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Blue Moon

100 minDramaFSK 12
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BLUE MOON erzählt die Geschichte des legendären Songwriters Lorenz Hart, dessen berufliches und privates Leben während der Premierenfeier für das Musical „Oklahoma!“, mit dem sein ehemaliger Partner, der Komponist Richard Rodgers, einen großen Erfolg feiert, ins Wanken gerät. Mit einer Vielzahl an Schriftsteller*innen, Schauspieler*innen, Musiker*innen, Freund*innen und Protegés – eine Parade der Berühmten und derer, die es werden wollen –, werden über 100 Minuten in Echtzeit die Ereignisse in der Bar Sardi’s am Abend des 31. März 1943 geschildert. Das Ergebnis ist eine Betrachtung über Freundschaft, Kunst und Liebe.
Dem fünffach Oscar®-nominierten Regisseur Richard Linklater („Boyhood“, „Before Midnight“) gelingt es mit seinem Talent fürs Komödiantische, die Ereignisse dieses einzigartigen Abends perfekt einzufangen. Das Drehbuch stammt von Robert Kaplow. Für die Produktion zeichnen Mike Blizzard, John Sloss und Richard Linklater verantwortlich.
  • Veröffentlichung26.03.2026
  • Richard Linklater
  • Vereinigte Staaten (2025)
  • 6.9/10 (9960) Stimmen

Lorenz Hart (Ethan Hawke) leidet. Während um ihn herum das Publikum bei der Uraufführung des Musicals „Oklahoma!“ einen fröhlichen Abend erlebt, windet sich der Songtexter bei jedem Lasso-Knallen und „Yeeow!“ im Sessel des Broadway-Theaters. Am schlimmsten wiegt für Hart, dass es für ihn eine Premiere der besonderen Art ist. Zum ersten Mal seit 24 Jahren hat sein musikalischer Partner Richard Rodgers sich mit Oscar Hammerstein II einen anderen Texter für ein Musical gesucht. Rodgers hatte zuerst durchaus Hart gefragt. Doch als der das sentimentale Cowboy-und-Farmer-Material von sich wies, verfolgte der Komponist die Pläne anderweitig. Lorenz Hart fasst dies als besondere Kränkung auf, umso mehr, als er den beispiellosen Erfolgsweg vorausahnt, der vor „Oklahoma!“ liegt. Wenn er das Theater schnellstmöglich verlässt und kundtut, dass er einen Drink benötige, kommt dies aus tiefstem Herzen.

Am Abend der „Oklahoma!“-Premiere

Regisseur Richard Linklater und der Drehbuchautor Robert Kaplow haben für ihren Film „Blue Moon“ mit dem 31. März 1943 jenen Tag gewählt, der das Musicalgenre vielfach veränderte. Mit „Oklahoma!“ feierte nicht nur ein auch acht Jahrzehnte später noch populäres Werk seine Premiere, sondern es markierte auch den Startschuss für das erfolgreichste US-amerikanische Musical-Songwriter-Duo; Rodgers & Hammerstein gelangen mit „Carousel“, „South Pacific“, „The King and I“ und „The Sound of Music“ noch vier weitere Klassiker. In Linklaters Film schwant Hart bereits, dass die Musicals von Rodgers & Hammerstein im kulturellen Gedächtnis bleiben werden, von Rodgers & Hart hingegen nur die Songs. Zu denen gehören allerdings etliche Evergreens, etwa „Isn’t It Romantic“, „My Funny Valentine“, „Manhattan“ oder eben „Blue Moon“.

Der Film stellt die selbstzerstörerische Ader von Lorenz Hart heraus und blendet gleich zu Beginn auf den Tod des Songtexters voraus, der mit nur 48 Jahren wenige Monate nach der „Oklahoma!“-Premiere verstarb. Doch zunächst eilt die Hauptfigur nach der Flucht aus dem Theater zu dem Ort, an dem die Premierenfeier stattfinden soll: das berühmte Restaurant Sardi’s mit seinen Wänden voller Promi-Karikaturen. Es zeugt von einem gehörigen Masochismus, dass Hart ausgerechnet dort warten will; der alkoholabhängige Künstler kann allerdings seine Sucht nicht im Zaum halten. Obendrein hat er akuten Redebedarf. Vom Betreten der Sardi’s-Bar an steht das Mundwerk von Hart nicht mehr still, wenn er sich über die Trivialität von „Oklahoma!“, die Undankbarkeit von Rodgers, aber auch die allgemeine Ungerechtigkeit des Daseins ereifert.

Verbissene Monologe in der Bar

Unfreiwillige Zuhörer sind der gelassene Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale), ein klavierspielender US-Soldat auf Urlaub und ein stiller Schreiberling in einer Ecke, in dem Hart nach einiger Zeit den Essayisten E.B. White (Patrick Kennedy) erkennt. Eine kleine Gruppe, die Zeuge von Harts mal verbitterten, mal bissigen, mal selbstmitleidigen Monologen wird, die öfters in sentimentale Reminiszenzen an seine Erfolgszeiten mit Rodgers und seine besten Einfälle umschlagen, für die Hart der Vergleich mit Shakespeare nicht zu hoch gegriffen scheint. Zudem hegt er tatsächlich auch Gefühle der Hoffnung: Für den Abend steht noch eine Verabredung mit der gerade 20-jährigen Schauspielaspirantin Elizabeth Weiland (Margaret Qualley) an, und Hart malt den Anwesenden eine glückliche Zukunft aus. Was Eddie und E.B. White mit wissendem Blick kommentieren, denn Harts Homosexualität ist ein offenes Geheimnis; durch anzügliche Anspielungen konterkariert er zudem selbst sein Werben um Elizabeth. Die dringt im Übrigen nach ihrem Erscheinen vor allem darauf, Rodgers vorgestellt zu werden.

Linklater und Kaplow legen Lorenz Hart als Paradebeispiel eines Künstlers an, der sich selbst im Weg steht. Einerseits präsentiert er sich voller kreativer Ideen, die nur so aus ihm heraussprudeln, andererseits hindern ihn Sprunghaftigkeit und die Leugnung seiner diversen Persönlichkeitsprobleme daran, aus seinen Geistesblitzen anhaltenden Profit zu ziehen. Die Tragik dieses Künstlertyps kostet Ethan Hawke in einer Darbietung voller ausladender Gesten, rasant vorgetragener Wortkaskaden, Imitationen und mitunter auch angestimmter Lieder weidlich aus, was zunächst vor allem im Kontrast zu dem von Bobby Cannavale mit pointiertem Gleichmut gespielten Barkeeper unterhaltsam ist.

Mit hoher Pointendichte

Mit der Ankunft der Premierengäste zur Mitte des Films wandelt sich dieser dann endgültig zur Tragikomödie. Die nach und nach eintreffenden Kritiker-Hymnen auf „Oklahoma!“ steigern Harts Qualen weiter, doch seine Feindseligkeit zielt ins Leere. Rodgers, sehr nuanciert interpretiert von Andrew Scott, zeigt sich keineswegs unversöhnlich, sondern lädt Hart zur nächsten Zusammenarbeit ein und lobt dessen Brillanz; nach zweieinhalb Jahrzehnten mit einem unzuverlässigen Partner will er sich lediglich die Option für andere Kooperationen offenhalten. Und auch Hammerstein würdigt seinen Rivalen ausdrücklich als Vorbild und hält besorgt seinen 12-jährigen Begleiter „Stevie“ zurück, als dieser Hart naseweis zu kritisieren wagt – eine köstliche Szene um Hammersteins wirklichen Schützling, den späteren Musical-Meister Stephen Sondheim.

Diese Begegnungen sind historisch nicht belegbar; nur Harts Anwesenheit bei der Premiere ist gesichert. Der Rest entspringt der Fantasie von Robert Kaplow, der für Linklater auch schon die Vorlage zu „Ich & Orson Welles“ (2008) geschrieben hat. Kaplow treibt die Situation, um die der Film kreist, mit Elan voran und strebt nach einer hohen Pointendichte, was mitunter allerdings auch angestrengt wirkt, wenn der Drang zu eloquenten Auslassungen auch jenseits von Hart überhandnimmt. Namentlich die Gespräche mit Elizabeth, für deren Figur sich Kaplow vom Briefwechsel einer jungen Frau mit Hart inspirieren ließ, wirken eher deplatziert, auch wenn Ethan Hawke dabei die Verletzlichkeit des Texters zeigen kann. Zudem belässt es Linklater bei einer routinierten filmischen Umsetzung der theaterhaften Vorgaben, in der die Dialoge breit ausgespielt werden und auch über die zahlreichen berühmten Songs mehr geredet wird, als dass sie tatsächlich angespielt würden.

Anders als bei Linklaters parallel entstandener Filmkünstler-Hommage „Nouvelle Vague“ hängt der Grad an Vergnügen bei „Blue Moon“ auch stärker vom Vorwissen ab. Kaplow streut reichlich Anspielungen auf Musik-, Film- und Zeitgeschichte ein und setzt auch auf Insiderscherze im Stile von „Zurück in die Zukunft“, wenn Harts freifliegende Inspiration immer wieder Ideen bei anderen Künstlern weckt. In seiner Häufung ist dieser Einfall vielleicht etwas überreizt, aber amüsant und überdies zielsicher auf den universellen Aspekt des Films gerichtet. Wie ein Künstler sich und der Welt verzweifelt zu beweisen versucht, dass er noch viel zu bieten hat, vermittelt sich eindringlich, auch wenn man nicht jedem seiner Gedankensprünge folgen kann.

Veröffentlicht auf filmdienst.deBlue MoonVon: Marius Nobach (16.12.2026)
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