Vorstellungen
Filmkritik
Wenn María Ángeles Muñoz (Carmen Maura) auf dem Balkon ihre Blumen gießt, sprudelt die Straße unter ihr nur so vor Leben. Von oben grüßt sie fröhlich Nachbarn und Straßenhändler, die hier ihren täglichen Geschäften nachgehen. Die spanische Witwe lebt seit 40 Jahren in ihrer geräumigen Wohnung in Tanger. Wegen Geldmangels konnte sie diese zwar nie renovieren, doch sie hat sich gemütlich darin eingerichtet. Der hüfthohe Schrank mit dem Plattenspieler ist ihr liebstes Möbelstück. Auf dem alten Gerät hört sie spanische Liebeslieder und in der altmodischen Küche bereitet sie ihr Essen zu. Überall stehen kleine Eulenfiguren, die sie mit Hingabe sammelt. Über den Besuch ihrer Tochter aus Madrid freut sich María Ángeles sehr. Ein Jahr ist es her, dass sie Clara (Marta Etura) zuletzt gesehen hat. María Ángeles drängt sie, mit alten Bekannten zu plaudern und bei der arabischen Nachbarin Fatma im Haus vorbeizuschauen, die sie spontan zum Abendbrot einlädt.
Sie lässt die Bombe platzen
Doch Clara wirkt erschöpft. Zuhause hat sie Stress mit dem Ex, der sich offenbar nicht wie abgemacht um die Kinder kümmert. Nachdem sie ein paar abfällige Bemerkungen über Marias Ángeles’ Nippes gemacht hat, lässt sie die Bombe platzen: Sie will die Wohnung verkaufen. Das steht ihr zu, denn die Wohnung läuft auf ihren Namen. Clara hat Geldsorgen und will ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Maria Ángeles fällt aus allen Wolken. Zu Clara nach Madrid zu ziehen, kommt für sie nicht infrage. Maria Ángeles stammt aus Tanger; sie gehört zu der Generation spanischer Immigranten, die in den 1930er- und 1940er-Jahren vor Franco nach Marokko geflüchtet waren. Hier in Nordafrika ist ihr Zuhause, ihr Leben.
Also schiebt Clara sie in ein spanisches Seniorenheim vor den Toren der Stadt ab, während sie Marias Ángeles’ Möbel verramscht und einen Makler für den Verkauf der Wohnung besorgt. Doch im Seniorenheim fühlt sich Maria Ángeles entmündigt. Sie packt ihre Koffer und begibt sich in ihr altes Viertel. Die Not macht sie erfinderisch, und so schafft sie es, sich dort wieder ein Leben aufzubauen.
Eine resiliente Heldin
Regisseurin Maryam Touzani stellt in „Calle Málaga“ eine so sympathische wie resiliente Heldin in den Mittelpunkt. Diese María Ángeles lässt sich nicht unterkriegen, doch ihren Widerstand erkennt man erst auf den zweiten Blick. Nachdem ihre Tochter sie vor vollendete Tatsachen gestellt hat, straft sie sie zunächst mit Schweigen, doch dann macht sie scheinbar folgsam alles, was man von ihr verlangt. Insgeheim verfolgt sie aber ganz andere Pläne. Für Clara und die Betreiber des Altenwohnheims, darunter auch sehr übergriffige Pflegerinnen, ist María Ángeles einfach nur eine alte Frau. Sie trauen ihr nichts mehr zu und bevormunden sie. Einmal erblickt sie aus dem Fenster der Einrichtung einen angeleinten Esel, der apathisch im Garten steht. María Ángeles will sich nicht fesseln und knebeln lassen und baut, während Clara in Madrid nichts ahnt, ihr Leben in der leeren Wohnung wieder auf.
Die ehemalige Hausfrau, deren einzige Arbeit früher das Verkaufen von Tickets im spanischen Theater der Stadt war, ersinnt einen Broterwerb und kauft ihre Möbel zurück. Schützenhilfe erhält sie ausgerechnet von dem marokkanischen Antiquitätenhändler Abslam (Ahmed Boulane), der sie davor regelrecht abgezockt hatte. Im Wohnviertel selbst greift sie auf ihr etabliertes Netzwerk zurück: Nachbarn, Straßenhändler, gute Bekannte. Denn Maria Ángeles mag zwar als Witwe etliche Jahre allein gelebt haben, doch einsam ist sie nicht. Mit ihrer unbeschwerten und direkten Art hat sie sich viele Freunde gemacht.
Kisten werden zu wohnlichen Möbeln
Es macht Spaß, der vitalen, sehr gewitzten Seniorin bei ihren Aktivitäten zuzusehen. Der Film verfügt über etliche komische Szenen, die zugleich auch anrührend sind. Als Maria wieder in die geleerte Wohnung einzieht, befinden sich nur noch zwei Kisten und eine Matratze. Sogleich dekoriert sie die Kisten zu wohnlichen Möbeln um, indem sie ihre Häkeldeckchen darüberhängt und es sich gemütlich macht. Auch die Notlügen am Telefon, mit denen sie ihrer Tochter vorgaukelt, dass sie noch immer im Altersheim lebe, sorgen für Heiterkeit. Anrührende Nebenfiguren wie die Nonne Schwester Josefa, der María Ángeles regelmäßig ihr Leid klagt, ein junger arabischer Wettanbieter oder die arabischen Nachbarinnen bilden eine intakte Gemeinschaft, die zusammenhält und María Ángeles beschützt. Schließlich erlebt die betagte Lebenskünstlerin auch noch eine zarte Liebesgeschichte, das i-Tüpfelchen ihrer Wiedergeburt in vertrauter Umgebung.
„Calle Málaga“ ist ein Film über Heimat, Entwurzelung und die Selbstbestimmung einer Seniorin, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Nicht zuletzt lebt der Film aber auch vom besonderen Flair der Stadt Tanger. Vor den Toren der Stadt macht María Ángeles mit ihrem Liebsten Ausflüge an das in schönstem Blau erstrahlende Meer. Und innerhalb ihres Viertels, wo ihr alles vertraut ist, blüht sie regelrecht auf. Es ist ein multikulturelles Zusammenleben von Arabern und alteingesessenen Spaniern, ein Überbleibsel des spanischen Protektorats (1912-1956), in dessen Zeitraum auch das spanische Viertel entstand. Warum María Ángeles nie Arabisch spricht, ihre arabischen Nachbarn dagegen alle Spanisch, sei dahingestellt. Auch halten nicht alle Wendungen im Film einer dramaturgischen Logik stand. Doch das tut diesem anrührenden und komischen Wohlfühlfilm keinen Abbruch.
Gefühl, List & unbändiger Lebensmut
Denn „Calle Málaga“ bietet nicht zuletzt die Gelegenheit, einer der großen europäischen Miminnen unserer Zeit beim Spiel zuzusehen. Carmen Maura stattet ihre Figur mit Gefühl, List und unbändigem Lebensmut aus und kaschiert dabei keineswegs ihr Alter. Sie und der Film zeigen, dass Lebenserfahrung keineswegs den Übermut im Alter ausschließt und das Leben auch jenseits der 70 schön sein kann.







