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American Sweatshop

93 minThrillerFSK 16
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Daisy (Lili Reinhart) arbeitet als Content-Cleanerin: Ihr Job ist es, problematische Videos im Netz anzuschauen und zu löschen. Die ständige Konfrontation mit den Abgründen des Internets lässt die 25-Jährige zunehmend abstumpfen. Bis sie auf ein besonders verstörendes Video stößt, das sie nicht mehr loslässt. Daisy beschließt, die Macher des Videos zur Verantwortung zu ziehen, doch weder ihre Chefin (Christiane Paul) noch die Polizei nehmen sie ernst. Also begibt sie sich selbst auf die Suche nach den Tätern und gerät dabei mehr und mehr selbst ins Visier.
Zwischen Deepfake und Darknet: Der mit Lili Reinhart (HUSTLERS, RIVERDALE) hervorragend besetzte, hochaktuelle Cyberthriller seziert präzise die Schattenseiten den Internets und stellt dringende Fragen nach Recht und Verantwortung in der digitalen Welt. AMERICAN SWEATSHOP ist das Spielfilmdebüt der in den USA lebenden deutschen Kamerafrau und Regisseurin Uta Briesewitz, die zuvor u. a. Folgen von STRANGER THINGS, SEVERANCE und THE PITT inszenierte.
  • Veröffentlichung30.04.2026
  • Uta Briesewitz
  • Deutschland (2025)
  • 5.3/10 (3342) Stimmen

Daisy (Lili Reinhart) beginnt ihre Schicht mit einem Enthauptungsvideo. 20 Sekunden muss sie sich dies ansehen, bevor sie das Video löschen darf, so schreibt es die Firmenpolitik vor. 20 Sekunden ist sie den Abgründen ausgesetzt, die täglich auf den Social-Media-Plattformen der Welt verbreitet werden. Im besten Fall sind es nur Hassrede und Volksverhetzung, in der Regel aber Schlimmeres. Bilder von Tierquälerei, Missbrauch und Folter gehören für Daisy und die anderen Mitarbeiter:innen von „Paladin“ zum Alltagsgeschäft. Das meiste wird von den jungen Menschen, die in „American Sweatshop“ ihre Schichten vor dem Bildschirm absitzen, ertragen, tief ins Innere verbannt, im Pausenraum abgelaufen oder, wie bei ihrem Kollegen Bob (Joel Fry), hinausgebrüllt. Es gibt sogar eine schichtinterne Bürowette: Wer hat den nächsten Zusammenbruch?

Daisy ist lange genug dabei, um nicht zu denen zu zählen, die das Gesehene an sich heranlassen. Doch früher oder später bekommen alle Bestialitäten zu sehen, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Regisseurin Uta Briesewitz deutet die Grausamkeiten nur an, die täglich über die Bildschirme laufen. Man liest Videotitel wie „Fötus im Mixer“ oder „Mann von Zug überrollt“ und hört Schmerzensschreie oder das Winseln von gequälten Tieren. Der Rest findet auf den Gesichtern der Protagonist:innen statt. „Nailed it“ heißt das Video, das erstmals den Schrecken auf Daisys Gesicht zeichnet. Eine gefesselte Frau ist zu sehen, ein Mann mit einem Hammer und einem riesigen Nagel tritt an sie heran. Die Spitze zielt auf den Unterleib der Frau. Ihr Schrei reißt Daisy wieder und wieder aus dem Schlaf.

Dem Humanismus bei der Erosion zusehen

„American Sweatshop“ sieht dem Humanismus bei der Erosion zu. Als Themenfilm sucht er immer neue Blickwinkel auf das seelische Leid der „Ersthelfer des Internets“. Auch in Daisys Privatleben ist das Sujet auf recht plumpe Art omnipräsent. Sie verbringt ihre Tage allein, das Handy in der einen, den Joint in der anderen Hand. Der Nachbarstochter kann sie die Social-Media-Zeit gerade noch ausreden, bevor auch sie mit dem Elend konfrontiert wird – stattdessen wird ein Film geschaut. Die Arbeit zehrt an Daisy. Zynismus überlagert ihr sonst empathisches Auftreten. Daisy verliert ihre Menschlichkeit und gibt die eigentlich angestrebte Karriere als Krankenpflegerin auf. Mit dem durchaus sympathischen Tinder-Date Isaac (Josh Whitehouse) will sie bald nur noch Sex haben, um sich selbst zu beweisen, dass sie dazu noch fähig ist.

Der Plan, jene zu bestrafen, die das Foltervideo produziert haben, wächst mit der zunehmenden seelischen Belastung. Mit ihm richtet die Regisseurin den Blick nach außen, leitet vom Themenfilm auf den Psychothriller über. Das eigene Unternehmen will allerdings nichts mit irgendeiner Verantwortung zu tun haben. Die Vorgesetzte (Christiane Paul) wimmelt Daisys Versuch, Anzeige wegen des Foltervideos zu erstatten, ab. Die Polizei sieht sich ebenfalls nicht zuständig.

Zwischen den Genres

Der Versuch der Protagonistin, die Macher des Videos ausfindig zu machen, schafft es allerdings nicht, die Topoi eines anderen Genres anzunehmen. „American Sweatshop“ bleibt zwischen den Genres hängen. Zu oft fallen inszenatorische Entscheidungen zugunsten der oberflächlichen thematischen Plotpoints aus; zu wenig zielt tatsächlich auf eine Atmosphäre des Schreckens, wie sie etwa „The Assistant“ (2019) von Kitty Green in den Arbeitsalltag trägt. „American Sweetshop“ ist zu oberflächlich, um sein Thema vertiefen zu können, zu zahm, um es wirklich spürbar zu machen, und zu weit weg von der behaupteten Authentizität, um eine wirklich hässliche Realität abbilden zu können.

Selbst der titelgebende „Sweatshop“ ist ein ziemlich ordinäres Büro, und die dort Arbeitenden erscheinen kaum wie die Unterprivilegierten, die sich in den Räumen der Subunternehmen von Meta & Co. tummeln. Die Realität, die sich hinter dem Euphemismus „Content-Management“ verbirgt, ist grauenhaft. Es braucht nicht viel, um das zu verstehen. Um es fühlen zu können, bräuchte es allerdings einiges mehr.

Veröffentlicht auf filmdienst.deAmerican SweatshopVon: Karsten Munt (24.11.2026)
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