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Bagger Drama

94 minDrama
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Szenebild von Bagger Drama 1
Szenebild von Bagger Drama 2
Eine Familie tut sich schwer über Gefühle, Liebe oder Intimität zu sprechen. Der Familienbetrieb verlangt ihre volle Aufmerksamkeit: Bagger vermieten, verkaufen, reparieren. Alle müssen mitanpacken. Als die Tochter tödlich verunfallt, hört die Familie auf zu funktionieren.

Viel miteinander geredet wird in der Familie, die in „Bagger Drama“ im Zentrum steht, nicht. Man gibt zwar Sätze von sich und verständigt sich über Alltägliches. Aber man findet keine Worte für das, was einen wirklich beschäftigt: den Unfalltod von Tochter und Schwester vor einem Jahr und die dadurch entstandene Lücke. Nadine hieß sie. So wie Vater Paul, Mutter Conny und Bruder Daniel hat Nadine in der im Berner Seeland gelegenen familieneigenen Bagger-Firma mitangepackt. Es sei ein sinnloser Tod, sagt die Mutter nicht nur Monate, sondern auch Jahre später noch. Es gäbe im ganzen Flusslauf nur diesen einen einzigen, nutzlos im Flussbett liegenden Betonklotz, welcher der im Kanu sitzenden 19-Jährigen zum Verhängnis wurde. Zum Jahresgedächtnis pilgern Eltern und Sohn jeweils mit dem ursprünglich Nadine gehörenden Hund Tiger zur besagten Stelle im Fluss. Im ersten Jahr nach dem Unfall pflanzen sie am Ufer zur Erinnerung an die Verstorbene einen Ahornbaum.

„Bagger-Ballett“ mit verblüffender Schwerelosigkeit

Der Spielfilmerstling des Berner Filmregisseurs, Theatermachers und AV-Künstlers Piet Baumgartner setzt indes einige Tage oder Wochen vor diesem ersten Jahrestag ein. Mit Schwarzfilm und Stimmen im Off, die Anweisungen geben: „höher“, „tiefer“, „rechts“, „links“, „schneller“. Dann blendet sich, hoch zum blauen Himmel gereckt, eine rote Baggerschaufel ein, zu der sich alsbald eine zweite gesellt. Die Schaufeln bewegen sich im Takt aufeinander zu, voneinander weg, sie umkreisen und verbeugen sich und scheinen dabei miteinander zu tanzen. Als „Bagger-Ballett“ bezeichnet Baumgartner die Performances der behäbigen Baumaschinen, von denen dabei eine verblüffende Schwerelosigkeit ausgeht. Erstmals ein solches „Bagger-Ballett“ inszeniert hat Baumgartner 2015 für das Musikvideo zu „Through My Street“ von Rio Wolta; Wolta hat in „Bagger Drama“ nun auch die Musik verantwortet.

„Bagger Drama“ erzählt in drei Kapiteln, wie die einzelnen Familienmitglieder den Schicksalsschlag verarbeiten. Das erste Kapitel dreht sich um Daniel (Vincent Furrer), von dem die Eltern selbstverständlich annehmen, dass er die Firma dereinst übernehmen wird. Daniel aber zieht es hinaus in die Welt. Er will in den USA Wirtschaft studieren und hat alles schon geplant. Nadines Tod aber bindet ihn zurück. Er wird jetzt, da Nadine fehlt, gebraucht in der Firma. Er organisiert Firmenevents, arbeitet neue Mitarbeitende ein und verbringt viel Zeit mit dem vor kurzem erst in die Firma eingetretenen Philippe, der beim nächsten Firmenevent zusammen mit ihm das Bagger-Ballett aufführen soll.

Etwas Fahrt nimmt der Film auf, als die beiden eines Abends mit zwei Baggern ins nächste Drive-in-„McDonald’s“ fahren, danach in der Dämmerung am Flussufer eine neue Bagger-Choreografie einüben und Paul sie beim nächtlichen Nacktbaden erwischt. Dass er schwul ist, erzählt Daniel einiges später im Film nicht dem Vater, wohl aber leise flüsternd seiner Mutter, die darauf antwortet, dass sie sich von ihm eigentlich einen Stammhalter gewünscht hätte.

Die Flucht nach außen und die Depression

Das zweite Kapitel ist dann dem Vater (Phil Hayes), das dritte der Mutter (Bettina Stucky) gewidmet. Der Vater stürzt sich in die Arbeit. Er orientiert sich auf der Flucht vor der zuhause herrschenden bedrückenden Enge nach außen, findet im Laufe der Jahre eine neue Liebe und zieht irgendwann aus dem Haus der Familie aus. Die Mutter aber will das Geschehene nicht wahrhaben. Sie schlittert in eine Depression, versucht sich umzubringen, landet in einer psychiatrischen Klinik und kämpft sich danach langsam ins Leben zurück. Es vergeht nicht eins, sondern es vergehen mindestens zwei Jahre, bis Daniel endlich in die USA aufbricht. Und es dauert zwei oder drei Jahre, bis er wieder zurückkehrt und den Eltern reinen Wein über seine Zukunftspläne einschenkt.

De facto schildert Baumgartner in „Bagger Drama“ nichts anderes als das langsame Auseinanderbrechen einer mittelständischen Schweizer Familie nach einem schweren Schicksalsschlag. Er tut es nicht in virtuos steigender Dramatik, sondern in der sorgfältigen Aneinanderreihung intensiver Momentaufnahmen, zwischen denen oft nicht nur Wochen, sondern gar Monate verstreichen. Baumgartners Blick ist dabei der eines stillen Beobachters, der seine Figuren selbst in komischen oder peinlichen Situationen nicht verrät oder ins Bodenlose fallen lässt, sondern – weil das Leben weitergeht – immer wieder auffängt.

Piet Baumgartner ist selbst im Berner Seeland aufgewachsen. Er hat früh seine Schwester verloren und das lastende Schweigen in der Familie selber miterlebt; „Bagger Drama“ sagt er, sei sein bisher persönlichstes Werk. Tatsächlich ist „Bagger Drama“ so wie das wirkliche Leben, traurig und heiter zugleich. Dass dem so ist, liegt zum einen an den starken schauspielerischen Leistungen von Vincent Furrer, Phil Hayes und Bettina Stucky. Es liegt zum anderen aber auch an Baumgartners Flair für einzigartige Bildkompositionen sowie seiner (bubenhaften) Freude an Maschinen sowie elektronischen Geräten, die sich auf Knopfdruck verstellen lassen oder mittels eingebauter Software „eigenständig“ bewegen.

Wo die Figuren keine Worte finden

Und so finden sich in „Bagger Drama“ eben nicht nur spektakuläre Szenen mit tanzenden Baggern, sondern auch stillere, in denen Geräte und Maschinen sichtbar werden lassen, wofür die Protagonisten keine Worte finden. Etwa Daniels Ratlosigkeit, die zum Vorschein kommt, wenn er in der Firma auf dem elektronisch verstellbaren Pult sitzt und mehrmals hoch- und herunterfährt. Oder die Angst um die Mutter, wenn der Vater und der Sohn diese nach ihrem Selbstmordversuch im Spital besuchen und die erschöpft im Bett Liegende als Erstes per Knopfdruck in die aufrechte Sitzposition befördern. Eindrücklich auch die Szene, in der Daniel mit seinem Vater endlich reden möchte, dieser ihm aber nicht zuhört, sondern vorführt, wie sein neues Auto ohne sein Zutun einzuparken versteht.

In der Schweiz wurde „Bagger Drama“ als „moderner Heimatfilm“ angekündigt. Auch zeigte sich Baumgartner erstaunt darüber, als sein Film bei den ersten ausländischen Festivals (San Sebastián 2024, Max Ophüls 2025) sofort Preise holte. Tatsächlich aber greift „Bagger Drama“ – obwohl solch „störrisches“ Schweigen vielerorts als „typisch schweizerische Eigenart“ empfunden wird – ein universelles Thema auf, das Baumgartner dem Publikum so feinfühlig wie nicht zuletzt auch leise humorvoll zugänglich zu machen versteht.

Veröffentlicht auf filmdienst.deBagger DramaVon: Irene Genhart (1.10.2026)
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