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Filmkritik
Zeit ist Geld!? Diese Behauptung, zu der sich eine Figur versteigt, kann Alice mit Fug und Recht abschmettern. Alice hat Zeit da nämlich schon persönlich kennengelernt: einen Potentaten in Gestalt von Sacha Baron Cohen, der in einem riesigen Schloss residiert und in dessen Brust eine nimmermüde Uhr tickt. Man kann ihm einiges unterstellen – einen verwegenen Modegeschmack, einen wunderlichen Akzent, eine fragwürdige Schwäche für die grausame Herzkönigin – aber nicht, dass er Geld ist. Dann vielleicht eher schon ein Dieb: Das ist das, was Alice zunächst von Zeit hält. Schließlich entreißt er den Menschen das, was sie lieben; in Alices Fall ihren Vater. Als es die junge Frau, die nach den Abenteuern im ersten »Alice im Wunderland«-Film (fd 39 777) zur verwegenen Seefahrerin wurde, wieder ins Wunderland verschlägt, legt sie sich denn auch prompt mit Zeit an. Sie glaubt, die Vergangenheit verändern zu müssen, um ihren Freund, den Verrückten Hutmacher, zu retten. Der ist in tödliche Schwermut verfallen, weil er um seine Familie trauert, die einst dem Jabberwocky zum Opfer fiel. Um ihm den Lebenswillen zurückzugeben, will Alice den Lauf der Zeit manipulieren und den Tod des Hutmacher-Clans verhindern. Zeit will das mit allen Mitteln verhindern. Das Sequel von Tim Burtons »Alice im Wunderland« kann, was sein Set- und Creature Design angeht, auf den Schultern eines Giganten stehen: Es greift die bezaubernde Gestaltung des Originals auf und spinnt sie fantasievoll weiter – was für den Filmgenuss schon die halbe Miete ist: Regisseur James Bobin inszeniert seinen »Alice«-Film als Augen-Kino, bei dem man von kleinen Requisiten-Details bis zu großen Effektsequenzen, wenn Alice verwegen durch den Ozean der Zeit segelt, in purer Schaulust schwelgen kann. Erzählerisch gelingt es sogar, das Original in mancher Hinsicht zu übertreffen. Das liegt am Drehbuch von Linda Woolverton, die auch schon Teil 1 geschrieben hat, sich nun aber mehr Freiheiten erlaubt: Wo Teil 1 im Kern eine simple Story vom Kampf einer guten Heldin gegen eine böse Tyrannin war, erlaubt sich Teil zwei mehr Komplexität; die Fronten zwischen Gut und Böse sind unklarer. Letztlich geht es nicht um den Sieg gegen einen Feind, sondern um Reifungsprozesse und ums Klären zwischenmenschlicher Beziehungen: Alice muss kapieren, dass man manche Dinge nicht mehr ändern, aber vielleicht von ihnen lernen kann, und ihre Freunde im Wunderland, der Hutmacher und die weiße Königin, müssen ihren familiären Ballast aufarbeiten. Während in Burtons Film ein gewisser Widerspruch herrschte zwischen Burtons Lust am Schrullig-Makabren und der cleanen Gut-Böse-Fabel, wirken hier der Look des Films und der Erzähltonfall insgesamt stimmiger. Was dem Film gelegentlich fehlt, ist allenfalls etwas Zeit. Mehr von Sacha Baron Cohens schräger Figur, die den charmantesten Cast-Zugang darstellt, und etwas mehr epischer Atem, um die vielen Ideen und visuellen Schmankerl des Films richtig würdigen zu können, hätten das Gute noch besser gemacht.










