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Filmkritik
„Im Knast war ich äußerlich gefesselt, im Westen war ich es innerlich“, notiert Bärbel Bohley 1988 in ihr Tagebuch. Bohley, Malerin, eine der Hauptprotagonistinnen der DDR-Bürgerrechtsbewegung und Mitbegründerin des Neuen Forums, ist auf einer sechsmonatigen Reise durch die Bundesrepublik, Frankreich, England und Italien. Sie besucht Orte, die für sie – wie für so viele andere in der DDR – lange ein Traum geblieben waren. Frei fühlt sie sich nicht, der totalitäre Staat beherrscht weiterhin ihr Denken – „Meine Sinne sind vernagelt“. Bohley, die nach einer Demonstration zum 69. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wegen des Verdachts der „Landesverräterischen Agententätigkeit“ verhaftet und gegen ihren Willen in den Westen abgeschoben wurde, möchte so bald wie möglich zurück. Ein singulärer Fall.
Durch eine Phase tiefer Unruhe
Noch während ihrer Haft hatte Bohley dem Staat die Bedingung abgetrotzt, ihre Staatsbürgerschaft behalten zu dürfen und nach sechs Monaten wieder in die DDR einreisen zu dürfen. In ihrem Tagebuch hält sie Begegnungen mit Kontaktpersonen fest, schildert Seheindrücke und reflektiert über die Widersprüche des Westens. Das Schreiben begleitet sie durch eine Phase tiefer Unruhe und des Zweifels, ob ihr die Wiedereinreise wirklich gestattet werden wird. In „Bärbel Bohley - Tagebuch einer Auflehnung“ von Fosco Dubini und Barbara Marx sind die posthum, ein Jahr nach Bohleys Tod 2010 erschienenen Aufzeichnungen („Englisches Tagebuch 1988“) Ausgangspunkt und Grundlage eines Porträts über eine kompromisslose Persönlichkeit.
Barbara Marx und Fosco Dubini, der in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Donatello Dubini Filme zu bekannten Persönlichkeiten wie Thomas Pynchon, Hedy Lamarr, Jean Seberg und Annemarie Schwarzenbach gemacht hat, nähern sich der historischen Figur zunächst mit dem Versuch einer minutiösen Rekonstruktion: angefangen von der Zeit der Inhaftierung in Berlin-Schönhausen über die Ausbürgerung und die Reisen im Westen bis zum Tag der Rückkehr. Die Tagebucheinträge werden aus dem Off verlesen, während eine Schauspielerin – Lilli Fichtner – Bärbel Bohley verkörpert. Zu diesen zwischen Dokudrama, Reenactment und Performance changierenden Szenen kommen Interviews mit Zeitzeug:innen: Freunde und Mitstreiter wie Ulrike Poppe, Roland Jahn und Rolf Heinrich, die Friedensaktivistin Mary Kaldor, Bohleys erste Adresse in London nach ihrer Ausbürgerung, und die Grünenpolitikerin Birgit Voigt.
Bohley, als erklärte Pazifistin und Gründungsinitiatorin des unabhängigen Netzwerkes „Frauen für den Frieden“, pflegte schon Anfang der 1980er-Jahre Kontakte zu britischen Friedensaktivist:innen und den Bundesdeutschen Grünen. Voigt erinnert sich, wie Bohley nach ihrer Ausbürgerung bei einer Fraktionssitzung der Grünen zu Gast war. Während sie über Menschenrechte sprach, sei die Hälfte der Fraktion raus zum Rauchen gegangen.
Die Zeitzeugenaussagen fransen aus
Bohleys Tagebuchtext ist genau und klar, der Ton fast schon literarisch. Im Film kann er sich jedoch kaum entfalten. Durch die wiederholten Unterbrechungen der Tagebucherzählung verliert er an Konzentration, zumal sich der Text ständig gegen die Bebilderung behaupten muss. Die Zeitzeugenaussagen fungieren zwar ergänzend, einordnend, fransen aber auch immer wieder aus. Wenn etwa Poppe von ihren Erfahrungen im Gefängnis Höhenschönhausen erzählt und dabei über die Möglichkeit von Vergiftungs- und Verstrahlungsversuchen spekuliert – die von den anderen Interviewten eher zurückhaltend bis skeptisch beurteilt werden –, findet die Erzählung nur schwer zu Bohley zurück. Auch die Montage wirkt zuweilen fahrig.
Die nachinszenierten Szenen drängen sich als „Living History“ in den Vordergrund und überlagern zuweilen die historische Figur. Etwa wenn Lilli Fichtner in einem Treppenhaus im Prenzlauer Berg sitzt und mit bebender Stimme Bohleys Eintrag zu ihrer Verhaftung vorträgt. Wenig später torkelt die subjektive Kamera wie im Horrorfilm die Stufen hinunter.
Schauereffekte im Gefängnis
Schauereffekte findet der Film auch in den Aufnahmen im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Die Schauspielerin sitzt mit geröteten Augen in den original belassenen Büro- und Verhörräumen oder nimmt in „Anstaltskleidung“ (simuliert durch die Trainingsjacke eines bekannten Sportartikelherstellers) die Posen eines Mugshots ein. Auch wenn Originaldokumente Eingang in den Film gefunden haben – die Festnahmeverfügung, ein Mitschnitt aus dem Telefonverkehr des MfS, Überwachungsfotos et cetera – wird jeder Eindruck sachlicher Aufarbeitung vermieden. Bei einer Figur wie Bohley, die heute fast in Vergessenheit geraten ist, wirkt der inszenatorische Überschuss eher deplatziert.





