









- RegieMichele Cirigliano, Anton von Bredow
- ProduktionDeutschland (2025)
Vorstellungen
Filmkritik
Das Monstrum rückt erst nach rund 20 Minuten ins Bild. Langsam, als könne sie es selbst kaum fassen, tastet sich die Kamera an der Fassade des Casinos entlang, das seit dem Jahr 2006 die Ansicht von Campione d’Italia dominiert. Der Riesenbau des Architekten Mario Botta ist Symbol für die Misere des norditalienischen Ortes und zugleich Fixpunkt in dem Dokumentarfilm „Architektur des Glücks“ von Anton von Bredow und Michele Cirigliano.
Eigentlich, so erfährt man gleich zu Beginn, waren die Campionesi jahrhundertelang begehrte Fachkräfte beim Kirchenbau. Der russische Zar soll sie gerufen haben, um die Türme des Kremls zu errichten. Aber 1917 installierte das Königreich Italien in dem Dorf, das vollständig von der Schweiz umschlossen ist, eine Spielbank. So sei die Exklave zu einer der reichsten Gemeinden des Landes geworden.
Sagenhafter Reichtum
Glücksritter und der Jet-Set fluteten das idyllisch am Luganer See gelegene Campione, dem der faschistische Diktator Benito Mussolini 1933 den Zusatz „d’Italia“ verpasste. Der ägyptische König Faruq lernte hier ein neues Leibgericht kennen – Gnocchi in Tomatensoße – und die Dalí-Muse Amanda Lear hauchte dem zahlungskräftigen Publikum in der Spielbank Komplimente ins Ohr.
Der Rubel rollte in Campione, und die Einwohner kassierten kräftig mit. „Wenn man 10.000 Schweizer Franken im Monat verdient, ohne Arzt oder Ingenieur zu sein ...“, erinnert sich einer von ihnen. Doch als sich die Campionesi 2006 das größte Casino Europas vor die eigenen Haustüren setzten, waren die glorreichen Zeiten schon vorbei. Aber das wollte damals niemand wahrhaben, und keiner der Verantwortlichen hatte für ein mögliches Scheitern des Projekts vorgesorgt. 2018 meldete das Casino Konkurs an und mit ihm die Gemeinde.
„Wenn du einen Kuchen hast und immer mehr davon abschneidest, ohne neu zu backen, ist irgendwann kein Kuchen mehr da“, bringt es Don Eugenio Mosca auf den Punkt. Der ehemalige Ortspfarrer gehört zu den Bewohnern, die der Film über einen Zeitraum von drei Jahren begleitet. Das klug komponierte Werk lässt sich als Parabel über die moderne Gier nach Gewinn interpretieren, die inzwischen fast alle Bereiche des Lebens erfasst hat. Zugleich bewahrt sich die „Architektur des Glücks“ einen fast zärtlichen Blick auf die Menschen, die im Schatten des monströsen Casinos versuchen, dem Ort so etwas wie Würde zurückzugeben.
„Wir müssen dafür sorgen, dass das Dorf immer schön sauber und bunt bleibt“, sagt beispielsweise Fabrizio Anzalone, der als Kellner in den Bars und Pizzerien von Campione jobbte. Unentwegt setzt er frische Blumen in die Betonkübel und träumt davon, dass sich eines Tages der asphaltierte Parkplatz des Casinos zumindest zu Teilen in eine grüne Wiese verwandelt. Immer in seinem Schlepptau: die Ziege Lisa. Das Tier ist das einzige Lebewesen, das im Film mit seinem Namen genannt wird.
Gesamtkunstwerk aus Bild, Musik und Ton
Die menschlichen Protagonisten dagegen werden nicht durch Bauchbinden oder eine Off-Stimme eingeführt. Sie bilden vielmehr ein Figuren-Ensemble, „eine Art Chor von Personen verschiedener Couleur, die auf unterschiedliche Weise direkt etwas mit Campione zu tun hatten und haben“, wie Michele Cirigliano erläutert. Sie alle suchen keinen Sündenbock für ihre Situation, sondern erweisen sich vor der Kamera als nachdenklich und selbstkritisch. „Sich sein Scheitern einzugestehen ist schwer. Man will es nicht wahrhaben, wie wenn man leugnet, krank zu sein“, sagt einer von ihnen.
Zu dieser Stimmung passt die schwebende, bisweilen unheilschwangere Musik von Friederike Bernhardt. Die Kamera von Jonas Jäggy und Aurelio Buchwalder nimmt sich mit poetischen Bildern Zeit für die eigentümlichen Gegensätze eines eigentümlichen Ortes. So stehen die scharfen Linien des brutalistisch anmutenden Casinos im Kontrast zur verspielten Barockfassade der Kirche von Campione; der Lost-Place-Charme von aufgelassenen Seilbahnen und Parkhäusern wechselt mit dem paradiesischen Panorama aus Alpen und Luganer See.
Vor dieser Kulisse wirken die Protagonistinnen und Protagonisten mitunter wie Statisten, um dann wenige Momente später aber mit Entschlossenheit das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Ein Zwiespalt bleibt dennoch. Seit 2022 hat das Casino wieder den Betrieb aufgenommen. Und in Campione fangen sie erneut an zu träumen. Eine Immobilienmaklerin will reiche chinesische Investoren anlocken. Weil die gerne spielen.
