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Amadeus

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Am Wiener Hof von Kaiser Joseph II. wird man schon früh auf das Wunderkind Mozart aufmerksam. Doch die Begeisterung ist nicht ungeteilt: Dem verhärmten Hofkomponisten Salieri ist das lebensfrohe Genie ein unerträglicher Dorn im Auge. Und während Mozart zur musikalischen Sensation des Jahrhunderts aufsteigt, reift in seinem verbitterten Konkurrenten ein mörderischer Plan.

Bekannt ist dieses böse Kritikerwort: „Ihr Werk, mein Herr, enthielt viel Gutes und Neues. Es hat nur einen kleinen Fehler: Das Gute ist nicht neu und das Neue nicht gut.“ So könnte man auch über die Miniserie „Amadeus“ von Joe Barton und Julian Farino urteilen. Alle kennen Mozart oder meinen zumindest, ihn zu kennen. Kaum einer aber weiß noch um Antonio Salieri, trotz Milos Formans famoser „Amadeus“-Filmfassung; die wenigsten dürften mit Peter Shaffers Theaterstück oder Alexander Puschkins Versdrama „Mozart und Salieri“ vertraut sein. Man muss also viele Autoren und Werke genauer kennen sowie die Geschichte ihrer Intertextualität, um die historischen und ästhetischen Qualitäten der aktuellen Annäherung an Wolfgang Amadeus Mozart würdigen zu können.

Angedichtetes Mordkomplott

Shaffers Konzept von 1979 ist ein offen und lustvoll ahistorisches und psychologisches, das in weiten Teilen stark der psychoanalytischen Kultur- und Kunstbetrachtung der 1970er-Jahre verpflichtet ist. Dies steht quer zu dem romantischen Künstlerbild, das die Autoren der Miniserie um Wolfgang Amadeus Mozart (Will Sharpe) zeichnen: von Gott begnadet, inspiriert, hochbegabt, singulär. Dass sich das Inkommensurable vollendeter Kunst niemals in irdischen Kategorien fassen und begreifen lässt, ist eine Grundannahme jener romantischen Anschauung und auch von Shaffers Stück. Dennoch wird dies immer wieder versucht, wofür in „Amadeus“ einmal mehr die Figur von Antonio Salieri (Paul Bettany) herhalten muss, dem die berüchtigte, gänzlich fiktive Rivalität mit Mozart und ein Mordkomplott gegen diesen angedichtet werden.

Salieri, der selbsterklärte Schutzpatron (und Märtyrer) aller Mittelmäßigen, ist hier mehr noch als bei Milos Forman die eigentliche Hauptfigur – und mit Abstand die psychologisch und dramaturgisch interessanteste. Er ist ein Mann des fundamentalen Zwiespalts. Er steht zwischen den Zeiten, ist keineswegs konservativ, aber im Kern eben auch kein Moderner, kein künstlerischer Innovator, sondern er hadert mit seiner Berufung und seinem Talent, in stetem Kampf mit den „Hunden im Souterrain“, dem unbarmherzigen Eros, und seinen inneren Dämonen. Paul Bettany meistert die spezifischen Anforderungen dieser unzeitgemäßen Rolle souverän und glaubwürdig in seiner Leidenschaft sowohl als Zerrissener wie auch als hingerissen Begeisterter von Mozarts Genius, den er gemäß Shaffers Lesart als einer der ganz wenigen in seiner Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit wahrzunehmen imstande ist.

Bei Forman wie jetzt auch in der Miniserie sind es die ergreifendsten Momente, wenn Salieri, eine Mozartsche Partitur vor Augen, mit seinem inneren Komponistenohr überirdische Klänge zu hören vermeint und seine Miene jäh vom Ausdruck reinster Versöhnung mit der Conditio humana umschlägt in tiefste existenzielle Verbitterung angesichts des eigenen Unvermögens.

Ein Genie fällt vom Himmel

Mozart hingegen ist anfangs schon sehr der aus Formans Film bekannte bunte Vogel, nonkonformistisch, laut und camp. Da die Wiener Hofgesellschaft allerdings nicht mehr ganz so aussieht, „als ob sie Marmor scheißen würde“ (Mozart bei Forman), und Kaiser Joseph II. (Rory Kinnear) sich sogar als recht jovialen Förderer der schönen Künste gibt, ist der Schock von Mozarts Einzug in die Hofburg vergleichsweise milde. Dazu gesellt sich auf produktionsästhetischer Seite eine moderate Modernisierung mancher Aspekte der Handlung und der Personendramaturgie mit einigen woken Kapriolen, insbesondere in Episode 3, ohne jedoch in einen ähnlichen dekonstruktivistischen Albtraum wie jüngst in „Mozart/Mozart“ zu verfallen.

Ansonsten baut die fünfteilige Serie das titelgebende Subjekt zu einem Gefäß der göttlichen Gnade der Inspiration auf; die geschichtliche Gebundenheit sowie die Bauprinzipien seiner Kunst bleiben dem Publikum bis auf Salieri unverständlich – seit Shaffers Mozart-Stück werden Mozarts Bildungsjahre in Salzburg und auf Reisen konsequent ausgeblendet –, aber alle verfallen ihrer orphischen Wirkung. Mozart wird hier zum unmittelbaren Klassiker. Eine von Salieris Mätressen pfeift gedankenverloren eine Melodie aus „Eine kleine Nachtmusik“, ohne nur zu ahnen, wer der Urheber sein mag: Mozart, der Ohrwurm des 18. Jahrhunderts! Das lange Jahrhunderte autokratisch-absolutistischen Kunst, insbesondere bei der Musikausübung, hat hier bereits ausgedient. Die Proben zur Oper „Figaros Hochzeit“ gestalten sich als ultramoderne, partnerschaftlich-dialogische Werkentwicklung in Workshop-Atmosphäre – Mozart als der neue Teamplayer-Chef.

Folgt man dem Drehbuch, so ist Mozart überdies Opfer eines doppelten Ödipuskomplexes, was ihn in seinen Rollen als Mann, Partner und Vater schwer beeinträchtigt. Der eigene Erzeuger Leopold (Jonathan Aris) erscheint als kaltherziges Monstrum, der sein Wunderkind unbarmherzig auf Leistung trimmt – bis zum finalen Zusammenbruch. Amadeus selbst nimmt seinen Erstgeborenen als Eindringling in seine Intimität mit Constanze (Gabrielle Creevy) und als Rivalen wahr. Die schon aus dem Forman-Film bekannten Überblendungen von Leopold Mozart, Don Giovannis Komtur und dem mystischen Mann mit der Maske (Salieri), der schließlich Mozarts (eigenes) Requiem in Auftrag gibt, tun dann ihr Übriges, um den einsamen, von seiner Frau entfremdeten, kranken und überschuldeten Musiker ins Grab zu bringen.

Gute bis glänzende Darsteller

Am Ende von „Amadeus“ dominiert der Eindruck eines künstlerisch allzu zahmen Remakes ohne zwingende eigene oder neue Sichtweise auf Shaffers Stoff und sein Personal. Die gegenüber dem Spielfilm gewonnene Erzählzeit wird nicht unbedingt gewinnbringend investiert – nahezu alle Twists und Akzentsetzungen waren auch davor schon vorhanden. So reduziert sich das kleine Ehedrama der Mozarts beispielsweise auf gegenseitige Untreue. Der Tonus der Serie schwankt überdies mitunter abrupt zwischen psychologischer Intimität und Pathos. Mozarts Musik wird sogar seltener eingesetzt als bei Forman; bezeichnenderweise erfährt man weder im Vor- noch im Abspann etwas über die ausführenden Interpreten.

Teilweise gute bis sehr gute Darstellerleistungen – Paul Bettany ist durchwegs gut; Will Sharpe vor allem gegen Schluss als aufgeriebener, resignierter Künstler, der sein Riesentalent zunehmend als Fluch empfindet – sowie die mitunter prächtige Ausstattung können aber kaum wettmachen, dass es die Serie nicht vermag, auf der Grundlage der historisch informierten, musikwissenschaftlichen Praxis und zentraler Motive von „Amadeus“ die Silhouette eines Mozartbilds für das 21. Jahrhundert zu zeichnen. Aber vielleicht ist der Versuch einer solchen Verbindung auch bereits ein Ding der Unmöglichkeit.

Veröffentlicht auf filmdienst.deAmadeusVon: Karsten Essen (23.12.2025)
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