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Babystar

98 minDramaFSK 12
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Seit ihrer Geburt lebt Luca (16), online wie offline, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Als ihre Influencer-Eltern ein neues Kind planen, stürzt sie in eine tiefe Leere und beginnt zu begreifen, wie wenig von ihr selbst übrig ist.
Babystar zeigt als satirisches Drama das Phänomen “Family-Influencing” und hinterfragt, ob Kinder wirklich nicht nur ein Produkt, sondern auch die Ware ihrer Eltern sein sollten.

Die 16-jährige Luca Sommer (Maja Bons) sitzt am Swimmingpool und strampelt mit den Beinen im Wasser, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich zu lenken. Doch Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald) liegen bequem auf ihren Liegen und schauen auf Smartphone und Laptop. Luca wirft sich in den Pool und liegt lange auf dem Beckenboden. Als sie wieder auftaucht, erkennt sie, dass Stella und Chris nicht einmal bemerkt hätten, wenn sie ertrunken wäre. Begleitet von einer beklemmenden Musik schnappt sich Luca den Laptop ihres Vaters und wirft ihn ins Wasser. Chris springt hinterher und bringt den Rechner ins Trockene. Erstaunlich ist: Es gibt kein böses Wort. Die Eltern machen der Teenagerin auch keine Vorwürfe. Wenig später sagt Chris in einer relaxten Atmosphäre: „Wir wollen nur das Beste für dich. Alle verstehen dich und dein Dilemma.“

Content seit dem ersten Ultraschallbild

Was sind die Gründe für die ungestüme Protestaktion? Die Eltern haben der Tochter zuvor mitgeteilt, dass sie ein weiteres Kind zeugen wollen. Luca ist davon nicht begeistert, sie möchte die gewohnte Aufmerksamkeit nicht gerne teilen und sagt ihnen, dass sie kein kleines Geschwisterchen will. Das wohlhabende Ehepaar hält jedoch an seinem Nachwuchsplan fest. Seit Lucas erstem Ultraschallbild als ungeborenes Kind produzieren die beiden Lifestyle-Content für ihren Family-Channel our_bright_life. Die gemeinsam betriebenen Kanäle auf den Sozialen Medien werfen viel Geld ab, sodass sich die Familie eine luxuriöse Villa leisten kann. Der geschäftstüchtige Vater hofft, dass frischer Schwangerschafts- und Baby-Content noch mehr Follower anziehen wird und so noch mehr Gewinn generiert.

Doch genau diese Kalkulation bringt in „Babystar“, dem ersten langen Spielfilm des Regisseurs Joscha Bongard, für Luca das Fass zum Überlaufen. Seit sie denken kann, hat sie brav bei dem Online-Business der Eltern mitgemacht, das diese aus ärmlichen Verhältnissen befreit hat. Schon als Baby wurde sie zum Star des Kanals. Mit ihrer engagierten Mutter produziert sie fleißig Video-Clips für Millionen von Followern. Immer wieder filmt Chris Mutter und Tochter in der eleganten Villa für den Vlog. Luca hat sogar eine eigene Fan-Community um sich geschart. Auf TikTok folgen ihr 4,3 Millionen Menschen, offenbar vor allem junge Mädchen. Freundinnen hat sie dagegen keine.

Die Heile-Welt-Idylle bröckelt

Doch nun bröckelt für die Jugendliche die makellose Heile-Welt-Idylle. Sie hinterfragt ihre bisherige Lebensform und gerät in eine Krise. In seinem Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg zeigt Bongard in unterkühlten Bildfolgen, wie Luca sich schrittweise gegen die permanente Selbstbestimmung und die umfassende Kommerzialisierung ihres Daseins auflehnt. Doch Luca ist unsicher, sie schwankt zwischen Anpassung und Widerstand. Einmal lehnt sie das Angebot Stellas ab, einen Mutter-Tochter-Podcast wiederzubeleben. Ein anderes Mal erklärt sie sich bereit, mit IT-Experten und Künstlicher Intelligenz einen Avatar von sich zu erzeugen und zu trainieren; die digitale Luca-Kopie soll als „perfekte fluide Projektionsfläche“ individuell auf die Bedürfnisse aller Userinnen und User eingehen.

In langen Einstellungen hält Kameramann Jakob Sinsel die zunehmende Vereinsamung der Hauptfigur fest, die in den weitgehend leeren Räumen der Villa und ihrem eigenen Zimmer häufig wie verloren wirkt. Die glatten Designerflächen, die an eine Kunstgalerie erinnern, die nüchterne Beleuchtung und ein zuweilen ins Bedrohliche tendierender Soundtrack stehen dabei für den sterilen pseudoharmonischen Mikrokosmos, in dem sich die Familie Sommer eingerichtet hat. In einem Kontext, der sonst von aufdringlichem Branding geprägt ist, wirken einige sparsam eingesetzte ironische Schlaglichter charmant: Immer wieder werden im Film Markennamen auf der Kleidung verpixelt.

Nach und nach wird Luca bewusst, wie fixiert sie bisher auf ihre Eltern war. Als Luca die coole Video-Regisseurin Julie (Joy Ewulu) kennenlernt, die ihr das Gefühl gibt, mehr als eine stromlinienförmige Influencerin zu sein, versucht sie, Julie als Freundin zu gewinnen. Die selbstsichere 26-Jährige unterstützt sie zwar zunächst, geht aber wieder auf Distanz – der Altersunterschied ist wohl doch zu groß.

Schwanken zwischen Schwäche und Auflehnung

Die Nachwuchsdarstellerin Maja Bons trägt das ruhige Filmdrama souverän. Vor allem ihre Augen, die zu Beginn noch leuchten, sich aber zunehmend verdunkeln, machen die innere Zerrissenheit von Luca, ihr Schwanken zwischen Schwäche und Auflehnung, Arroganz und Verzweiflung sowie ihre Sehnsucht nach Geborgenheit sichtbar. Bea Brocks und Liliom Lewald stehen ihr als Eltern und unbeirrbare Online-Strategen, die jeden Rückschlag für ihre seelenlose Simulation konsequent schönreden, kaum nach.

Dass der 1994 geborene Regisseur sich in den Dynamiken digitaler Plattformen und den Algorithmen der Sozialen Medien gut auskennt, lässt sich nicht übersehen. Der gelernte Elektroniker wurde nach eigenen Angaben schon als Jugendlicher von sozialen Netzwerken stark geprägt und hat vor seinem Filmstudium bei dem YouTube-Channel-Netzwerk TubeOne (heute: We Are Era) gearbeitet. Nachdem er sich schon in früheren filmischen Arbeiten wie der Doku „Pornfluencer“ (2023) mit den Auswirkungen des Internets auf junge Menschen befasst hat, porträtiert er nun Family-Influencer, also eine Familie, die sich eine goldene Nase verdient, indem sie ihren meist geschönten Alltag filmt und online stellt.

Dabei wirft er wichtige ethische Fragen auf, etwa nach der Legitimität unregulierter Kinderarbeit in der digitalen Ökonomie oder nach dem Schutz der Privatsphäre von Minderjährigen in Online-Präsentationen. Und nicht zuletzt: Wie verändern sich Kinder und Jugendliche, die den Löwenanteil ihrer Persönlichkeitsentwicklung in der Öffentlichkeit erfahren?

Rebellion gegen fatale innerfamiliäre Abhängigkeiten

So clever die Regie die schrittweise Rebellion einer Teenagerin gegen fatale innerfamiliäre Abhängigkeiten fokussiert, sein sozialkritisches Porträt einer dysfunktionalen Familie schöpft leider nicht das Potenzial der Konstellation aus. Inmitten des unterkühlten Settings und der systematischen Entfremdung fehlt es an dramatischer Verdichtung und existenzieller Fallhöhe.

Neben dem Schwimmbad-Eklat bietet der Film nur eine einzige weitere Szene, in der man Zeuge wird, wie Lucas Gefühle gleichsam „explodieren“. Als die Familie in einem Nobelrestaurant diniert, bekommt Luca ein Dessert, auf dem in Schokoladen-Buchstaben das Wort „Einzelkind“ steht. Sie macht ein langes Gesicht, geht zur Toilette, kehrt zurück, zieht sich im Restaurant aus und uriniert vor allen Gästen auf den Boden. Die Jacke, mit der ihre Mutter sie verhüllen möchte, weist sie mehrfach demonstrativ zurück. Weil Luca und die anderen Figuren aber ansonsten zu kontrolliert und nüchtern agieren, hält sich die emotionale Anteilnahme bedauerlicherweise in Grenzen. Mit mehr Mut zur Dynamik wäre hier mehr drin gewesen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deBabystarVon: Reinhard Kleber (9.9.2026)
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