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Filmkritik
Einmal die Dinosaurier sehen – wäre das nicht toll? Während seine Eltern und seine ältere Schwester mit ihren Regenbogencapes durch die Zeit reisen und dabei am Himmel wunderschöne Spuren hinterlassen, muss Arco zu Hause bleiben. Denn Fliegen, so besagt es das Gesetz, darf man erst mit zwölf Jahren. Aber Arco ist einfach zu neugierig. Eines Nachts schleicht er sich heimlich davon, stibitzt sich ein Cape – und springt von der hohen Plattform, auf der sich das Haus seiner Familie befindet, in die Tiefe. Tatsächlich reist er zurück in der Zeit, sogar etwa acht Jahrhunderte. Bei den Dinosauriern allerdings landet er nicht, sondern im Jahr 2075, in einer Welt, die bald von einer großen Naturkatastrophe heimgesucht werden wird.
Maschinen mit zwischenmenschlichen Funktionen
Zwischen gleich zwei Zukunftsvisionen pendelt der Animationsfilm „Arco“ und gibt dabei der näheren Variante mehr Raum. Dabei entwirft er eine Welt, in der Maschinen längst nicht nur menschliche, sondern vor allem auch zwischenmenschliche Funktionen übernommen haben. So wird etwa der Haushalt von Iris, die den verletzten Arco im Wald entdeckt und mit zu sich nach Hause nimmt, weitgehend von einem einfühlsamen Nannyroboter geleitet. Mikki kümmert sich rührend um Iris und ihren jüngeren Bruder, während die weit entfernt arbeitenden Eltern nur als Hologramme anwesend sind und Nähe suggerieren, die es de facto nicht gibt. In der Schule unterdessen füllen Roboter die Rollen der Lehrenden – und selbstverständlich sorgen auch bei der Polizei Maschinen für Recht und Ordnung.
Unbequem vertraut fühlt sich diese Welt an, weil sie die Gegenwart nur ein bisschen weiterdenkt und zuspitzt und dabei gar nicht mal auf Abschreckung setzt. Die Welt von Iris ist zwar dystopisch, aber keineswegs so dystopisch wie in anderen Near-Future-Science-Fiction-Filmen oder gar dem Comic „Préférence Système“, den der Regisseur Ugo Bienvenu zuvor gezeichnet hat. Organisch hat sich in „Arco“ die Technologie in den Alltag der Menschen eingefügt (oder eingeschlichen), der Schauplatz ist kein urbaner Moloch im Stil von „Blade Runner“, sondern eine ganz normale Vorstadtsiedlung, die auch viel Raum lässt für Natur.
Der Wendepunkt für die menschliche Zivilisation
Ohnehin spielt die Natur eine große Rolle in dem altmodisch anmutenden französischen Animationsfilm, der sich sowohl inhaltlich als auch ästhetisch an die Werke des japanischen Studios Ghibli und insbesondere die Filme von Hayao Miyazaki anlehnt. 2075 markiert in dieser Fiktion den Wendepunkt für die menschliche Zivilisation. Eine Naturkatastrophe zieht herauf und droht die Lebensgrundlage der Menschen zu vernichten. Niemand weiß das besser als Arco, in dessen Zeit die Menschen auf Plattformen hoch über dem Erdboden leben – damit dieser sich regenerieren kann. So entpuppt sich Arcos Welt als utopische Version der Zukunft. Eine Zeit, die zwar noch das dunkle Erbe der Vergangenheit zu schultern hat, aber viel rücksichtsvoller mit der Umwelt umgeht.
Während die Figuren wie in Animes üblich betont flächig bleiben, laden die detaillierten, teils fast schon fotorealistischen Hintergründe zum Eintauchen in die Welt ein und lassen sie greifbar und real wirken. Schon durch die Lichtstimmung und die Offenheit der Räume verspricht die weiter entfernt liegende Zukunft Hoffnung. Und wie bei Miyazaki traut sich auch Bienvenu, immer wieder poetische Szenen einzuflechten, die eine mögliche harmonische Koexistenz von Mensch und Umwelt zeigen. Arco kann mit den Vögeln sprechen, in seinem Lebensgefüge wird der Dialog mit der Umwelt ganz wörtlich genommen. Er kommt in aller Unschuld in die Vergangenheit und verändert sie, jedoch nicht durch konkretes Handeln wie in „Zurück in die Zukunft“ oder ähnlichen Zeitreise-Filmen, sondern durch seine Anwesenheit und das Versprechen, das mit ihm aus der Zukunft kommt. Arco wird zu Inspiration und zum Mutmacher, vor allem für Iris, mit der er sich eng verbunden fühlt.
Drei merkwürdige Brüder
Aus dem starken Kontrast der beiden Zukunftsvisionen ergibt sich eine Grundspannung, die noch dadurch verstärkt wird, dass Arco sich zwar mit Iris anfreundet, aber doch schnellstmöglich auch wieder zurück nach Hause will. Nur ist ihm beim Absturz der Diamant abhandengekommen, den er unbedingt für die Zeitreise braucht. Und dann sind da noch drei merkwürdige Brüder, die sich an Arcos Fersen heften.
„Arco“ nimmt sich viel Zeit für die Ausmalung seiner Welt und setzt mehr auf das Zusammenspiel seiner Figuren als auf äußere Action. Das verleiht dem Film eine eigene Atmosphäre. Er entzieht sich den konventionellen gegenwärtigen Erzählmustern im Animationsfilm und steht mit ganz viel Herzblut hinter seiner Botschaft: Alles kann gut werden. Vertraut den Kindern. Und gebt ihnen die Möglichkeit, sich zu entfalten.









