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Allegro Pastell

100 minDrama, LovestoryFSK 12
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Szenebild von Allegro Pastell 1
Im Jahrhundertsommer 2018 führen die Romanautorin Tanja Arnheim und der Webdesigner Jerome Daimler eine scheinbar ideale Fernbeziehung in der Hitze Berlins, der Idylle eines geerbten Bungalows im hessischen Maintal und vielen Zugfahrten dazwischen.
  • Veröffentlichung16.04.2026
  • Anna Roller

Die Beziehung zwischen Tanja (Sylvaine Falignant) und Jerome (Jannis Niewöhner) ist leidenschaftlich, ohne richtig Gestalt anzunehmen. Die junge Schriftstellerin lebt in Berlin, der freiberufliche Webdesigner ist von dort gerade wieder zurück ins Maintal bei Frankfurt gezogen. Tanjas Leben ist in etwa so, wie man sich das in der deutschen Hauptstadt vorstellt: planlos, unbefangen und ein bisschen hip. Jeromes dagegen ist ruhiger und gefestigter. Verbunden sind die beiden durch eine verliebte Erregtheit und ein drängendes Mitteilungsbedürfnis, das sich in zahlreichen SMS und E-Mails niederschlägt. Sogar in einem Techno-Club gibt sich Tanja weder der Musik noch dem Drogenrausch hin, sondern schreibt ihrem Freund stattdessen pausenlos Nachrichten.

Eine Beziehung mit ersten Rissen

Als die zwei wieder vereint sind und Sex haben, hält das Jerome mit einigen pragmatischen Einschränkungen für einen seiner glücklichsten Momente. Das stets von Reflexionen und Vernunft gezügelte Begehren ist durchaus bezeichnend für diese Beziehung, die bald erste Risse bekommt. Als Jerome seiner Geliebten zum Geburtstag eine Website bastelt, spricht eine Freundin aus, was Tanja vielleicht längst denkt: Das Geschenk könne eine bloße Strategie sein, um seine Partnerin zu kontrollieren. Also versucht Tanja sich zu befreien und beginnt eine Affäre mit dem eitel seine vermeintliche Unabhängigkeit zur Schau tragenden Janis (Nico Ehrenteit), während Jerome die Freundschaft mit seinem Jugendschwarm Marlene (Haley Louise Jones) wieder aufwärmt.

Der auf dem gleichnamigen Roman von Leif Randt basierende und vom Autor selbst zu einem Drehbuch adaptierte Film „Allegro Pastell“ handelt von einer Beziehung und ihrer Unmöglichkeit. Zuerst ist es Jerome, der zu viel und unbedingt liebt, später dann Tanja, die sich durch ihren Freiheitsdrang letztlich in eine Sackgasse manövriert. Nicht unwesentlich für dieses Scheitern ist, dass Regisseurin Anna Roller ihre Hauptfiguren in eine Welt voller Möglichkeiten und Ablenkungen einbettet. Eine Freundin kommt in die Psychiatrie, die Eltern trennen sich, und eine geerbte Wohnung sorgt dafür, dass man unfreiwillig Wurzeln schlägt. Dass sich Tanja und Jerome aus den Augen verlieren, ist auch den Umständen geschuldet. Ihr Leben wird maßgeblich von spontanen Eindrücken und vermeintlich nebensächlichen Entscheidungen geformt.

Das Bild einer Generation

Geografisch, sozial und popkulturell ist „Allegro Pastell“ sehr konkret verortet. Die Handlung spielt in der jungen Vergangenheit des Jahres 2018, und die Clubs, Taxiunternehmen, Filme und Songs, die genannt werden, gibt es auch in Wirklichkeit. Durch alltägliche Beobachtungen entsteht das Bild einer Generation und ihres Lebensgefühls. Im Mittelpunkt stehen Mittdreißiger aus gutem Haus, die über ihr Dasein grübeln und das nagende Gefühl nicht loswerden, dass sie noch mehr aus ihrem Leben herausholen könnten. So wie Tanja ihre Entscheidung bereut, sich mit Janis eingelassen zu haben, will sich Jerome nie ganz an Marlene hingeben, so als gäbe es noch einen Platz in seinem Herzen, den er sich für Tanja aufspart. Sylvaine Falignant wirkt in ihrer Rolle ein wenig schnippisch und selbstbezogen, Jannis Niewöhner gibt dagegen den sanften Romantiker, dessen Liebe aufrichtig, aber auch einengend wirkt.

Wer etwas über das urbane Bürgertum der 2010er-Jahre wissen will, das beruflich irgendwas Kreatives macht, gerne in „angesagte“ Läden geht und fleißig über das eigene Leben reflektiert, ohne daraus unbedingt die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist in diesem Film aber nur bedingt gut aufgehoben. Das Flüchtige wirkt in „Allegro Pastell“ häufig nicht intensiv und kostbar, sondern oberflächlich und banal. Zwar geht es um ein Milieu, das sich vor allem durch seine Durchschnittlichkeit definiert, aber mit einem präziseren und analytischeren Blick hätte daraus trotzdem etwas Spannendes und Erkenntnisreiches entstehen können. In „Allegro Pastell“ fühlt sich das Resultat eher wie eine mit Zeitgeist-Kolorit aufgehübschte Selbstbespiegelung an.

Anziehung verharrt im Allgemeinen

In der zweiten Hälfte des Films konzentriert sich die Handlung mehr auf die Liebe zwischen Tanja und Jerome. Dem Film tut gut daran, weil er um das spannende Dilemma kreist, dass zwei Menschen füreinander bestimmt sein können und sich doch immer wieder verpassen. Die beiden lieben sich, aber nicht gleich intensiv und vor allem nicht im selben Moment. Doch an der Tatsache, dass Tanja und Jerome keine sonderlich interessanten Menschen sind und ihre Anziehung zueinander im Allgemeinen verharrt, ändert auch diese unterschwellige Tragik nichts.

Das Paar strebt zwar nach einem Glück, das sich nie ganz mit der Wirklichkeit abgleichen lässt, aber die Figuren bleiben so austauschbar und auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner gutbürgerlicher Millennial-Erfahrungswelten hin konstruiert, dass man ihnen dabei nicht wirklich nahekommt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deAllegro PastellVon: Michael Kienzl (11.7.2026)
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