Filmplakat von All the Beauty and the Bloodshed

All the Beauty and the Bloodshed

122 min | Dokumentarfilm | FSK 12
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Eine epische und emotionale Geschichte über die weltbekannte Künstlerin und Aktivistin Nan Goldin, die sich durch ihre bahnbrechenden Fotografien, intimen Interviews und seltenen Aufnahmen ihres persönlichen Kampfes gegen die Opioid-Industrie entfaltet - ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED.

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Filmkritik

10. März 2018. Es ist ungewöhnlich voll im „Sackler Wing“ des New Yorker Metropolitan Museum um kurz nach vier. Ein altägyptischer Sandsteintempel ist hier aufgebaut, halb umringt von einem künstlichen Teich. Plötzlich skandiert eine Gruppe: „Tempel des Todes. Tempel des Geldes. Tempel der Gier. Tempel von Oxy.“ Gemeint ist das Schmerzmittel Oxycontin, das Tausende Amerikaner das Leben gekostet hat. Orange-weiße Pillendosen des extrem schnell süchtig machenden Medikaments fliegen in den Teich. Die Aktivistinnen und Aktivisten legen sich wie tot auf den Museumsboden. Überall sind Zettel zu sehen, auf denen der Name der Gruppe steht: P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now) prangert die Machenschaften der Familie Sackler an, die das opioidhaltige Mittel 1996 mit irreführender Werbung auf den Markt drückte. Zugleich gerierten sich die Sacklers als schöngeistige Kulturförderer, indem sie in den USA, aber auch in europäischen Ländern Museen beschenkten oder prestigeträchtige Ausstellungen förderten.

Nan Goldin, die P.A.I.N. gegründet hat, wünscht die Verantwortlichen der Opioidkrise „bis in alle Ewigkeit ins Gefängnis“, wie die Künstlerin einmal im Film erklärt. Mindestens aber sollten Museen wie das „Met“ sämtliche Beschriftungen mit dem Namen Sackler entfernen. Hinter ihrem Mäzenatentum verbergen sich Habgier und Verbrechen, findet Goldin, die 2014 selbst süchtig wurde nach dem Schmerzmittel, das ihr nach einer Operation verschrieben wurde.

Bei Goldin laufen alle Fäden zusammen

Natürlich schlägt sich Laura Poitras in ihrem großartigen Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed“ auf die Seite der Opfer und Aktivisten. Über mehrere Jahre hat die Filmemacherin deren Kampf um öffentliche Wahrnehmung begleitet. Zugleich schafft die seit ihrem Film über den Whistleblower Edward Snowden („Citizenfour“) weltberühmte Poitras ein intensives Porträt von Nan Goldin. Denn bei ihr laufen alle Fäden dieser irrsinnigen Geschichte zusammen, nicht allein deshalb, weil die 1953 in Washington, D.C. geborene Fotografin eine Kennerin des US-Kulturbetriebs ist, eines Systems, das mangels staatlicher Förderung stark von privaten Geldgebern abhängig ist und sich notorisch von schwerreichen „Mäzenen“ (auch für Steuerabschreibungen) benutzen lässt – wie in diesem extremen Fall von „Artwashing“.

Doch die Causa Sackler ist eben nur die eine Seite eines immer wieder zur Biografie und fotografischen Praxis Goldins zurückkehrenden Films. Im Kern ihres Schaffens stehen Fotos aus dem privaten Umfeld der Künstlerin, namentlich aus der New Yorker Subkultur in den späten 1970er- und 1980er-Jahren in dem berühmten, aus einer Basis von rund 800 Aufnahmen bestehenden Zyklus „The Ballad of the Sexual Dependency“ (die auf Brechts „Dreigroschenoper“ anspielende „Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“). Teile davon wurden als Diaserien in Ausstellungen gezeigt oder in Form eines Künstlerbuchs veröffentlicht.

Eine Biografie der Gewalterfahrungen

Weitgehend anhand von Standfotos (aus den Zyklen oder anderen Quellen) entfaltet Poitras denn auch die Lebensgeschichte von Nan Goldin, wobei das Private und das Politische stets miteinander verschmolzen sind. Im Fall der „Ballade“ spielen Fragen von Rassismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit und eine rigide Sexualpolitik hinein; Drogen und Aids sind zentrale Themen im Film. Auf der Tonspur erzählt Goldin mit rauer Stimme – von der Lebenslust in ihrem Freundeskreis, vom Aufbegehren gegen die Verhältnisse, von Liebe, Sex und Solidarität, vom Sterben, von der Trauer um geliebte Menschen. Souverän überführt Poitras das Material in eine dramaturgisch komplexe wie schlüssige Form, sodass sich zunehmend der Eindruck eines großen inneren Zusammenhangs einstellt. Durchgängig ist Goldins Biografie von seelischer und körperlicher Gewalterfahrung geprägt und von der wachsenden Erkenntnis, dass das Individuum von Staat und Gesellschaft letztlich alleingelassen wird, dass sich Gleichgesinnte aber auch zusammentun und mit Hartnäckigkeit und langem Atem politische Veränderungen herbeiführen können.

Nach einer Reihe aufsehenerregender Aktionen durch P.A.I.N. in Museen wie dem New Yorker Guggenheim, der National Gallery in London oder dem Pariser Louvre steuert der chronologische Erzählstrang um den Kampf gegen die Sackler-Machenschaften auf einen Wendepunkt zu. Mit Tausenden von Entschädigungsklagen konfrontiert, schließt die Sackler-Firma Purdue Pharma einen Vergleich. Die Familie stimmt damit im September 2021 einer Zahlung von 4,5 Milliarden Dollar Entschädigungsgeldern zu, die unter anderem in Programme zur Suchtprävention und -behandlung fließen sollen. Allerdings haben die Sacklers vorher kontinuierlich Gelder aus der Firma in andere Konten abgezweigt. Daneben sind die Multimilliardäre aus insolvenzrechtlichen Gründen vor weiteren Opioid-Klagen fortan geschützt. Wahrscheinlich werden sie in Zukunft ihren Reichtum noch mehren können. Aber sie stehen am Pranger.

Zumindest ein Etappensieg

Dass zumindest zwei Mitglieder der sonst unsichtbar im Hintergrund agierenden Familie plötzlich im Film zu sehen sind, hängt damit zusammen, dass das Insolvenzgericht die Sacklers dazu verpflichtet hat, sich während einer Videokonferenz, an der auch Goldin beteiligt ist, die Schilderungen von Opferfamilien anzuhören. Poitras richtet ihre Kamera auf die versteinerten Mienen von Theresa und David Sackler, zugleich ist Nan Goldin die tiefe Genugtuung anzusehen, dem „Feind“ endlich auf Augenhöhe begegnen zu können. Es fühlt sich an wie zumindest ein Etappensieg.

Der Filmtitel stammt aus einer Psychiatrieakte ihrer Schwester aus den 1960er-Jahren. „She sees the future and all the beauty and the bloodshed“, „Sie sieht in die Zukunft mit all der Schönheit und dem Blutvergießen“. Barbara Holly Goldin ist der Film gewidmet. Nan Goldin beschreibt sie als lebenslustiges Mädchen und als die einzige in der Familie, von der sie Zärtlichkeit und Zuwendung erfuhr. Als sich bei Barbara homosexuelle Neigungen andeuten, wird die Heranwachsende in eine Anstalt eingewiesen, mit Einwilligung der von Psychologen beratenen Eltern. Poitras und Goldin widmen sich dem Familiendrama nicht chronologisch, sondern gleichsam spiralförmig. Mit Unterbrechungen bohren sich die Filmemacherin und die Künstlerin gemeinsam immer tiefer in das Schicksal Barbaras, das zugleich eben auch Nans Schicksal ist. Immer tiefer rutscht Barbara in die Psychiatriehölle, bis sie sich kurz vor ihrem 19. Geburtstag vor einen Zug wirft.

Kaum vorstellbare Dunkelheit der Seele

Den Suizid der Schwester verbindet der Film mit dem körperlich-seelischen Tiefpunkt der Künstlerin, als sie den Entzug vom Oxycontin wagt. Goldin berichtet von einer damit verbundenen „Dunkelheit der Seele“, die sich Außenstehende kaum vorstellen können. In Hoffnungslosigkeit versinkt Poitras’ Film aber nicht. Wo sie ein Amerika porträtiert, in dem die „unbegrenzten Möglichkeiten“ aber zuallererst den Aktionsradius von Superreichen und ihren hochdotierten Anwälten beschreiben, beschleicht einen aber doch eine gewisse Ratlosigkeit. Am aufklärerischen Impetus der Beteiligten gibt es indes nichts zu rütteln, kurzum: ein Meisterinnenwerk.

Erschienen auf filmdienst.deAll the Beauty and the BloodshedVon: Jens Hinrichsen (22.1.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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