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Blame

100 minDramaFSK 12
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Nach ihrer Krankheit wagt sich die stille Abigail (Quinn Shephard) zum ersten Mal wieder in ihre Schule. Kaum angekommen, muss sie bereits die Provokationen ihrer manipulativen Mitschülerin Melissa (Nadia Alexander) ertragen. Als Abigail von ihrem neuen, attraktiven Aushilfslehrer (Chris Messina) für die Hauptrolle des begehrten Schultheaterstücks ausgewählt wird, werden die beiden zu Rivalinnen. Die beginnenden Annäherungen zwischen Abigail und ihrem Lehrer spielen Melissa dabei in die Hände. Ihr ist jedes Mittel recht, um Abigail zu bekämpfen. Auch wenn dies dunkle Geheimnisse ans Licht bringt. (Quelle: Verleih)

„Blame“ heißt der neue Film des Schweizer Dokumentarfilmers Christian Frei. In dem Titel klingt an, was die Menschheit seit jeher umtreibt: die Frage nach dem Sündenbock. Diese stellt sich in verschärftem Maße immer dort, wo Ungeheuerliches geschieht oder geschehen ist: im Falle von Krisen, Katastrophen, kriegerischen Auseinandersetzungen und Unglücksfällen. Oder bei Pandemien, selbst wenn „dahinter immer der Mensch steht“, wie es schon früh im Film heißt. Frei zeichnet die Chronologie eines Kesseltreibens nach, eine von schlagzeilensüchtigen Medien und vehementen Verschwörungstheoretikern befeuerte Hexenjagd, ausgelöst durch die Covid-19-Pandemie.

Im Zentrum stehen zwei Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin. Die chinesische Virusforscherin Zhengli Shi war bis 2024 am Institut für Virologie in Wuhan beschäftigt und forschte vor allem an Fledermäusen. Das Spezialgebiet des an der Duke-NUS Medical School in Singapur tätigen Virologen Linfa Wang sind von Tieren auf Menschen übertragbare Krankheiten, sogenannte Zoonosen. Der britisch-amerikanische Zoologe Peter Daszak stand als Experte für Infektionsepidemiologie bis Januar 2025 der in New York ansässigen EcoHealth Alliance vor.

Man weiß zu wenig über Fledermäuse

Kennengelernt haben sich die drei über ihre Forschungsarbeiten zur SARS-CoV-1-Epidemie; seither stehen sie im regen Austausch. Sie sind privat miteinander befreundet und arbeiten bisweilen an gemeinsamen Projekten. Im Zentrum ihrer Forschungen stehen Fledermäuse, über die man „viel zu wenig wisse“. Bereits 2005 veröffentlichte das Trio in der Fachzeitschrift „Science“ den Artikel „Bats Are Natural Reservoirs of SARS-Like Coronaviruses“, in dem erstmals vor Krankheiten gewarnt wurde, die durch Erreger ausgelöst werden, die von Fledermäusen auf Menschen überspringen.

2012 gelang es Shi und ihrem Team, den Ursprung von SARS zu klären. 2013 prognostizierte Wang den Ausbruch einer weiteren, durch einen SARS-Virus ausgelösten Pandemie innerhalb der nächsten zehn Jahre. Dann brach Ende 2019 in Wuhan die Covid-2019-Pandemie aus. Die drei Wissenschaftler, deren Warnungen bis dahin kaum Beachtung geschenkt wurde, standen plötzlich im Fokus der Weltaufmerksamkeit. Vor allem Shi, die am Institut für Virologie das Zentrum für neu auftretende Infektionskrankheiten leitete, sah sich in der Folge im Zusammenhang mit der „Laborunfallhypothese“ heftigen Beschuldigungen ausgesetzt, obwohl sie diese für die Fachwelt glaubwürdig widerlegen konnte.

Frei hatte, als er „Blame“ 2022 in Angriff nahm, keine Ahnung, wohin die Reise führen und welches Ausmaß die Recherche annehmen würde. Neben den drei Wissenschaftlern und den Fledermäusen tritt er in „Blame“ als weiterer Protagonist aktiv in Erscheinung. Zum einen agiert er als Regisseur und Produzent des Films. Er organisiert Meetings und Retraiten, bei denen er mit den drei Forschenden persönlich zusammensitzen möchte, Shi aber nur virtuell teilnehmen kann, weil China ihr keine Reisebewilligung erteilt. Er reist mit seinem Filmteam durch Südostasien und besucht verschiedene Fledermauskolonien in China, aber auch in Thailand, wo man Fledermäuse verehrt. Die Drohnenaufnahmen aus abgelegenen Regionen und kaum zugänglichen Fledermaushöhlen gehören zu den visuellen Höhepunkten des bildlich beeindruckenden Films.

Nüchtern und verständlich erklärt

Frei tritt aber auch als On-/Off-Erzähler in Erscheinung. Mal tut er dies in der Rolle eines Kommentators, der die Fakten nüchtern und verständlich erläutert – aber immer mal wieder auch die Frage stellt, was in Wuhan wirklich geschehen ist. Manchmal –insbesondere wenn es um Fledermäuse geht – wird Frei zu einem auf Legendenstoffe verweisenden Erzähler, der dem westlichen Narrativ von Fledermäusen als ebenso geheimnisvollen wie unheimlichen Wesen die vor allem in Thailand verbreitete Deutung eines Glücksbringers entgegenstellt. Nicht zuletzt schlüpft er zwischendurch auch in die Rolle eines die eigene Befindlichkeit thematisierenden Ich-Erzählers, der sich besorgt darüber äußert, was die Teilnahme an diesem unter dem Radar der Öffentlichkeit gedrehten Film für seine Protagonisten bedeutet.

Wie schon in früheren Dokumentarfilmen – vor allem in „Genesis 2.0“ über Mammuts und Klonforschung oder „Space Tourists“ über Träume und Tätigkeiten (künftiger) Weltraumtouristen – versucht sich Frei auch in „Blame“ an der großen Auslegung. Die Schilderungen der zunehmend durch die Covid-19-Pandemie bestimmten Karrieren von Shi, Wang und Daszak vermischen sich mit dokumentarischen Aufnahmen aus der Zeit der Lockdowns und der öffentlichen Proteste.

Aufnahmen eines nebligen Tages

Konkret bekommt man gespenstisch menschenleere Straßen und Plätze aus Großstädten zu sehen, überfüllte Spitäler und Notaufnahmen. Später folgen Bilder von Protestkundgebungen, in denen aufgebrachte Menschen gegen Lockdowns, Impfungen und andere Maßnahmen wüten. Im Zusammenhang mit der „Laborunfall-Hypothese“ finden sich Aufnahmen eines nebligen Tages, an dem Medienschaffende rund um das Institut in Wuhan auf der Jagd nach Schlagzeilen einem Auto folgen. Inhaltlich ähnliche Bilder gibt es von der turbulenten Befragung von Peter Daszak durch Mitglieder des US-Kongresses im Mai 2024.

Frei stellt den Protagonisten in der direkten Begegnung keine kritischen Fragen. Aber er bringt eine chinesische Wissenschaftsjournalistin und einen Molekularbiologen mit ins Spiel, die das für ihn übernehmen. Das mag mit Blick auf das Vertrauensverhältnis zwischen Regisseur und Protagonisten eine pragmatische Entscheidung sein. Aber sie bringt dem Film um den Biss. Und sie lässt Christian Frei, der als scharfer Analytiker in seinen Filmen normalerweise auch vor heiklen Fragen nicht zurückschreckt, ungewohnt zurückhaltend und in seiner persönlichen Haltung etwas indifferent erscheinen. Was dem Film vielleicht insofern gerecht wird, als die (Über-)Fülle von Inhalten und angerissenen Thematiken es schwer macht, eine Haltung einzunehmen.

Bloß eine Frage der Zeit

„Blame“ beeindruckt durch seine ansprechende visuelle Gestaltung, eine ausgefeilte Tonspur und einen beeindruckenden Soundtrack mit Stücken von Jóhann Jóhannsson und Marcel Vaid. Auch wenn am Ende alles offen zu sein scheint – ernstzunehmende Ergebnisse über die Herkunft des Covid-19-Erregers oder die Frage seiner Übertragung werden wohl noch Jahre der Forschung benötigen –, ist „Blame“ ein überaus ernstzunehmender und auch wichtiger Film. Denn solange die Menschen faktenbasierte Warnungen von Wissenschaftlern nicht hören wollen und ihr Verhalten nicht ändern, dürfte die nächste Epidemie oder Pandemie bloß eine Frage der Zeit sein.

Shi, Wang und Daszak werden trotz aller Turbulenzen weitermachen. Zhingli Shi arbeitet seit 2024 als Senior-Forscherin am Guangzhuo Laboratory. Linfa Wang ist weiterhin an der Duke-NUS Medical School in Singapur beschäftigt. Und Peter Daszak wird, nachdem US-Präsident Donald Trump der Organisation EcoHealth Alliance im Frühjahr 2025 die Mittel entzogen hat, seine Forschungen anderweitig weiterführen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deBlameVon: Irene Genhart (27.10.2026)
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