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Filmkritik
Scarlet verlässt die Welt, bevor sie diese wirklich sehen kann. Bereits in der Eröffnungssequenz wird sie von den Händen der Toten aus dem Leben in die Unterwelt gezogen. Der dänische Hof des frühen 17. Jahrhunderts, den Scarlet zurücklässt, steht unter der Herrschaft ihres Onkels Claudius, des Mannes, der ihr das tödliche Gift verabreichte. Kurze Zeit, nachdem dieser zuerst König Amelth hinrichten ließ und Scarlets Mutter Gertrude heiratete, trifft es auch die Prinzessin. Alle ihre Bestrebungen, Rache zu nehmen, ihr unaufhörliches Schwertkampf-Training und ihre Studien waren umsonst. Scarlet erwacht im Limbo zwischen Sein und Nichtsein.
Die Prinzessin geht den für das „Isekai“ genannte Subgenre japanischer Fantasy-Geschichten typischen Weg. In Isekai-Geschichten finden sich Charaktere aus irdischen Sphären in Fantasiereichen wieder. Für eine weibliche Version von Shakespeares „Hamlet“ bestreitet Scarlet aber einen eher untypischen Weg. Denn Regisseur Mamoru Hosoda übersetzt das Innenleben von Shakespeares dänischem Prinzen, der hier eine Prinzessin ist, in ein scheinbar trostloses, aber doch vor Leben und Gefahr pulsierendes Fegefeuer.
Eine todbringende Wüste
„Anderswelt“ wird dieser Ort genannt. Eine todbringende Wüste, in der die Menschheit zwischen Leben und Tod, Geschichte, Gegenwart und Zukunft zusammenkommt. Hier wandelt Scarlet, von Rache getrieben, durch steinige, sandige oder eisige Wüsten. Prophetinnen flüstern ihr die großen Fragen der Conditio Humana ins Ohr; die verrottenden Gebeine getöteter Krieger verspotten sie, und überall lauern die Gefolgsleute von Claudius, um Scarlet endgültig ins Nichts zu stoßen. Dieses Nichts ist das Schicksal derer, die in der Anderswelt ihr Leben lassen; Scarlets Vater, der ermordete König von Dänemark, ist einer von ihnen.
Der Rest der Menschheit zieht durch diese Anderswelt, die zunehmend als Abbild der großen historischen Verwerfungen erscheint. Flüchtlingsströme durchqueren die Wüsten, ständig bedroht von Plünderern. Dort, wo man den Zugang zur Himmelspforte vermutet, toben Kriege. Über all dem gleitet ein gewaltiger Leviathan am Himmel, ein Art Melville’scher Wal, der, durchbohrt von den Klingen tausender Kriege, diejenigen heimsucht, die sie immer noch führen.
Hosoda sucht Bilder, die auf die Menschheit verweisen. Bilder von großen Massenbewegungen, die an ein gemeinsames Schicksal gemahnen. Die Menschheit ist hier als Ganze verwundbar. Gebete werden nicht erhört, Unschuldige dem Nichts überlassen. „Welche Sprache versteht Gott?“, flüstert eine Prophetin einmal am Wegesrand. Scarlet stapft an der Antwort vorbei, unaufhörlich dem Pfad der Rache folgend.
Der Sanitäter kämpft nicht, er heilt
Eine moderne, empathische Perspektive bringt der aus der Zeit gefallene Hijiri. Er ist Rettungssanitäter und stammt nicht aus dem historischen Edo, sondern aus dem modernen Tokio. Scarlet begegnet ihm bei einem ihrer zahlreichen Kämpfe. Hijiri aber kämpft nicht, er heilt. Mit der Notfalltasche auf dem Rücken ringt er um jedes Leben und weigert sich beharrlich, Teil des Kampfes zu werden, den Scarlet auf der Suche nach ihrem verhassten Onkel austrägt. Für die Prinzessin ist dieser Hijiri, der sich mit aller Empathie und aller Naivität an den Eid des Hippokrates klammert, ein Spinner. Aber der Spinner behält oft Recht.
Auch wenn die Gebete nicht erhört werden, greifen seine einfachen, menschlichen Gesten. Wo die kämpferische Prinzessin auf der Stelle tritt, eröffnen sich ihr an der Seite von Hijiri erste Einblicke in ein Leben, das ihr lange verwehrt war. Die Sprachen, die Gott versteht, sind Gesang, Tanz, Gemeinsamkeit und Mitgefühl. Regisseur Hosoda fängt sie wie die großen Massenbewegungen in der Bildgewalt seiner Hybridform zwischen traditioneller und 3D-Animation im Cinemascope-Format ein. Die Animationen sind dabei grob und direkt und Scarlets Kampfkünste erinnern in ihren Bewegungen mitunter mehr an Lotte Reinigers „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ als an „Prinzessin Mononoke“ von Hayao Miyazaki.
Die Moderne vs. der Leidensweg der Rache
Die Vision dahinter weiß die ausdrucksstarke Hybridform gut zu kanalisieren. „Scarlet“ balanciert sein Pathos nicht mit dem im Anime üblichen Humor. Die Moderne, die mit dem Rettungssanitäter ins Jenseits gelangt, ist vielmehr das einzige Gegengewicht zum Leidensweg der Rache, den die Protagonistin beschreitet.
Für eine „Hamlet“-Adaption ist der Film eigentlich recht eintönig auf Rache getrimmt, doch auch darin ist es erneut die moderne Perspektive, die „Scarlet“ wieder und wieder erzählerisch verankert. Hijiris Ethik bildet einen Gegenpol zur Rache der Prinzessin, den die archaische Welt nicht kennt, und macht sie damit, so unumgänglich und gerecht sie auch sein mag, zum tatsächlich transgressiven Akt. Die Prinzessin kann das nicht verstehen, bis sie in einer der schönsten Szenen des Films die Vision einer unmöglichen Zukunft und sich selbst darin tanzend sieht.










