Vorstellungen
Filmkritik
Das alte Problem beim Dokumentarfilm ist die Lüge. Er gibt vor, Wahrheit ungefiltert abzufilmen, ist aber normalerweise genauso künstlich konstruiert wie ein Spielfilm. Die Wahrheit gibt es nur einmal, und da ist meist keine Kamera parat, also wird sie nacherzählt oder nachgestellt. Deshalb kann man sagen: „Auf zwei Rädern“ ist auf keinen Fall eine Dokumentation über das Touren mit dem Fahrrad. Es gibt zwei Fahrräder, zwei Männer, die darauf herumgondeln, es gibt die Strecke vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer, die auch zurückgelegt wird. Aber wie das und was dabei passiert, wird von Mathias Mlekuz, Regisseur und einer der Radler, sorgfältig als Komödie inszeniert, oder als Drama, oder als ein Abenteuer, allerdings nicht als ein sportliches.
Ein Zelt, geräumig wie ein Wohnzimmer
Trotzdem sieht man Radfahren, und es dient nicht ausschließlich als Fassade. Im Gegenteil, es ist ein großer Teil der Unterhaltung, denn die beiden Radler tun ihr Möglichstes, um diese Fortbewegung zu einem Ereignis des Luxus und der Moden zu machen. Der Schauspieler Philippe Rebbot etwa, der beste Freund von Mathias, fährt nur im Anzug mit Krawatte. Das Zelt, in dem die beiden manchmal übernachten, wirkt geräumig wie ein Wohnzimmer. Daneben gibt es Hängematte, Campingstühle, Morgenrock und gerne Alkohol ab Tagesanbruch. Die Radler wollen eine vergnügliche Reise, amüsiert reist man mit, nicht zuletzt, weil Sehenswürdigkeiten in Stadt und Natur besichtigt werden. Wien, Budapest, Istanbul, da finden sich ein paar Kirchen; Loire, Rhein, Donau, auch Strände sind dabei.
Der Anlass der Reise ist jedoch nicht vergnüglich. Es gibt eine Abschiedsparty für Mathias und Philippe, direkt am Anfang des Films, wo man den Hintergrund erfährt: Youri, der älteste Sohn von Mathias, machte diese Reise vor fünf Jahren. Er fuhr von La Rochelle bis Istanbul mit dem Fahrrad, später entstand daraus ein Fotobuch. Vor einem Jahr ist Youri gestorben, nun will Mathias diese Reise anhand des Buches wiederholen – als Trost, als Aufarbeitung des Verlustes, als Begegnung mit Youri vielleicht. Philippe kommt mit, so wird der Film auch zum Porträt einer Freundschaft, die immer gut ist für eine Umarmung in der Not. Die Männer sind Ende 50, Anfang 60, sie lachen bloß über die körperliche Herausforderung. Sie wissen: Viel mehr Wagnis liegt im Gefühl, in der Beschäftigung mit ihrer Trauer.
Dieselbe Route und nachgestellte Fotos
Mathias und Philippe fahren nicht nur dieselbe Route wie Youri, sie stellen auch die Fotos seines Buches nach, sie übernachten in denselben Unterkünften. Das macht die Reise ein bisschen bizarr, die ja bei aller Spurensuche eine völlig andere Reise ist als die von Youri. Über den erfährt man außer ein paar Fakten wenig, sodass man keinen Eindruck bekommt, wer er war und was er tat. Man kann davon ausgehen, dass er losfuhr, um etwas Neues zu sehen, den Blick in die Zukunft gerichtet. Mathias und Philippe wiederum nutzen die Reise in gegensätzlicher Manier. Bei ihnen dient sie der Erinnerung, der Beschäftigung mit der Vergangenheit. Das nimmt der Film dann als eigentlichen Inhalt – er besteht zu großen Teilen aus ihren Gesprächen über Schuld, Tod, letzte Lebensjahre.
Das ist einer der kritischen Punkte des Films. Allein die Vorstellung, ein Kind zu verlieren, ist so schlimm, dass sich die Frage stellt, warum Youris Vater diese Erfahrung – oder ihre Aufarbeitung – öffentlich machen will. Dabei kommt auch die Dokumentation ins Spiel, weil man weiß, dass es nicht Fiktion ist, die der Film und seine Protagonisten verhandeln. Die Gefühle, die preisgegeben werden, sind nicht erfunden, das lässt die Intimität, mit der Mlekuz sie ausstellt, manchmal irritierend erscheinen. Die Perspektive des Zuschauens wird nahezu voyeuristisch, daran ändert die Clownerie der täglichen Radfahrt wenig. Sie bringt den Film letztlich nicht in eine Balance, in der Drama und Komödie einander ausgleichen.
Trauerarbeit ist im Alter anders als in der Jugend
Obwohl der komödiantische Anteil überwiegt, wird der Film also zunehmend schwerer. Der gemeinsame Radelspaß macht den Weg der zwei Helden zu sich selbst zwar einfacher, ihre Trauer jedoch nicht leichter. Tatsächlich will der Film sowieso keine Lösung anbieten. Wie sollte die auch aussehen? Er will Trauerarbeit zeigen, die im Alter anders ist als in der Jugend. Er will den Zuschauer damit berühren, genauso wie mit den scharfsinnigen Gedanken alter Männer über das Lebensende und den Tod. Das klappt schon da und dort, gerade wegen der Kombination mit dem exaltierten Vergnügen. Wenn man bereit ist, auf beide Teile einzusteigen, kann man lachen oder weinen. Zusätzlich allerdings, und vielleicht ist doch das die Essenz des Films, bekommt man von Mathias und Philippe bei ihrer Radfahrerei jede Menge Inspiration für das Altern.










