Filmplakat von Baghdad in My Shadow

Baghdad in My Shadow

105 min | Thriller
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deutsch-englischer Spielfilm

Filmkritik

Mitten in der irakischen Hauptstadt, kurze Zeit vor dem Ausbruch des ersten Golfkrieges, hält ein Autokorso in einer Seitenstraße. Zwei Gefesselte werden mit verbundenen Augen und unter Waffengewalt von einer Männergruppe in ein inoffizielles Foltergefängnis gedrängt. Viele Jahrzehnte später sind die Spuren dieser Gewalt noch immer sichtbar. Taufiq (Haitham Abdul-Razzaq) arbeitet inzwischen als Nachtwächter in einem britischen Museum und blickt auf seine Hände, an denen einige Fingernägel fehlen. Immer wieder suchen ihn die Erinnerungen an Bagdad heim, obwohl er vor vielen Jahren aus der Stadt geflohen ist. An den Wänden des Museums hängen babylonische Reliefs, die von einer Jahrtausende alten Zivilisation zeugen; Taufiq will diese als Schriftsteller und Poet im Exil am Leben erhalten.

Der flehentliche Anruf einer Bekannten, sie nicht im Stich zu lassen, erweist sich als Vorbote eines erneuten Einbruchs der gewaltsamen Vergangenheit. Diesmal wird Taufiq von britischen Polizeibeamten zum Verhör abgeführt. Er steht unter Verdacht, den irakischen Kulturattaché in einem Londoner Park erstochen zu haben. Um sich zu erklären, holt der Beschuldigte weit aus, und versucht den Ermittlern ein Bild der irakischen Exil-Community und ihrer Widersprüche zu vermitteln.

Das ist ein vielversprechender Auftakt für ein Panorama einer postmigrantischen Gesellschaft. Doch nach seinem Dokumentarfilm „Iraqi Odyssey“ kehrt der Schweizer Regisseur Samir wenig überzeugend zu einem Format zurück, das auf Fernsehdramaturgie und Medienpädagogik setzt, anstatt auf das Atmosphärische der Bilder oder die Entwicklung einzelner Charaktere. „Baghdad in my Shadow“ wirkt mit Erzählsträngen überfrachtet, die sich nicht aus den Figuren ergeben, sondern dem Ziel dienen, bestimmte Themen medial zu repräsentieren.

Unfreiheit im Exil

Als Knotenpunkt dient ein Café, das von zwei älteren kurdischen Aktivisten geführt wird. Im „Abu Nawas“ wird Chai serviert und Gerichte aus der Heimat; es bietet aber auch Raum für Lesungen und Konzerte. Aus ihrem überzeugten Festhalten am Kommunismus machen die Betreiber kein Hehl; Christbaumkugeln mit Hammer und Sichel und jede Menge Che-Guevara-Merchandise-Artikel gehört zum Ambiente dieses Hafens der Exil-Community.

Dass der Sohn der beiden Betreiber offensichtlich homosexuell ist, macht vor allem seinem Vater Sorgen. Die progressive Haltung des Küchenchefs scheint hier an eine Grenze zu stoßen. Gemeinsam mit Taufiq lästert er darüber, wer bei schwulen Paaren „Hahn oder Henne ist“. Der IT-Experte Muhannad (Waseem Abbas) und sein britischer Freund lassen sich von solchen Anzüglichkeiten aber nicht beirren und verstricken den Sohn des Inhabers in eine unglückliche Dreiecksbeziehung.

Ein anderer Erzählstrang widmet sich der schönen Architektin Amal (Zahraa Ghandour), die vor ihrem Ehemann aus dem Irak geflohen ist. Dass der wenig später als irakischer Kulturattaché zufällig an der Theke steht, gehört zu den schwachen Konstruktionen des Films. Wenig glaubwürdig wirken auch Situationen wie ein nächtliches Treffen der beiden in einem menschenleeren Park, bei dem Amal ihren Ex-Mann mit Dokumenten erpresst, die ihn als Schergen von Saddam Hussein identifizieren.

Die dritte Ebene der Geschichte spielt in einem Plattenbau, in dem Taufiqs Neffe mit seiner alleinerziehenden Mutter lebt. Seitdem der Teenager eine Hinterhof-Moschee besucht, hat er sich zu einem rigiden Islamisten gewandelt. Trotzdem lässt er sich von Taufiq zu Koranstunden im Café Abu Nawas überreden. Konflikte sind damit vorprogrammiert und werden im Film in theatraler Soap-Opera-Manier ausbuchstabiert.

Pädagogische Dramaturgien

Der Versuch, durch das Aufgreifen von irakischen Liedern, die aus den Fernsehern der Exil-Community klingen, eine übergreifende Verbindung zwischen den Charakteren herzustellen, misslingt; denn jeder Anflug von Atmosphäre wird durch die dialogzentrierte Dramaturgie sogleich erstickt. Dem Schnitt und der visuellen Komposition von „Baghdad in my Shadow“ merkt man zwar Samirs langjährige Erfahrung als Kameramann an; doch die Bilder verbinden sich nicht mit den Erfahrungen der Figuren und bleiben der Narration äußerlich.

Der Stoff hätte sich eher für eine episodische Erzählform geeignet. Weil alle Stränge nicht nur zusammenlaufen, sondern jede Figur auch noch wie in einer Rochade mit allen anderen durch wundersame Fügung in einen Dialog treten muss, entsteht der Eindruck von Didaktik. Das verstärkt sich noch durch die Inhalte, die gezwungen und intentional wirken. Natürlich wird bei einem Konzertbesuch von der befreundeten Musikerin ein Lied gegen Klimawandel und Kapitalismus gesungen; die Frauenfiguren belehren die Männer über ihr Recht, selbstbestimmt Kopftuch zu tragen, und auch der junge Mann lässt sich von den britischen Islamisten ohne viel Aufhebens zu einem Mord anstiften.

Ein Panorama aktueller Diversitäts-Diskurse

Da „Baghdad in my Shadow“ zu Beginn die Ambivalenz frei gelebter Homosexualität innerhalb der Exil-Community in den Blick nimmt, ist es umso seltsamer, dass dieses Thema wieder aus den Augen verloren wird und hinter einem Panorama aktueller Diversity-Diskurse geradezu versteckt wird. Das passt allerdings in die Logik der „Intersektionalität“. Ob eine so schematische Zugangsweise jedoch ausreicht, um komplexe Lebensrealitäten künstlerisch nahezubringen, bleibt fraglich.

Erschienen auf filmdienst.deBaghdad in My ShadowVon: Silvia Bahl (21.12.2022)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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