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Filmkritik
Jungen identifizieren sich gerne mit ihren Vätern – vor allem, wenn diese nicht mehr da sind. So geht es dem 12-jährigen Andor Hirsch. Als Kind wächst er in den 1940er-Jahren im Waisenhaus auf, weil seine Eltern, ungarische Juden, ihn dort versteckt haben. Man glaubt, dass sie den Krieg nicht überlebt haben, doch dann taucht die Mutter Klára (Andrea Waskovics) vier Jahre nach Kriegsende wieder auf und holt den Jungen zu sich nach Budapest. Der Vater sei im Holocaust ermordet worden, sagt sie. Der kleine Andor erkennt seine Mutter nicht wieder und fremdelt zunächst mit ihr.
Als er größer ist, möchte Andor (Bojtorján Barábas) wissen, wer sein Vater war. Er habe im Hof einen Kiosk betrieben und dort Tickets verkauft, sagt man ihm. Wenn Andor nicht mehr weiterweiß, geht er in den Heizkeller und hält Zwiesprache mit seinem abwesenden Vater. Er schildert ihm seine Probleme und stellt sich vor, welche Ratschläge ihm der ältere Hirsch erteilt hätte. Andors Vaterlosigkeit äußert sich in verzweifelter Rebellion allem und allen gegenüber. Einmal muss seine Mutter ihn vom Polizeirevier abholen, wo ihr der unverhohlene Antisemitismus eines Beamten entgegenschlägt.
Die Mutter weicht aus
Wenn Andor in „Orphan“ von László Nemes seine Mutter fragt, wie sie den Krieg überlebt hat, weicht diese aus. Sie lebten jetzt in der Gegenwart, sagt sie, und sollten sich in ihr einrichten. Sie arbeitet als Verkäuferin in einem Lebensmittelladen und wird von dem strengen Besitzer gegängelt. In der recht geräumigen Altbauwohnung, in der sie mit Andor lebt, versucht sie heimisch zu werden. Doch ihr verschlossener und aufmüpfiger Sohn macht es ihr schwer. Zudem wird die Mutter von einem Verehrer heimgesucht. Der grobschlächtige Mann sei ein alter Freund, sagt sie.
Er verschafft sich Zugang zur Wohnung, will unbedingt Andor kennenlernen und scheint danach sehr zufrieden mit sich zu sein. Die Mutter möchte dem Mann, der Berend (Grégory Gadebois) heißt und in einem Dorf als Metzger arbeitet, aus dem Weg gehen. Doch Berend ist hartnäckig. Zudem tratschen die Nachbarn über ihn. Man erzählt sich, dass er die Mutter während des Krieges gegen Geld versteckt gehalten hat, und dass er der Erzeuger von Andor ist. Andor will dies nicht wahrhaben. Von einem jungen Kämpfer des niedergeschlagenen Aufstands von 1956 hat er eine Waffe erbeutet und macht sich damit auf den Weg zum Metzger.
Überlebende in einer repressiven Gesellschaft
Nach seinem vielfach prämierten Holocaustdrama „Son of Saul“ (2018) behandelt Regisseur László Nemes erneut ein jüdisches Thema. Hier geht es allerdings um die wenigen Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Sie müssen sich in einer repressiven sozialistischen Gesellschaft zurechtfinden, in der jede und jeder in Verdacht gerät, am Volksaufstand 1956 beteiligt gewesen zu sein, den sowjetische Panzer blutig niederschlugen.
Doch die Vergangenheit schwebt wie ein Fluch über den Überlebenden. So arbeitet die Mutter in einem ehemals jüdischen Geschäft, das nun von einem strammen Genossen geführt wird. Ihr Sohn wiederum kennt die Vorkriegsgesellschaft nicht und will dem Mann nacheifern, den er für seinen Vater hält. In dem ermordeten Mann seiner Mutter hat er ein Idol gefunden. Er ist stolz auf ihn und fühlt sich ihm verbunden. Die Lücke, die der vermeintliche Vater in seinem Leben hinterlässt, füllt er durch eine spirituelle Verbindung, und wird nicht müde, sich von der Mutter Geschichten über ihn erzählen zu lassen.
Nemes lässt den jungen Protagonisten zunächst jede Menge Abenteuer erleben und skizziert dabei einen kleinen Tunichtgut, wie es ihn in jeder Gesellschaft gibt. Denn Andor schafft es regelmäßig, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Dass hinter seiner Rastlosigkeit eine verletzte Kinderseele steckt, fächert der Film allmählich auf. Der trotzige Gesichtsausdruck des Jungen verrät, dass er an seiner Vaterlosigkeit leidet und sich dennoch nichts gefallen lassen will. Die Erzählungen über seinen Vater geben ihm Halt und Kraft. So ist sein Entsetzen über seine wahre Herkunft väterlicherseits umso verständlicher: Sein gesamtes Selbstbild gerät ins Wanken.
Ein Opportunist, wie er im Buche steht
Gleichzeitig verrät die Biografie des Jungen auch einiges über das Ungarn der Kriegsjahre. Materieller und sexueller Missbrauch von jüdischen Frauen wird hier genauso thematisiert wie der latente oder offene Antisemitismus der Bevölkerung und der neuen Machthaber. Einer der Nutznießer dieser Zustände war und ist Berend, der Antagonist Andors, ein Opportunist, wie er im Buche steht. Grégory Gadebois gibt ihn als skrupellosen, polternden, zugleich aber auch nach Anerkennung suchenden Lebemann. Andor nimmt ihn allerdings nur als die Inkarnation des Bösen wahr, und so gewinnt das Drama zunehmend eine Ödipus-Komponente, die von der spezifischen geschichtlichen und persönlichen Situation des Jungen auf eine universelle Ebene führt.
Gefilmt ist das in verklärenden sepiafarbenen Tönen sowie in Kostümen und Szenenbildern, die viel Liebe zum Detail erkennen lassen. Dabei haftet dem Film jedoch ein Anstrich von Historiendrama an, der ihn künstlich erscheinen lässt. Auch wirkt die Handlung zunehmend überfrachtet. Die narrative Dynamik verbindet den Strang des Vaterdramas mit der übergreifenden politischen Repression durch sowjetische Besatzer, was von der Identitätskrise Andors ablenkt. Der Film erhält dadurch etwas aufgesetzt Schicksalhaftes. Es verwandelt den jungen Protagonisten vom Handelnden in ein von höheren Mächten bestimmtes Objekt und bürdet ihm eine zusätzliche Schuld auf.
Gerade im letzten Viertel verzettelt sich der Film zunehmend. Die Inszenierung überzeugt vielmehr in der Beobachtung des Nachkriegslebens, in Szenen, welche die Handlung nicht krampfhaft vorantreiben. Dann besinnen sich die Figuren ganz auf den Moment, seien es die anrührenden Gespräche Andors mit dem abwesenden Vater im Heizkeller oder die Beobachtung jüdischen Nachkriegslebens in der Synagoge und am Sabbat, das sich abseits der Staatsdoktrin behauptet.










