Born to Fake

93 minDokumentarfilmFSK 12
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Im Jahr 1996 erschütterte einer der größten Medienskandale der deutschen Geschichte die Öffentlichkeit: Michael Born, ein Selfmade-Journalist, hatte zwischen 1990 und 1996 über zwanzig Beiträge für das aufkommende Privatfernsehen gefälscht. Einige wirkten dilettantisch, andere behandelten absurde Themen: Kinderarbeit für IKEA in Indien, Drogensüchtige, die Kröten lecken, um high zu werden, oder der Ku-Klux-Klan in der Eifel. Alles frei erfunden. Wie konnte es so weit kommen? War Born ein Aufklärer, der das Boulevard-System subversiv entlarvte, ein Opfer des Systems – oder schlicht ein dreister Betrüger?

Der TV-Journalist Michael Born erzählte gerne wilde Geschichten, die nicht unbedingt wahr waren. Im Dokumentarfilm „Born to Fake“ erinnert sich ein Gesprächspartner, wie sich Mimik und Stimmlage Borns plötzlich änderten, sobald er ins Reich der Fantasie abdriftete. Für einen aufmerksamen Zuhörer schien es somit offensichtlich zu sein, dass dieser Mann ihm gerade einen Bären aufbinden wollte.

Schon bei seinen Anfängen als Reporter in Krisengebieten war Born eine ungewöhnliche Erscheinung. Mit Rauschebart und zerknittertem Hemd stand er dabei ungewohnt lässig vor der Kamera, weit entfernt von der Ernsthaftigkeit vieler seiner Kollegen. Diese schelmisch anarchische Art machte ihn zunächst zum unverkennbaren wie auch sehr gefragten Typen, wurde ihm später aber zum Verhängnis.

Wenn Junkies Kröten kaufen

In Verruf und ins Gefängnis kam Born, als herauskam, dass er von 1990 bis 1996 über zwanzig Beiträge für das von Günther Jauch moderierte Fernsehmagazin „stern TV“ fälschte. Die Reportagen sind teils so absurd, dass man dem Reporter dafür kaum böse sein mag. Eine handelt von Junkies, die sich in Zoohandlungen Kröten kaufen, um für den schnellen Kick an ihnen zu lecken. Andere berichten von Jägern mit schlecht aufgeklebtem Bart, die Katzen erschießen, um Vögel zu schützen, oder von einem deutschen Ableger des Ku-Klux-Klans, der bei seinem exklusiv mitgefilmten Material seltsamerweise eine spiegelverkehrte Hakenkreuz-Flagge nutzt. 

Borns Kritiker werfen ihm vor, er hätte einen ganzen Berufsstand besudelt und die Zuschauer getäuscht. Seine Verteidiger hingegen, die in „Born to Fake“ stark in der Überzahl sind, beharren darauf, dass die Reportagen so dilettantisch gemacht waren, dass man sie leicht hätte entlarven können. Die Regisseure Erec Brehmer und Benjamin Rost zeichnen den Werdegang des 2019 verstorbenen Born mit grisseligem Archivmaterial sowie Gesprächen mit Freunden, Verwandten und Kollegen nach. Mal wirkt der Film wie eine Komödie über einen ewigen Schlingel, der die Aufmerksamkeitsökonomie des Fernsehens so fantasievoll wie dreist vorführte. Dann wieder wie das Drama einen zerrissenen Idealisten, der den gierigen TV-Anstalten immer krassere Bilder liefern musste. Der Ursprung von Borns Fälscherkarriere war laut Film ein Auslandseinsatz, bei dem der Sender Bilder von Leichen forderte, die Born aus Verzweiflung nachstellte.

Nur ein Bauernopfer?

Wie hoch der Wahrheitsgehalt bei dieser und auch anderen Geschichten ist, lässt sich nicht ganz klären. Zwei ehemalige „stern TV“-Mitarbeiter, die hier zu Wort kommen, haben sehr unterschiedliche Auffassungen davon, ob die Verantwortung bei Born oder beim Sender lang. Mehrmals geht es dabei auch um die Frage, inwiefern den damaligen Chefredakteur Günther Jauch wegen mangelnder Qualitätskontrolle die Schuld traf. War der verurteilte Reporter am Ende gar nur ein Bauernopfer bei einem Verbrechen ohne Geschädigte?

Die Sympathie des Films liegt eindeutig bei Born. Dabei blickt „Born to Fake“ vielleicht gelegentlich etwas gutgläubig auf die durchaus auch politischen Manipulationsversuche des linken Reporters, der manchmal Absurdes lieferte, dann aber auch wieder mit Geschichten über Flucht und Rassismus die öffentliche Meinung beeinflussen wollte. Den Filmemachern geht es aber ohnehin mehr um das grundsätzliche Problem, dass sich Wirklichkeit im Film nie objektiv darstellen lässt. In einer Art medienwissenschaftlichem Proseminar mit Eva Hohenberger wird dargelegt, dass auch eine dokumentarische Aufnahme letztlich nur ein Ausschnitt der Realität ist, der nicht selten auch extra für die Kamera arrangiert wurde. Letzteres unterstreicht der Film ein paar Male zu oft, indem er scheinbar authentische Alltagsmomente als inszeniert entlarvt.

Das Widersprüchliche und Ungeklärte

Gerade weil der Fall um Born so verrückt ist, ist es manchmal schade, dass „Born to Fake“ sich ihm in der zweiten Hälfte weniger über seine sonderbaren Eigenheiten nähert, als ihn symptomatisch für die Sensationsgier der Medien zu begreifen. Als zusätzliche Metaebene baut der Film zudem eine Theaterproduktion aus Klagenfurt ein, in der die Geschichte des Reporters eine weitere Stufe der Fiktionalisierung durchläuft. Das ist inhaltlich schlüssig, aber wenig ergiebig; vor allem weil die satirisch überzeichnete Produktion mit unerschütterlicher Gewissheit Born zum System-Opfer macht und dabei ermüdend eindeutig bleibt, während das Faszinierende an diesem Stoff gerade das Widersprüchliche und Ungeklärte ist.

Auch der Versuch der Filmemacher, bei ihrer Reflexion über den Wahrheitsgehalt von Bildern eine Brücke zur Künstlichen Intelligenz zu schlagen, wirkt ein wenig zu allgemein und bemüht. Am besten ist „Born to Fake“ dagegen, wenn er sich anekdotenreich, amüsant und verblüffend diesem Kuriosum der Fernsehgeschichte annähert und dabei einen charismatischen Hochstapler porträtiert, der sich nie ganz entschlüsseln lässt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deBorn to FakeVon: Michael Kienzl (12.6.2026)
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