Filmplakat von Blutsauger

Blutsauger

125 min | Drama, Historie | FSK 12
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August 1928. Der sowjetische Fabrikarbeiter Ljowuschka wird als Trotzki-Darsteller für den Film „Oktober“ des Regisseurs Sergei Eisenstein gecastet. Doch seine Träume vom Künstlerleben platzen, als der echte Trotzki bei Stalin in Ungnade fällt und er aus dem Film herausgeschnitten wird. So flieht der romantische Träumer aus der kommunistischen Heimat und will sein Glück in Hollywood versuchen. Noch steckt er allerdings in einem mondänen deutschen Ostseebad fest, wo er als verfolgter Aristokrat verkleidet das Geld für die Überfahrt nach New York zusammenstehlen will. Bei einem seiner Streifzüge lernt er die junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen kennen, die die Sommermonate mit ihrem tölpelhaften Diener Jakob am Meer verbringt. Die exzentrische Millionärin interessiert sich für den geheimnisvollen Flüchtling und bietet ihm Unterschlupf in ihrem luxuriösen Herrenhaus. Schnell fliegt seine Tarnung auf, und noch schneller hat er sich in seine schillernde Gastgeberin verliebt – sehr zum Verdruss des literarisch ambitionierten Jakob, der ebenfalls für die Chefin schwärmt. Eine sommerliche Romanze bahnt sich an – dumm nur, dass in der Gegend Vampire ihr Unwesen treiben. Und noch dümmer, das Octavia selbst ein Blutsauger ist.

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Filmkritik

Bevor ein Begriff verhandelt werden kann, braucht er eine Definition. Klar: „Blutsauger“ ist der Begriff. Seine Definition ist, wenn man es genau nehmen will –und der marxistische Lesekreis in den Dünen, der hier den Anfang macht, nimmt es genau –, schon mal gar nicht so eindeutig. Ist der Blutsauger bei Marx nur eine Metapher für die zügellose Produktionsweise des kapitalistischen Systems? Oder sind die Kapitalisten selbst die Blutsauger – vielleicht sogar ohne Metapher? Der Lesekreis bleibt uneinig. Eine Studentin, die immer wieder Fragen stellt, will nicht aufgeben: Eine herrschende Klasse, die Marx abschaffen wolle, gebe es ja wohl. Einem anderen Teilnehmer platzt bei dieser wiederholten Nachfrage der Kragen. „Halt doch endlich mal dein Maul“, sagt er unsanft, bevor er „Das Kapital“ in den Sand wirft und davonstapft.

Die Attraktionen des Leinwandhumors

Die politische Linke kommt schon in den ersten Minuten des Films an ihrem Scheideweg an, der scheinbar nur die Wahl zwischen zwei Sackgassen lässt: das Maul halten, wie es die Parteitreuen vorschlagen, oder Diskurs bis ins eigene Fleisch. Für Julian Radlmaier ist dieses Szenario keine Zwangs-, sondern eine Ausgangslage. Ein Anfang, der nicht mit mühsamem Vorlauf oder sprödem K-Gruppen-Jargon anrollt, sondern mit all den Attraktionen, die der Leinwandhumor so hergibt. Das gibt es dann zu bestaunen, nachdem sich die Proletarier aller Dünen vereint haben, um die Erbin der lokalen Industrie-Bourgeoisie, die derweil als (buchstäblich!) blutsaugende Kapitalistin entlarvt wurde, zur Rechenschaft zu ziehen.

Mit Fackeln und Mistgabeln versammelt sich die Gemeinschaft vor dem Tor des Anwesens, um in der Diskussion mit Ljowuschka (Aleksandre Koberidze), dem Liebhaber der jungen Blutsaugerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg), der hier zufällig zum Türsteher wird, bereits die kollektive Überzeugung bröckeln zu sehen. Octavia gebe einem schließlich Arbeit, politische Überzeugung sei eher etwas für die Wahlurne, und man werde, wenn die Technologie (in diesem Fall: das Telefonnetz) so weit ist, ohnehin ganz organisch in einen Sozialismus hineinwachsen.

Besagter Sozialismus bleibt auch in Radlmaiers neuestem Film eine komplizierte Angelegenheit. Die dazugehörige Handlung findet in den anachronistisch unterwanderten 1920er-Jahren statt. Protagonist ist der sowjetische Schauspieler Ljowuschka. Nach jahrelanger Fabrikarbeit, die Radlmaier als das wunderbare Bild einer Maschine entwirft, die kleine Stahlplättchen ins Bild spuckt, bekommt er die Chance, in Sergej Eisensteins Oktober die Rolle des Lew Trotzki zu übernehmen. Doch die Schauspielkarriere scheitert an der kommunistischen Führung. Genauer gesagt an Stalin, der seinen Rivalen Trotzki und damit Ljowuschkas Rolle aus dem Film entfernen lässt. So verschlägt es den mittellosen Proletarier an die Ostsee, die nur ein Zwischenstopp auf der Reise nach Hollywood sein soll. Als Baron getarnt, mit geklauter Champagnerflasche ausgestattet, marschiert er stattdessen geradewegs in das Leben der blutsaugenden Industrie-Erbin Octavia.

Pommes am Meeresstrand

Lilith Stangenberg spielt sie mit einer wunderbar bourgeoisen Bräsigkeit, in die sich der kumpelhafte Geist einer Jungunternehmerin des 21. Jahrhunderts mischt. Der Diener heißt jetzt „persönlicher Assistent“ und sein Siezen wird mit bodenständiger Beharrlichkeit ins „Du“ korrigiert. Die aristokratische Haltung, die Nabel-der-Welt-Perspektive und den mit beidem einhergehenden Blutdurst hat die Industrie-Erbin freilich nicht abgelegt. Die von ihr in antiquierter Lyrik und forcierter Strandromantik herbeizitierten Affekte sind auch nur Mittel, über die es zu verfügen gilt. Am Strand hat Ljowuschka in ihrer Anwesenheit gefälligst melancholisch zu sein, auch wenn die Pommes-Verkäuferin mit ihrer Handglocke in das Meeresrauschen hineinbimmelt und die dutzenden Paare, die nur wenige Meter neben ihnen sitzen, hastig die Geldbörsen zücken.

Szenen wie diese sind emblematisch für Radlmaiers trocken vorgetragenen, aber vor sprachlichen und filmischen Ideen nur so überschwappendem Humor. Hier flattert ein Anachronismus in Form einer KaDeWe-Tüte ins Bild, dort breitet sich Panik aus, als ein Diener vermeldet, die Arbeiter hätten einen Betriebsrat gegründet. Bis die nächste Pointe den Bürgerlichen ihren Schock nimmt: glücklicherweise sei eine Mehrheit gemäßigter Sozialdemokraten unter den Vertretern. „Blutsauger“ ist Diskurskino, ohne die dazugehörige Eitelkeit, ohne spröde oder larmoyant zu sein. Schließlich soll es um die Liebe gehen. Aber die ist, wie sich bald herausstellt, nicht weniger kompliziert als die Marx-Lektüre. Besonders wenn das Kapital wieder im Weg steht. Ob die Liebe überhaupt dazu fähig ist, an diesem vorbeizukommen, ist die Frage, die hier ganz offen gestellt wird. Oder, eine Frage weitergedacht: Was bleibt noch zu tun, wenn nicht einmal die Liebe das fertigbringt?

Wer mit Kapitalisten anbandelt, lässt Blut

Ljowuschka wird die Suche nach einer Antwort sehr bald eine Anämie einhandeln. Und das nicht gegen den eigenen Willen, sondern – und hier genau schlägt Radlmaier so mühelos wie präzise eine Brücke in unsere Gegenwart – freiwillig. Ljowuschkas Schwindel ist längst aufgeflogen, doch die von ihm (oder seinen Venen) ganz hingerissene Oberschichtdame möchte ihren proletarischen Schwindler um keinen Preis ziehen lassen. Stattdessen wird er umgarnt, geliebt und angezapft. Gemeinsam drehen beide einen Vampirfilm, schlürfen in den Drehpausen Melone, rauchen zusammen Joints und deuten den ein oder anderen Kuss an. Am Ende wird dann noch ein wenig proletarisches Blut gesaugt. Denn, und das wird der aufmerksame Marx-Lesekreis-Beisitzer schon antizipiert haben: Wer mit Kapitalisten anbandelt, lässt Blut – sei es das eigene oder das der anderen.

Erschienen auf filmdienst.deBlutsaugerVon: Karsten Munt (20.7.2023)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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