Vorstellungen
Filmkritik
„Die oberste Prämisse ist das glückliche Kind.“ Mehrmals fällt dieser Satz in dem Film „Aufstand der Jugend“, offensichtlich ist es einer, der „hängenbleiben“ soll. Weit weniger offensichtlich allerdings: was er bedeutet (Ist das glückliche Kind Urheber der Prämisse? Oder deren intendiertes Resultat?), was aus ihm folgt (Mehr Kita-Plätze? Oder „Todesstrafe für Kinderschänder“?), wogegen er in Stellung gebracht wird (gegen die konkurrierende Prämisse „das unglückliche Kind“?).
Mit viel Sendungsbewusstsein
Der Satz ist Teil eines Films, der gleichzeitig eine Kampagne ist, die ihrerseits, dem eigenen Selbstverständnis nach, Teil einer Jugendbewegung ist. Alle drei, Film, Kampagne und Jugendbewegung, tragen den Namen „Aufstand der Jugend“. Was nicht heißt, dass alle drei tatsächlich in eins fallen. Der Film hätte das gern; jedenfalls tut er so, als wäre er ein Sprachrohr der Jugendbewegung. Tatsächlich ist er wohl eher Produkt einer Kampagne, die von einer Organisation namens welTVision ins Leben gerufen wurde und deren allesamt junge und enthusiastische Mitglieder den Film dominieren; es scheint personelle, vielleicht auch organisatorische Überschneidungen mit „Fridays for Future“ zu geben. Der Regisseur des Films, Simon Marian Hoffmann, ist auch der Kopf von welTVision und taucht in seinem eigenen Film besonders oft auf. Ein Typ mit viel Sendungsbewusstsein.
Ob die Jugendbewegung, deren Teil Hoffmann und seine Mitstreiter gern wären, tatsächlich existiert, darf zumindest bezweifelt werden. Das Mobilisierungspotential von Jugendthemen ist groß, suggeriert der Film, immer wieder tauchen Menschenmengen auf, die, in Berlin, in Stuttgart, vielleicht auch andernorts, ganze Straßenzüge füllen. Freilich scheint die Art von Politisierung, der sich „Aufstand der Jugend“ verschreibt, ziemlich genau zum Begriff der Hyperpolitik zu passen, den der Historiker Anton Jäger 2023 prägte: eine Form politischer Agitation, die sich jenseits etablierter Institutionen vor allem in sozialen Medien entfaltet, kurzfristig viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, jedoch langfristig folgenlos bleibt.
Junge Menschen, die ihren eigenen Enthusiasmus performen
„Aufstand der Jugend – der Film“, zeigt und vollzieht einen Modus von Aktivismus, der in „Content-Produktion“ beginnt und endet. Politische Haltung ist in diesem Modus nicht zu unterscheiden von dem Versuch, sie viral gehen zu lassen. Der Film entfaltet sich als eine einzige, endlose Montagesequenz, deren Rohmaterial „TED Talks“, Musikvideos und TikTok-Clips sind. Enthusiastische junge Menschen, die ihren eigenen Enthusiasmus performen. Manche von ihnen können rappen, andere Klavier spielen. Manchmal äußern sie auch Zweifel und zeigen sich verletzlich. Oder performen sie nur Zweifel und Verletzlichkeit? Gibt es da überhaupt einen Unterschied? Gleichzeitig schleicht sich mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher eine esoterische Schlagseite ein. Ganzheitliches Denken und die Arbeit am Selbst werden beschworen. Mädchen tanzen auf Wiesen und umarmen sich. Man läuft barfuß.
Die spezielle Form von Hyperpolitik, die „Aufstand der Jugend“ verkörpert, ist in erster Linie eine Metaphernproduktionsmaschine. Nicht alle Metaphern sind so opak wie die eingangs erwähnte vom glücklichen Kind. Diejenige, mit der der Film eröffnet, ist vergleichsweise unzweideutig: Die Jugend hat in der deutschen Öffentlichkeit keine Stimme, wird mundtot gemacht – mit Klebestreifen, die sich einige Jugendliche vor der Kamera über den Mund kleben. Später wird dieser oder jener Ungerechtigkeit die „schwarze Karte“ gezeigt.
Die Systemfrage steht eher nicht im Raum
Auf Hochtouren läuft die Metaphernproduktion schließlich während einer Performance, die das Kernteam des Aufstands der Jugend 2018 in Berlin aufführte: Jugendliche Aktivisten tragen erwachsene „Krösuse“ auf Sänften durch den Tiergarten – am Ende des Weges wartet eine „Bargeldpyramide“. Geht es also letztlich um Ökonomie, um Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen? Ein bisschen, vielleicht. Immer mal wieder schimpft jemand im Film über egoistische Superreiche. Die Systemfrage steht freilich eher nicht im Raum. „Geld finden wir im Grunde super“, heißt es einmal im Film. Weil man so viele tolle Sachen damit machen kann. Nur: Allzu viele andere machen blöde Sachen damit.
Damit es besser läuft, soll die Politik, per Losverfahren, einen Jugendrat einrichten, der dem Bundestag beratend zur Seite steht. Das ist die Hauptforderung des Films, die alle paar Minuten wiederholt und letztlich, wenn überhaupt, mit einem quasinatürlichen Vorrecht der Jugend begründet wird. Eine Forderung, die fast alle, mit denen die aufständische Jugend zu tun hat, prinzipiell unterstützenswert finden, nur der ewige CDU-Jungspund Philipp Amthor nicht, der auch ein paar Sekunden ins Bild darf und, durchaus zu Recht, auf das Demokratiedefizit solcher Beiräte hinweist. Tatsächlich ist ein realer Jugendrat derzeit nicht in Sicht. Aber immerhin waren die Aktivisten im Bundestag, mehrmals sogar, und einige haben ein Foto mit der Familienministerin gemacht.
Eine eigenartige Form des Mitmachaufstands
Es scheint sich jedenfalls alles in allem um eine eigenartige Form des Mitmachaufstands zu handeln: Auf der einen Seite beschwört die Jugend mit großer Geste ihre Ablehnung der „Gerontokratie“; auf der anderen Seite fällt sie dem politischen Mainstream begeistert um den Hals, sobald der ihr auch nur einen halben Schritt entgegenkommt.

