischen Bürgerkrieg gerettet, das Land war sein Dank dafür.

Eine Fülle an Perspektiven

Drei Generationen und ihre Werte prallen in dem kontemplativen Familienporträt ungebremst aufeinander. Der Großvater muss feststellen, dass ein Ehrenwort von damals weniger bedeutet als eine Besitzurkunde, Iris’ Vater Quimet verbeißt sich in die aktuelle Ernte und versucht so, sich an sein Lebenswerk zu klammern. Ihr Onkel Cisco ist hingegen sogar offen dafür, in dem Solarpark zu arbeiten, den Pinyol auf dem Land plant.

In miteinander verzahnten Vignetten entfaltet Carla Simón die Perspektiven der Familienmitglieder angesichts der nahenden Deadline: Sobald die Ernte eingebracht ist, müssen sie ihr Heim verlassen. Die Inszenierung macht aber auch Platz für die kleinen Entspannungsmomente, die das Leben selbst in Situationen wie diesen bereithält: Quimets Sieg bei einem Trinkwettbewerb auf dem Volksfest, Iris’ Freude über ein Geschenk der Zahnfee oder Partynächte für Cousin Roger. Den im Alltag unmerklichen Wechsel zwischen Stillstand und Beschleunigung verdeutlicht der Film im Kontrast zwischen den von der Sonne beinahe trägen Einstellungen auf der gleißenden Plantage und den beschwingten Kamerafahrten während der kleinen persönlichen Freuden der Familienmitglieder.

Die Trumpfkarte der Inszenierung sind dabei die Darsteller, die gänzlich mit Laien aus der Region besetzt sind. Ihr intuitiver Gemeinschaftssinn und der allmählich bröckelnde Langmut erden den Film und machen zugleich seine stille Tragik aus. Vor allem Jordi Pujol Dorcet spielt Quimet als sturen, weil fürsorglichen Familienvater, jenseits der süßlichen Leinwandklischees, die Bauernfamilien im Kino bisweilen zuteilwerden. Für dieses vielschichtige Porträt wurde der Film bei der Berlinale 2021 mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet.

Das politische Gewissen des Films

„Alcarràs“ ist gleichermaßen Familiendrama wie auch ein nachdenklicher Essay über das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und wie diese miteinander wieder in Berührung und in einen Austausch kommen können. Generationenkonflikte brechen im Solé-Clan auf, als die Entwurzelung droht; doch das Land und die Erde, um die es für die Familie geht, sind das eigentliche Zentrum und das politische Gewissen des Films; die Erde der Plantage ist nicht nur der Nährboden für die Familienwurzeln, sondern ernährt auch wortwörtlich die Gemeinschaft. Die aber hat bisweilen den Kontakt zu dieser Erde verloren, die sie ernährt.

Der Großvater versucht Pinyol an diese Zusammenhänge zu erinnern und bringt ihm einen Korb selbstgepflückter Feigen – ein Symbol ihrer gemeinsamen Geschichte, die in Vergessenheit geraten ist und einer neuen Logik Platz machte. Der Zeitenumbruch auf der Plantage wird in solchen Situationen besonders greifbar: Er kam schleichend. Wie am Ende eines durchträumten Sommers wundert man sich, wo all die Zeit geblieben ist.

Erschienen auf filmdienst.deALCARRÀS - DIE LETZTE ERNTEVon: Sofia Glasl (18.1.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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