Vorstellungen
Filmkritik
„All We Ever Wanted“, der erste lange Spielfilm von Frédéric Jaeger, beginnt, wie viele Urlaubsfilme, mit der Ankunft an der per Flugzeug zu erreichenden Feriendestination. Doch er beginnt gleichzeitig auch ganz anders als die meisten Urlaubsfilme. Nicht dezidiert mit dem Anflug aufs Ferienziel oder dem Moment, in dem die Protagonisten aus der Flughafenhalle treten, sondern im Ungefähren danach. Im fernen Blick von schräg oben auf den mehrheitlich leeren Busbahnhof neben dem Flughafen, von dem man vorerst nicht erfährt, wo er liegt.
Ein paar Passanten queren den Platz im Hintergrund, drei nacheinander vorgestellte Personen tun dasselbe im Bildvordergrund. Die erste ist eine schwarze junge Frau, die lasziv die Arme hinter dem Kopf verschränkt und über die rund um sie herum geparkten Autos in die Ferne schaut. Die zweite ist ein weißer junger Mann, der mit seinem Handy Kratzspuren an der Seite eines silberfarbigen Autos fotografiert. Der dritte schließlich ist ein schwarzer Mann, der über die Autos in die Ferne schaut und per Handy mit irgendwem spricht. Die Stimmen auf der Tonspur stellen Relationen zwischen den dreien her. Später erfährt man, dass sie Désirée, Elias und Sal heißen.
Suchend über den von Trockenheit gezeichneten Boden
Sodann laden die drei ihr Gepäck ins silberne Auto. Der Kuss, den Désirée Elias auf die Lippen drückt, deutet eine intimere Beziehung der beiden an. Doch er wirkt, wie alles, was man bis hierher zu sehen bekommen hat, irgendwie vage. Nicht direkt erzählt, sondern eher beobachtet und angedeutet. Die nun folgenden Vorspannangaben liegen über einer Aufnahme, die suchend über den von Trockenheit gezeichneten Boden fährt, und enden mit dem Bild von schäumenden Wellen.
Danach sieht man die drei in der Nähe des Strandes. Sal vergnügt sich nahe am Wasser mit sportlichen Übungen. Elias kramt aus dem Kofferraum eine hölzerne Sammelbox für Steine. Désirée will, trotz seines Hinweises, dass die Vermieter warten, unbedingt Schwimmen gehen. Sie zieht beim Auto ihr Kleid aus, neckt Elias wegen seiner fehlenden Lockerheit. Über einem langen Schwenk verfolgt die Kamera ihren Gang zu Sal in der Bucht, zum ersten Mal setzt Musik ein und der Filmtitel wird eingeblendet.
Was man bis dahin zu sehen bekommen hat, ist kryptisch und elliptisch. Lässt rätseln und vermuten, zieht als Story aber noch kaum in Bann. Was fasziniert, ist die atemraubende Kargheit der Landschaft, die Kameramann Maximilian Andereya im geschärften Blick für deren Schönheit aus oft eher ungewöhnlicher Perspektive für die Leinwand eingefangen hat. Diese Landschaft, in deren endloser Öde die Menschen sich immer wieder verlieren und deren Klang sich über weite Strecken bestimmend in die Tonspur einschreibt, wird in „All We Ever Wanted“ sozusagen zum vierten Protagonisten. Wer jemals auf Fuerteventura war und sich dort auch außerhalb der Touristen-Hotspots auf Erkundungstour wagte, wird in diesem Film eingeladen, die raue Schönheit der Insel nochmals ganz neu zu entdecken.
Traumartiges und Reales gehen nahtlos ineinander über
Die von Frédéric Jaeger gewählte filmische Erzählweise indes bleibt sprunghaft und erratisch. Sie besteht sozusagen aus einzelnen Puzzlestücken, die der Regisseur zusammenträgt und aus denen sich allmählich eine vage Geschichte entwickelt, in der Traumartiges und Reales bisweilen nahtlos ineinander übergehen. Über Herkunft und persönliche Hintergründe der Protagonisten erfährt man dabei fast so wenig wie über das, was die drei, die sich anfangs offenbar gar nicht alle so gut kennen, bewogen haben mag, zusammen in Urlaub zu fahren.
Im Zentrum der Erzählung steht anfänglich Désirée. Sie führt finanziell unterstützt von ihrer Mutter ein sorgloses Leben. Sie nimmt sich, wonach sie Lust hat, und mag es, wenn Elias schöne Fotos von ihr schießt. In der Gruppe gibt sie vorerst den Ton an. Elias ist ihr Lover, wäre gerne aber mehr. Sal ist Désirées schwuler bester Freund und weiß als ihr engster Vertrauter viel mehr über sie, ihre Wünsche und Träume als Elias. So kennt er etwa auch Désirées Wunsch, dass Elias mit ihr Sex hat, während sie schläft.
Die Stimmung zwischen den dreien ist anfänglich entsprechend angespannt, selbst Alkohol und ein gemeinsames Kartenspiel vermögen diese nicht aufzulockern. Doch dann, es mag am zweiten Tag ihres Aufenthalts in einer schicken Villa mit Swimmingpool sein, schickt Désirée die beiden Männer alleine an den Strand. Als die beiden zurückkommen, präsentiert sich die Situation völlig anders. Elias’ Rucksack, in dem er sämtliche Kreditkarten und Ausweise mit sich trug, wurde am Strand in einem Moment der Unaufmerksamkeit geklaut. Und Désirées Mutter, die dezidiert gegen die Beziehung mit Elias ist, hat inzwischen alle Kreditkarten ihrer Tochter sperren und Désirée und ihre Begleiter aus der Ferienvilla werfen lassen.
Fortan Abenteuerferien
Nun gerät alles ins Rollen. Die drei ziehen Bilanz und beschließen, obwohl sie insgesamt nurmehr über 153 Euro verfügen, nicht heimzufliegen, sondern fortan Abenteuerferien zu machen. Nach einer wenig erholsamen Nacht zu dritt im Auto erstehen sie ein Zelt und machen sich daran, die Insel zu erkundigen. Sie setzen dafür untereinander neue Regeln fest. Sie reden nicht über Geld und auch nicht über Elias’ und Désirées Beziehung. Sie lassen sich frei durch die Tage und Nächte treiben, wobei sich ihre Verhältnisse zueinander zu verändern beginnen.
Während sich Désirée zur Auseinandersetzung mit ihrer Mutter beziehungsweise ihrem Verhältnis zu dieser gezwungen sieht, kommen sich Sal und Elias allmählich (auch körperlich) näher. Obwohl „All We Ever Wanted“ keine expliziten Sexszenen enthält, ist der Film stark geprägt von einer Art erotischem Guss, den Jaeger ausgehend von Sal, der nach seinen eigenen Angaben lieber anderen beim Sex zuschaut, als selber welchen zu haben, darüberlegt. Dadurch schreibt sich in den Film eine „Peeping Tom“-Perspektive ein, die sich in aus weiterer Entfernung gefilmten und somit zur Beobachtung zwingenden Szenen auch dem Publikum aufdrängt.
„All We Ever Wanted“ ist ein bildhaft ungemein schöner und sehr ästhetischer Film und die Rollen von Désirée, Elias und Sal sind mit Charity Collin, Mehmet Sözer und Michael Ifeandu ausnehmend gut besetzt. Vieles in diesem Spielfilmerstling – und das verdankt er wohl dem Vorleben seines Regisseurs als Filmkritiker – erinnert unmittelbar an Filme weniger der „Nouvelle Vague“ als von Roberto Rossellini, Michelangelo Antonioni und ein wenig auch an diejenigen von Wim Wenders.
Eingeladen zur stillen Betrachtung
Doch „All We Ever Wanted“ wirkt „verkopfter“ und weniger zugänglich als die eben erwähnten Werke. Das mag zum einen an den Dialogen liegen, die leider nur selten richtig locker fließen. Es mag zum anderen aber auch daran liegen, dass in diesem vermeintlich ins Ungewisse führenden Abenteuer die Handys auch nach Tagen fern aller Steckdosen noch funktionieren und somit die totale Entkoppelung der Figuren von ihrem Alltag nicht stattfindet. Trotz seines Flirts mit der prickelnden Attraktion der Erotik ist „All We Ever Wanted“ kein vom Hocker reißender Film. Viel mehr lädt er zur stillen Betrachtung ein und verrät dabei einiges über die Werte und Verhaltensweisen der Generation der heute 25- bis 30- Jährigen, die noch an den Geldbeuteln ihrer Eltern hängen und über Erotik, Sex und Gefühle womöglich tatsächlich lieber reden, als dass sie diese erleben.





