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Filmkritik
An einem kalten und nassen Tag, wie ihn nur der Berliner Winter zu produzieren vermag, treffen sich Nourou (Jean-Christophe Folly) und Maja (Maren Eggert) vor dem Hotel Intercontinental wieder. Wie er den Film, den sie zusammen gedreht haben, fände, fragt sie. Vielleicht etwas zu „cérébral“, entgegnet er auf Französisch, verkopft also, doch Maja versteht das Wort nicht. Nourou schließt deswegen mit einer englischen Formulierung an: Der Film habe für ihn schlichtweg „too much brain“.
Mit dem Fantasiewort Gavagai bezeichnet der Philosoph Willard Van Orman Quine in einem Gedankenexperiment die Unbestimmtheit, die notwendigerweise bei der Übersetzung aus einer Sprache in die andere bleibt: Deutet jemand auf einen Hasen und benutzt einen Begriff aus einer fremden Sprache, ist nicht per se gewiss, ob er damit das Tier selbst bezeichnet oder nicht eher eine abstraktere Zuschreibung. Auch „Gavagai“ von Ulrich Köhler hat die Form eines Gedankenspiels, wenn auch eines komödiennah gebrochenen, das sich um einen Filmdreh und eine daran anschließende Festivalpremiere entfaltet.
Entfliehen im Motorboot mit goldenen Flügeln
An der senegalesischen Küste dreht Caroline (Nathalie Richard) eine modernisierte Filmversion des „Medea“-Stoffes, die weitestgehend dem Text von Franz Grillparzers Bearbeitung „Das goldene Vließ“ folgt, aber auf dem dramaturgischen Höhepunkt eine Wendung vollzieht. Als Medea aus der ihr fremd gebliebenen antiken Stadt Korinth verbannt werden soll, verweigert sich die Regisseurin dem Sagenbild der archaischen Wilden, die sich an der nur scheinbar zivilisierteren griechischen Gesellschaft rächen will, indem sie ihre beiden Söhne opfert. Am Ende von Carolines Film entfliehen die Kinder stattdessen in einem mit goldenen Flügeln behangenen Motorboot. Gekleidet in Schwimmwesten, denn: „Das macht es politischer“, wie einer der Schauspieler süffisant feststellt. Die sich zufällig ergebende Allusion auf übers Meer nach Europa kommende Flüchtlinge nimmt Caroline als zusätzliche Bedeutungsebene dankend mit.
Medea sollte nichts Bürgerliches an sich haben, wirft Caroline entrüstet Maja vor, die die Hauptrolle gravitätisch spielt, als sei sie eine griechische Königin. Aber offenbart sich in den ausgestellt gegen den Strich besetzten Rollen nicht eigentlich schon bereits die eigene unreflektierte Privilegiertheit der Regisseurin? Die vermeintliche Barbarin spielt Maja als einzige weiße Schauspielerin im Film, die Bevölkerung von Korinth mimen Darsteller aus dem frankophonen Afrika – ein Spiel mit umgekehrten rassistischen Zuordnungen, das schnell fragwürdig erscheinen muss, bedenkt man, dass Medea am Ende verstoßen werden soll und zur eigentlichen tragischen Heldin der Geschichte wird. Und auch Nourou, der Medeas Ehemann Jason spielt, entzieht sich eigentlich den Identitätszuweisungen, die Caroline ihm zugedacht hat: Im Senegal geboren, ist er in Frankreich aufgewachsen und hadert mit der daraus folgenden starren Zuschreibung als afrikanisch, nicht europäisch gelesener Schauspieler.
Eine klare Trennungslinie
Keinen Zweifel lässt Ulrich Köhler daran, dass es sich bei diesem Film-im-Film um einen prätentiös verbrämten Fehlschlag handelt, dessen Absichten sich schließlich bei einer Pressekonferenz mit aller komödiantischen Vehemenz gegen ihn verkehren. Fast schon verwendet „Gavagai“ dabei zu viel Zeit darauf, dieses Werk zu desavouieren, indem mehrfach um die Premiere auf der Berlinale Szenen der „Medea“-Verfilmung ausgespielt werden. Auch musikalisch verläuft eine klare Trennungslinie zwischen beiden Filmen: Die „Medea“-Adaption endet in einer seltsam entrückt-pathetischen Zeitlupenszene mit einem melodramatischen Popsong der Shangri-Las, während „Gavagai“, der weitaus eleganter und doppelbödiger inszeniert ist, nüchtern mit einer minimalistisch-affektlosen Komposition von Morton Feldman schließt.
Den im Film artikulierten Vorwurf, lediglich für das eigene Milieu zu drehen, richtet Köhler gleichwohl auch offen gegen sich selbst. In der Erfahrung von Racial Profiling, die Nourou vor dem Hotel Intercontinental macht, als er sich eine Zigarette anzünden möchte, wiederholt sich ein ähnliches Erlebnis, das einige Jahre zuvor dessen Schauspieler Jean-Christophe Folly bei der Berlinale-Premiere von Ulrich Köhlers in Kamerun gedrehtem Film „Schlafkrankheit“ widerfuhr. Wie der dabei anwesende Regisseur als vermeintlicher Stellvertreter dazwischenging, bezeichnete er später selbstkritisch in Interviews als das unreflektierte Verhaltensmuster eines sogenannten „White Saviors“, der das Wort für jemanden übernimmt, dem er nicht zutraut, sich selbst zu verteidigen. In der Form eines so komplex angeordneten wie auch bewusst dabei humoristische Pointen setzenden Spiegelkabinetts ist „Gavagai“ so auch eine Art Meta-Selbstbefragung.







