Vorstellungen
Filmkritik
Impressionen aus den Mühen der Ebene: In der sächsischen Kleinstadt Wurzen, im Landkreis Leipzig gelegen, lädt ein Mann Bierbänke in sein Auto. Er bespricht sich mit einem Bekannten über eine bevorstehende Veranstaltung. Gitarrenmusik erklingt. Andere Szene, anderer Mann: Akribisch wischt er Tische ab, kehrt den Boden, richtet den Tisch für die geplante Lesung. Doch am Ende kommt niemand. Die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben.
Regisseur Jakob Wehner stellt in seinem beobachtenden Dokumentarfilm „Bollwerk“ drei im Wurzener „Netzwerk für Demokratische Kultur“ Engagierte vor: Ludwig, Ingo und Melanie bauen Infostände in der Innenstadt auf oder organisieren Gedenktouren in Erinnerung an Zwangsarbeiter in der NS-Zeit. Das in mehrere Kapitel eingeteilte, knapp einstündige Werk kommt ohne einordnenden Kommentar aus.
Nicht martialisch, aber beharrlich
Den Begriff des Bollwerks würde man mit den in diesem Film porträtierten Menschen äußerlich kaum verbinden. Alles Martialische geht ihnen ab. Und doch eignet ihnen eine große Beharrlichkeit. Ingo, der die Lesung vorbereitete, trägt eine Basecap mit Davidstern in Regenbogenfarben, dazu ein T-Shirt „The Emperor’s New Groove“. Seine Erscheinung hat etwas Unkonventionelles, wie man sie mit einer sächsischen Kleinstadt nicht verbindet. Und doch wollen auch weniger stromlinienförmige Menschen in Wurzen ihr Leben verbringen.
Die Täter der sogenannten „Baseballschlägerjahre“ in den 1990ern sind nun in der örtlichen Gesellschaft angekommen. Ihre Kinder treten auf den Straßen in ihre Fußstapfen. Die rechtsradikale Präsenz war hier schon einmal sehr hoch – damals noch ganz ohne ein Pendant in den Parlamenten. Eine Einblendung gegen Ende des Films illustriert die politischen Kräfteverhältnisse: Bei der sächsischen Landtagswahl 2024 errang die AfD 34 Prozent der Stimmen, in Wurzen wurde sie stärkste Partei. Die noch rechteren „Freien Sachsen“ bekamen mehr Stimmen als die Grünen.
Kein Selbstläufer also für demokratische Kultur. Die Berichte der drei Protagonisten streifen immer wieder auch aktuelle Debatten über Ostdeutschland. Vom „Gefühl des Abgehängtseins“ hat man dabei schon öfter gehört. Der Mut der hier Engagierten drückt sich ex negativo in einer prägnanten Zeile der Chemnitzer Band „Kraftklub“ aus: „‘Nazis raus‘ ruft es sich leichter, dort wo es keine Nazis gibt.“ In Wurzen gibt es sie tatsächlich, auch wenn sie in „Bollwerk“ weder zu sehen sind noch zu Wort kommen. Wie Geister spuken sie durch diesen Film – beschmieren Hauswände mit rechten Slogans, verüben Anschläge auf ein Mitmach-Café und demolieren Gedenktafeln für Naziopfer.
Viele, die sich vor negativen Reaktionen fürchten
Auch die vielbeschworene schweigende Mitte kommt hier nur im Hörensagen vor. Es gibt offenbar viele Menschen, die sich vor negativen Reaktionen fürchten. So wie die ältere Dame, die sich für Flüchtlinge engagierte und verächtliche Kommentare ihrer Freundinnen erntete. Melanie wundert sich dabei über die politischen Zuschreibungen. Sie gelten in der Gesellschaft pauschal als Linke oder gar Linksextreme, und vielen vor allem als Nestbeschmutzer.
Die Abkürzung des Netzwerks, NDK, klingt zunächst selbst wie irgendetwas Nationales. Darauf will wohl auch ein Sympathisant des Vereins hinaus, der Ludwig darauf anspricht. Hier zeigt sich aber auch ein Problem des Films. Er lässt so vieles für sich stehen, dass man sich als Zuschauer ohne Kenntnis mancher Verweise ausgeschlossen fühlt.
„Wenn nur fünf Menschen zu einem Kinoabend kommen, dann hat man eben für diese fünf Menschen etwas erreicht.“ Diese Erkenntnis von Ludwig lässt sich auf ehrenamtliches Engagement allgemein übertragen. Insofern besteht die Effektivität dieser Initiativen vielleicht nicht vornehmlich im direkten Kampf gegen rechte Hegemonie, sondern im gelebten Gegenmodell. Ein fast trotziger Verweis darauf, wie wichtig noch die kleinste Zivilgesellschaft ist – nicht zuletzt auch für das Selbstbewusstsein der sie tragenden Menschen. Eine lokale Institution, in der man durch Engagement wirksam werden kann.
Rettet Engagement die Demokratie?
Dem Begriff des Engagements kommt überhaupt eine gigantische Rolle zu. Auf der Website zum Film ist die Rede von der „Relevanz von zivilgesellschaftlichem Engagement.“ Eine Pfarrerin ist sogar der Ansicht: „Engagement rettet die Demokratie.“ Das wird sich in den nächsten Jahren erst noch zeigen.










