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Filmkritik
Mit dem Fallschirm fällt er in den Film und in die Wüste von Marokko. Ein ebenso eigenwilliges wie schönes Entrée, mit Signalwirkung: Gleich zu Beginn beweist Max Vatan Mut und Können, ein Haudegen, der die Gefahr liebt. Der frankokanadische Flieger steht während des Zweiten Weltkriegs im Dienst der Royal Air Force und trifft sich in Casablanca mit der französischen Widerstandskämpferin Marianne Beausejour, seiner neuen Partnerin bei einer höchst gefährlichen Mission. Sie geben sich als reiches französisches Ehepaar aus, das in Casablanca den Kriegswirren in Europa entkommen will. In Wahrheit bereiten sie minutiös ein Attentat gegen den deutschen Botschafter vor. Die Gefahr des Auftrags, seine Hindernisse, die Anspannung, aber auch der glückliche Ausgang bringen Max und Marianne näher – sie verlieben sich. „I make emotions real“, sagt sie einmal. Ein Satz, der fortan eine große Unsicherheit transportiert. Dann wechselt der Film den Schauplatz und das Genre. Von Casablanca geht es nach London, aus dem Kriegsabenteuer mit Liebesgeschichte wird unvermittelt ein Spionagethriller. Max und Marianne haben inzwischen geheiratet und sind nach Hampstead gezogen; während eines Bombenangriffs kommt ihr Kind zur Welt. Er hat einen Schreibtisch-Job beim Geheimdienst, sie kümmert sich um Haushalt und Kind. Eines Tages wird Max von seinem Chef mit einer unleugbaren Tatsache konfrontiert: Jemand verrät von London aus Geheimnisse an die Deutschen. Max soll den Verräter entlarven. Und töten. Der neue Film von Robert Zemeckis, jenem versierten Geschichtenerzähler, der zuletzt mit „Flight“ (fd 41 496) und „The Walk“ (fd 43 417) in den Kinos war, ist zunächst eine deutliche Verbeugung vor „Casablanca“, dem großen Klassiker von Michael Curtiz. Casablanca – ein mythischer Ort, an dem in Straßencafés und Hotel-Lobbys alles möglich scheint, vom Fluchtpunkt über Abenteuer bis zu überlebensgroßer Liebe, während in Europa alles in Schutt und Asche versinkt. Auch hier geht es darum, dass die Probleme zweier verliebter Menschen genauso groß sind wie die Verrücktheit des Krieges. Sogar das Ende am Flughafen nimmt Zemeckis auf, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Doch man sollte den Vergleich nicht zu weit treiben. Marion Cotillard und Brad Pitt sind nicht Ingrid Bergman und Humphrey Bogart. Dennoch funktioniert ihre Romanze gut. Es funkt ordentlich, weil die Charaktere so unterschiedlich sind. So spielt Pitt stoisch und reserviert den Macher, der fliegen, schießen und Karten mischen kann. Für jedes Problem hat er eine praktische Lösung; das Herz einer Frau zu gewinnen fällt ihm nicht schwer. Doch vielleicht nicht geliebt worden zu sein, stürzt ihn in eine Krise. Pitts Charakter liegt wie ein offenes Buch da, und so spielt Marion Cotillard zwangsläufig die interessantere Figur. Nie lässt sie sich in die Karten schauen, nie ist ihr Handeln eindeutig. Fast scheint es, als würde sie eine undurchdringliche Maske tragen. Kühle femme fatale oder liebende Ehefrau? Mit dieser moralischen Ambiguität zieht sie den Zuschauer in den Film und trägt „Allied“ fast allein. Das Drehbuch von Steven Knight baut das Handlungsgerüst sorgsam auf. Die rasch entwickelte Undercover-Intrige mit stürmischer Romanze wandelt es geschickt zum Spionagethriller, an dessen Ende – vielleicht – Betrug und Verrat stehen. Die Inszenierung erweckt bemerkenswert genau eine vergangene Zeit und versetzt den Zuschauer perfekt in die 1940er-Jahre. Ganz egal, ob Pitts weite Hosen, Cotillards aufregende Kleider, Anzüge, Hüte und Mäntel oder die großzügigen Autos – hier stimmt jedes Detail. Auch das Londoner Leben in Kriegszeiten ist gut getroffen, eine Mischung aus Langeweile und Hysterie, bürokratischer Arbeit und Alltagsfreuden. Bis sich der Film auf verschiedene Wege, den Verräter zu entlarven, konzentriert. Oder ist alles nur ein ausgeklügeltes „Spiel“, um die Aufrichtigkeit von Max zu testen? Noch so eine Unsicherheit, die auf ein düsteres, melodramatisches Ende hindeutet. „Allied“ ist aufregende Unterhaltung mit komplexer Handlung, packenden Actionsequenzen, zwei attraktiven Hauptdarstellern und einer wohldosierten Mischung aus Romanze und Spannung.



