Vorstellungen
Filmkritik
Eric Visser (Huub Stapel) kann sein Steak nicht finden. Wo früher im Supermarkt das saftige Rindfleisch aus der Massentierhaltung angeboten wurde, liegt heute die pflanzliche Alternative. Die knapp dreißig Jahre jüngere Aushilfe erklärt Visser, während sie seinen Flirtversuch elegant abwehrt, dass der Fleischersatz gesünder, umweltfreundlicher und mindestens genauso lecker sei. Der Pensionär lenkt ein. Nur um festzustellen, dass das falsche Fleisch nicht wie das Steak von früher schmeckt. Und dass er zu alt ist, um auf junge Frauen attraktiv zu wirken oder auf dem Heimweg einen Streit zwischen Teenagern zu schlichten; beim Versuch kassiert der Ex-Kommissar sogar einen Klatscher ins Gesicht.
Visser gehört zum alten Eisen. Der Rest der Welt ist weitergezogen, während der Ex-Kommissar in der Limburger Provinz auf dem Abstellgleis parkt. Nicht einmal die eigene Karriere erscheint aus heutiger Sicht so glamourös wie gedacht. Denn der Killer, den Visser vor mehr als dreißig Jahren in „Verfluchtes Amsterdam“ (1988) nach einer Mordserie identifizierte, ist – einer kürzlich durchgeführten DNA-Untersuchung nach – unschuldig. Ob der Kommissar im Ruhestand die angekündigte Verdienstmedaille erhält, ist damit fraglich.
Die Kommissarin beißt auf Granit
Den Nachahmungstäter, der im heutigen Amsterdam auftaucht und genau wie vor dreißig Jahren alle ermordet, die ihm in den Grachten vors Messer kommen, muss die nächste Generation fangen. Tara Lee (Holly Mae Brood) heißt die Kommissarin, die in „Amsterdamned II“ übernimmt und ähnlich wie seinerzeit Visser schnell auf Granit beißt. Noch bevor der Pensionär von der neuen Mordserie erfährt, sind vier Menschen tot. Die Opfer wurden scheinbar zufällig getötet und auf unterschiedlichste Weise mit dem Messer und/oder Feuer zugerichtet. Da der Vorgesetzte (Pieter van der Sman) wenig Vertrauen in seine Ermittlerin hat, soll Visser helfen.
„Amsterdamned II“ findet im „Damals und Heute“-Framing einen recht komplizierten Einstieg in die Fortsetzung des Films von 1988. Das Ende vom Lied ist wenig überraschend. Visser und Lee müssen gezwungenermaßen zusammenarbeiten. Gemeinsam bringen die Erfahrung des Boomer-Rentners und der Biss der Millennial-Kommissarin den Täter zur Strecke. Die eingangs breitgetretenen Generationen- und Geschlechterordnungsmotive sind damit ad acta gelegt.
Messer schnellen aus dem trüben Wasser
Die Mordserie ist auf dem Papier die gleiche wie im ersten Teil. Doch das Genre ist in „Amsterdamned II“ ein gänzlich anderes. Der Vorgängerfilm war ein europäischer Kino-Exot, ein Grachten-Giallo, der ein spezifisch holländisches Flair in ein James-Bond-artiges Actionfinale überführte. Der Nachfolger hingegen ist reiner Krimi, der auch ästhetisch dem mitteleuropäischen Crime-Genre näher ist als den historischen Genrevorgängern aus Italien. Regisseur Dick Maas inszeniert das solide, vermag aber trotz aller (oft digital gerenderten) Bemühungen nichts auf die Leinwand zu bringen, was dem Original nahe käme. Es blubbert noch immer in den Grachten, und noch immer schnellen Messer aus dem trüben Wasser. Ein weiteres Mal jagen die Polizei und die zur Hilfe beorderten Spezialeinheiten den Killer mit Drohnen und anderem Hightech-Equipment durch die Kanäle – doch zum Highlight taugt nichts davon.
Wo vorher Pferdestaffeln durch Gassen hetzten, Speedboote über Brücken sprangen, durch Musikantenschiffe und Touristenboote donnerten, gibt es heute wahlweise CGI aus der zweiten Reihe oder einen Pensionär, der sich auf dem Jetski durch eine Entenfamilie schlängelt. Es ist erstaunlich genug, dass er dabei meist im Sattel bleibt. Als Argument für eine mehr als dreißig Jahre verspätete Fortsetzung taugt das aber nicht.






