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DRY LEAF

186 minDrama, FantasyFSK 6
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In seiner primitivsten Ausführung braucht es für ein Fußballstadion nicht mehr als eine Wiese und Pflöcke. Zwei Senkrechte und eine Horizontale. Drei Linien. In den ländlichen Regionen Georgiens findet man solche halb improvisierten Spielfelder noch – sofern sie nicht dem Bau eines Hotels oder einer Straße weichen mussten. Die Fotografin Lisa hat sich irgendwann auf den Weg gemacht, diese rudimentären Anlagen zu fotografieren. Dann verschwand sie. Es war ein angekündigtes Verschwinden per Brief. Ihr Vater Irakli (David Koberidze), ein Sportdozent, ist beunruhigt.

Die Liebe zu Fußball und Tieren

Die Filme des Georgiers Alexandre Koberidze folgen einem eigenwilligen magischen Denken. Dieses folgt mehr der Emphase der Behauptung und dem „Als-ob“ als den Gesetzen wahrer Zauberei. In „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ (2021) erwachten zwei Menschen nach ihrer ersten Begegnung in anderen Körpern, was ein Wiederfinden verunmöglichte. In diesem Film gab es auch sprechende Objekte wie eine Überwachungskamera oder eine alte Regenrinne. Das nimmt Koberidze in „Dry Leaf“ wieder auf und spielt damit. Andere Kontinuitäten sind eine Erzählstimme und die Liebe zum Fußball und zu den Tieren, insbesondere zu Hunden.

Wie die vorangehenden Arbeiten ist „Dry Leaf“ ein Film der Ziellosigkeit und Rätsel. Auf der Suche nach Spuren seiner Tochter begibt sich Irakli auf eine Reise quer durchs Land, begleitet von Lisas geheimnisvollem Freund Levani. Doch dort, wo im Film Levani sein soll, ist: nichts. Oder eben nur ein Autositz, eine leere Bank, verbunden mit einer körperlosen Stimme. „Levani ist wie viele in der Wirklichkeit des Films unsichtbar“, erklärt der Erzähler aus dem Off, als sei diese Merkwürdigkeit das Normalste auf der Welt.

Noch eine andere Wirklichkeitsverschiebung ist hier am Werk. Nach dem Debüt „Lass den Sommer nie wieder kommen“ (2017) hat Koberidze erneut mit der Kamera eines uralten Mobiltelefons gedreht. Damit öffnet sich die Tür zu einem ganz eigenen, fast alchemistischen Reich der Magie. Farbflächen flackern und pulsieren, stoßen aneinander und bringen die Farben zum Glühen. Licht trifft auf dunkle Gegenstände und lässt schwarze Umrisslinien entstehen. Die wie hingetuschte Wolkigkeit der Bilder erinnert an Malerei, eher Aquarell als Öl, mit dem Farbauftrag als dünner Lasur.

Mit dem Foto der Tochter in der Hand

Es ist berückend und überirdisch, wie sich ein roter Farbfleck oder nahezu immateriell anmutende Pferde durch die Landschaft bewegen, wie sich Lichteinstrahlungen als konturierte Linien ins Bild ziehen, ein See sich als Cut-Out ins Bild frisst oder Auflösungen beim Waschen der Autoscheiben in völlige Abstraktion übergehen. Koberidzes Unschärfepoesie, unterlegt mit mal symphonischen, mal synthetischen Klängen, komponiert von Giorgi Koberidze, scheint unerschöpflich. Dabei ist „Dry Leaf“ mit kaum mehr als nichts entstanden: Koberidze hinter der Kamera, der Vater davor, Bruder Giorgi machte den Ton. Filmemachen aufs Elementarste reduziert, nach dem Prinzip Pflöcke und Wiese.

Als Grundformen der Moderne ziehen sich Linie und Kreis wie ein musikalisches Thema durch den Film. Ins Bild zeichnen sich Zäune, Eisengitter und Torpfosten; die Erzählbewegung verläuft hingegen zirkulär. Wie ein Detektiv fragt sich Irakli mit dem Foto seiner Tochter in der Hand von Bolzplatz zu Bolzplatz und trifft dabei immer wieder auf fußballspielende Kinder. Kopfschütteln, eine Wegbeschreibung, manchmal auch der vage Verweis auf eine andere Person, die vielleicht Auskunft geben könnte. Weiter geht es zum nächsten Feld, zu den nächsten drei oder manchmal auch nur zwei Pflöcken – eine Schnitzeljagd mit den Mitteln des Slow Cinema, hypnotisch und empfänglich für jede Abschweifung. Für Blumen, Kühe, Katzen und Fenster. Für einen roten Sportwagen, Statuen und einen Onkel, der unterwegs noch besucht werden muss.

Nicht ganz von dieser Welt

Einmal begegnen die Reisenden einem Mann, der ein leerstehendes Gemeindezentrum wieder herrichtet. Früher beherbergte es ein Kino. Eher nebenbei registriert „Dry Leaf“ die Zerstörungen der Gegenwart und schafft zugleich etwas, das von großer Schönheit ist und nicht ganz von dieser Welt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDRY LEAFVon: Esther Buss (18.8.2026)
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