









- Veröffentlichung07.09.2023
- RegieLia Erbal
- ProduktionDeutschland (2023)
Vorstellungen
Filmkritik
Lia Erbals Dokumentarfilm „Be Water - Voices from Hong Kong“ folgt zwei Erzählsträngen, deren Relation zueinander sowohl filmische als auch weltpolitische Fragen aufwirft. Der eine Strang gilt den titelgebenden Stimmen aus Hongkong, gemeint sind hauptsächlich Aktivistinnen der durch die brutale Staatsgewalt Chinas unterdrückten Demokratiebewegungen seit 2014. Um sie zu schützen, werden diese Sprechenden nicht gezeigt. Man hört ihre Stimmen und folgt einer jungen Frau auf etwas uninspiriert gefilmten Spaziergängen durch Berlin, wo sie im Exil lebt.
Frappierende Bilder der niedergeschlagenen Revolution
Immer wieder zeigt der Film Found-Footage-Aufnahmen der niedergeschlagenen Revolution 2019 und 2020, als Zehntausende monatelang auf die Straßen gingen, um sich gegen alle Widerstände für ein demokratisches Hongkong einzusetzen. Dessen Existenz war und ist trotz des bis 2047 gültigen chinesisch-britischen Abkommens über die demokratisch-liberalen Sonderrechte gefährdet. Wenn es keine Bilder gibt, helfen stilistisch ansprechende Animationen, die den Protesten etwas Ikonisches, wenn phasenweise auch zu Spielerisches verleihen. Die Bilder sind frappierend, manche kennt man aus dem Internet: Wilde Verfolgungsjagden in den Straßen, Polizeigewalt, Chaos. In einer Welt, in der es eben nicht Bilder von allem und für alle gibt, wie manchmal behauptet wird, sind diese Aufnahmen besonders relevant. Man darf nicht vergessen, dass China während des Konflikts viele Medien abdrehte, die diese hätten verbreiten können.
Die Stimmen berichten von ihrem Kampf, den Konflikten zwischen verschiedenen Generationen in Hongkong und den Verbrechen der chinesischen Autoritäten, von denen sie in ihrer Heimat nicht sprechen dürfen. In ihren Worten hört man zu keiner Zeit die Erschöpfung eines gescheiterten Aufbegehrens, stattdessen einen anhaltenden Glauben an den Widerstand. Im Abspann, etwas zu versteckt womöglich, glimmt das Feuer dann in einem kleinen Protest aus dem Jahr 2022 weiter. In diesem Strang offenbart der Film seine Stärken, denn zum einen erinnert er an die Kurzlebigkeit medialen Interesses, sind diese Bilder doch längst wieder aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden, und zum anderen ist es wertvoll, denjenigen eine Plattform zu geben, die diesen Kampf bestreiten.
Was die europäische Politik dem entgegenhalten kann
Der zweite Strang droht dieser Stärke zu widersprechen. Er gilt dem, was die europäische Politik dem entgegenhalten kann. Mit „dem“ ist nicht nur der Hongkong-Konflikt gemeint, sondern Chinas aggressive, mit westlichen Moralvorstellungen unvereinbare Innen- und vor allem Außenpolitik. Hier folgt Erbal vor allem Reinhard Bütikofer, einem EU-Politiker der Grünen und Vorsitzenden der Delegation für die Beziehungen zur Volksrepublik China. Er sitzt in den im Vergleich zu den Straßen Hongkongs merkwürdig sauberen Büroräumen der Macht und informiert sich auf seinem Laptop über die Situation.
Aus den sich aufdrängenden Parallelmontagen zwischen weltpolitischen Regungen und individuellen Kämpfen hätte sich eine ziemlich aufregende und dringliche Dialektik entfalten können, und womöglich geschieht das auch in der einen oder anderen Szene. Zum Beispiel wenn Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam und ihre Peking-nahe Regierung mit glatten Bildern Feste feiern, während verwackelte Handybilder die Gewalt auf den Straßen zeigen.
Aber die Filmemacherin führt die beiden Stränge etwas arg bemüht zusammen, indem sie die anonyme Protagonistin bei einer politischen Debatte mit nach Deutschland gereisten Aktivisten filmt, und vor allem endet sie diesen Strang mit einer Worthülsenrede Ursula von der Leyens, die nur vom gelangweilten Blick Bütikofers aufs eigene Handy gebrochen wird, aber seltsam unkommentiert als womöglich hoffnungsvolles Statement stehenbleiben darf. Das ist eine komische Entscheidung, die dem Film den Anstrich eines Propagandafilms für die EU-Politik verleiht. Damit soll nicht gesagt sein, dass Erbal deren kritische Haltung zu China hinterfragen muss, wohl aber hätte das für die daraus resultierende Politik gelten müssen.
Die Ohnmacht wird nicht thematisiert
Das gelingt ihr nicht, denn die Bilder von Bütikofer haben etwas von einem Imagefilm für dessen Arbeit, eigentlich wird nichts gesagt, die internen Machtkämpfe in der EU werden ausgespart, und alles läuft auf Parolen hinaus, die man so auch der Presse entnehmen könnte. Außer in ein paar kritischen Stimmen der Aktivisten und den aus deutschen Talkshow-Formaten bekannten Problematisierungen der Lage aufgrund wirtschaftlicher Abhängigkeiten, wird die aus der politischen Handlungsarmut entstehende Ohnmacht nicht thematisiert. Stattdessen wendet sich der Film weltpolitischen Fragen über eben jene Abhängigkeit von China zu, die vielleicht ein Publikum in Deutschland interessieren und die im globalen Machtgefüge sicherlich nicht unabhängig von Hongkong betrachtet werden können, die aber doch – nicht nur filmisch gesprochen – die titelgebenden Stimmen Hongkongs degradieren, und zwar zu Beispielen eines Konflikts, den angeblich Deutschland und die EU zu lösen haben.
Man könnte auch schreiben: Der Film errichtet sich entlang diskurspolitischer und nicht filmischer Fragen. Das ist schade, denn das Material und die Dringlichkeit wären vorhanden, und sie sind es auch, die den Film trotz dieser strukturellen und inhaltlichen Fragwürdigkeiten zu einem interessanten Seherlebnis machen.
