Vorstellungen
Filmkritik
Der Film macht um vieles ein Geheimnis, aber gewiss nicht darum, was seine Hauptbeschäftigung angeht: das Verwirren und in die Irre führen. Eine der ersten Szene wirkt wie das Auslegen eines Konstruktionsplans. Eine Frau stürzt aus dem Fenster, die Kamera streift langsam die Hauswand herab, bis sie auf dem Gehsteig Halt macht. Aber da liegt keine Tote. Kamera also wieder nach oben, Richtung Fenster: Ein Mann telefoniert. In der Wohnung ein Paar: Anna und Nick. Zwischen den beiden läuft es schlecht, Gereiztheit liegt in der Luft, Misstrauen und Angst. Es gibt den (noch unausgesprochenen) Verdacht, dass Nick seine Frau mit Andrea, der Nachbarin aus dem dritten Stock, betrügt. Die ist aber vorerst aus dem Bild, da Nick und Anna für einige Monate in die Schweizer Alpen aufbrechen. Mischa, eine Frau, die über Randfiguren in mittelalterlichen Handschriften forscht, soll währenddessen auf die gemeinsame Wohnung aufpassen. Nick ist Koch und sucht nach vergessenen Schweizer Gerichten, Anna ist Kinderbuchautorin und schreibt ihr erstes Buch für Erwachsene – über eine Frau, die ihren Mann umbringt. Auf der Fahrt in die Berge kollidiert das Auto mit einem Schaf, ausgerechnet beim Stadt-Land-Tier-Spiel, kurz nach dem Begriff „Tokeh“, eine Eidechsenart, von der Nick behauptet, sie existiere gar nicht. Anna kommt mit einer Kopfverletzung davon, aber die Irritationen und Störungen fangen nun erst richtig an. Es gibt bizarre, erschreckende Begegnungen mit weiteren Tieren, Doppelgänger-Figuren, Parallelhandlungen und irre machende Wiederholungsschleifen, verschlossene Türen, hinter denen es lebt und „unheimelt“. Immer wieder scheint es, als lebe das Paar in unterschiedlichen Realitäts- und Wahrnehmungsebenen, Anna vermutet gar, sie liege in Wahrheit im Krankenhaus und das Geschehen sei ein Produkt ihrer Vorstellung. Nichts ist verlässlich, selbst die Sprache gerät auf verschiedene Bedeutungsebenen, etwa wenn Anna sagt: „Ich verlasse Dich“, bei Nick aber die Frage ankommt: „Was ist da draußen?“. Der polnische Filmemacher Greg Zglinski (er studierte u.a. bei Krzysztof Kieślowski) inszenierte „Animals“ nach einem hinterlassenen Drehbuch des im Juli 2017 40-jährig verstorbenen Autors Jörg Kalt. Die gewundende und verschachtelte Architektur der Geschichte erinnert an die „unmöglichen Figuren“ von M.C. Escher, die mit perspektivischen Unmöglichkeiten, optischen Täuschungen und multiplen Wahrnehmungsphänomenen stressen. Tatsächlich war Eschers Lithografie „Relativity“ ein Ausgangspunkt für „Animals“. Die fröhlich vor sich hin „eschernde“ Handlung verweist wenig dezent auf Polanski, Lynch, Kubrick, Hitchcock und von Trier und scheint es über weite Strecken gar nicht darauf anzulegen, irgendwo anzukommen. Das hat zunächst etwas angenehm Entspanntes. Viele Filme ähnlicher Bauart verheben sich im Bemühen, die Fäden zusammenzuführen, und auch „Animals“ kommt am Ende nicht ganz darum herum. Ohnehin wäre der Film kaum mehr als eine quatschige Spielerei, würden sich dahinter nicht auch „Szenen einer Ehe“ verbergen. Auch wenn die Geschlechterrollen (Frau wartet und bangt um die Liebe) so altbacken wirken wie die komischen Kleider, in die man Birgit Minichmayr gesteckt hat: Dass die Beziehungsdynamik berührt, liegt ganz entscheidend an ihr, die als Anna eindringlich zwischen Angriffslust und Verletzlichkeit, penetrantem Trotz und Anhänglichkeit oszilliert. Und die sehr toll mit Katzen sprechen kann.
