Zum Hauptinhalt springen

The Choral

113 minDrama, Komödie, MusikFSK 12
Tickets
Szenebild von The Choral 1
Szenebild von The Choral 2
Szenebild von The Choral 3
Szenebild von The Choral 4
Szenebild von The Choral 5
Szenebild von The Choral 6
Szenebild von The Choral 7
Szenebild von The Choral 8
Szenebild von The Choral 9
Szenebild von The Choral 10
Yorkshire, 1916. Die männlichen Mitglieder eines Chors melden sich freiwillig zum Ersten Weltkrieg, sodass der anspruchsvolle Dr. Guthrie nun Teenager rekrutieren muss. Gemeinsam erleben sie die Freude am Singen, während die jungen Männer mit ihrer bevorstehenden Einberufung ringen.

Der alte Chorleiter zieht in den Krieg, es lebe der neue Chorleiter! So ungefähr ticken die Honoratioren 1916 in der englischen Stadt Ramsden. Doch als der Name Dr. Henry Guthrie (Ralph Fiennes) fällt, reagiert der Fabrikbesitzer Duxbury (Roger Allam) ablehnend. Guthrie steht im Ruf, homosexuell, atheistisch, vor allem aber germanophil zu sein. Andere Mitglieder des Gemeinderats stimmen indes für Guthrie: Er sei kultiviert und vor allem kenne er sich mit Musik aus. Guthrie, der wegen des Krieges von Deutschland zurück nach England gezogen ist, lässt sich schließlich überreden.

Das Oratorium gewährt Aufschub

Allein: Welcher Komponist soll aufgeführt werden? Brahms, Beethoven, Mendelssohn und Bach scheiden aus, weil sie Deutsche sind. Guthrie entscheidet sich schließlich für das Musikstück „The Dream of Gerontius“ des englischen Komponisten Edward Elgar. Während die Kinder auf der Straße den neuen Chorleiter verfolgen und ihm „Fritz“ hinterherrufen, macht dieser sich auf die Suche nach neuen Stimmen. Er testet junge Männer, die noch nicht eingezogen wurden, und geht dafür in Pubs oder Geschäfte. Auch im Lazarett wird er fündig.

Zunächst fremdelt der weltgewandte Guthrie mit seinem Provinzchor aus alten Damen und Herren, jungen Männern und einer herausragenden Solistin, der Krankenschwester Mary (Amara Okereke). Doch die Proben werden immer intensiver und besser. Die Chormitglieder finden zu einer Gemeinschaft zusammen, auch wenn der Krieg wie ein Damoklesschwert über allem schwebt. Alle jungen Männer im Ort erhalten den Einberufungsbefehl und werden gemustert. Immerhin gewährt man ihnen bis zur Aufführung des Oratoriums Aufschub. Sie finden, dass sie noch nicht genug gelebt hätten, bandeln mit jungen Frauen an und wollen auf jeden Fall zum ersten Mal Sex haben, bevor sie in den Krieg ziehen. Derweil plagen auch den stets melancholisch wirkenden Guthrie Sorgen. Sein Liebhaber, den er in Deutschland zurücklassen musste, leistet auf einem deutschen U-Boot Dienst, also liest er jeden Tag die Marine-Zeitung. Bis ihn eine furchtbare Nachricht erreicht.

Patriotismus wird eingefordert

Das Historiendrama „The Choral“ von Nicholas Hytner spielt zu einer Zeit, als an ein vereintes, offenes Europa noch nicht zu denken war. Patriotismus wird gelebt oder zumindest eingefordert. Ausländisches, zumal von Kriegsgegnern, lehnt man weitestgehend ab. Wehrdienstverweigerer wie Guthries ebenfalls schwuler Pianist Robert stoßen auf Unverständnis. Jedes Mal, wenn der gebildete Dirigent deutsche Denker zitiert – und zwar im Original! – geht ein Raunen durch den Raum. Dann empört sich der engstirnige Duxbury wieder, der auch Katholiken und Juden nicht leiden kann. Andere Gemeindemitglieder sind pragmatischer. Sie wollen, dass die Aufführung ein Erfolg wird, und sind stolz, dass die Tradition des Chors bei ihnen gepflegt wird.

So tritt Hytner mit seinem von Alan Bennett geschriebenen Drama in die Fußstapfen anderer Filme, die eine musikalische Gemeinschaft beschwören. Er vermeidet jedoch das Pathos von „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ und orientiert sich stilistisch und atmosphärisch eher an englischen Vorgängern wie „Brassed Off“. Beiden ist gemein, dass sie musikbegeisterte Amateure mit typisch britischem Humor und in einem homogenen Milieu skizzieren. Hier ist es die englische Provinz, die ganz im Zeichen des Krieges steht. Mütter erblassen, wenn der Briefträger vorbeiradelt, und leben in täglicher Angst vor dem fatalen, schwarz umrandeten Brief von der Front. Kriegsheimkehrer bremsen die anfängliche Begeisterung für den Krieg, indem sie von den Schrecken der Schützengräben berichten. So wird der Kriegsinvalide Clyde, der im Krieg einen Arm verloren hat, erster Tenor im Chor – auch das stößt nicht auf uneingeschränkte Zustimmung.

Freiräume von der bigotten Moral

Für einen Film, der viel von seiner historisierenden Atmosphäre und regelmäßigen humoristischen Einsprengseln lebt, braucht man einen starken Hauptdarsteller. Ralph Fiennes bildet ein melancholisches Gegengewicht zu den anderen Figuren und legt den Chorleiter, den die Arbeit in der Provinz eigentlich unterfordert, zwischen Menschenkenntnis, ein wenig Snobismus, aber auch Kampfgeist an. Als Profi und Perfektionist will er seinen Job ordentlich zu Ende führen, auch wenn die Honoratioren grummeln oder sich der Komponist des Oratoriums als eitler Unsympath erweist.

Manch eine Figur hat mit der bigotten Moral der Kleinstädter zu kämpfen, andere Protagonisten schaffen sich Freiräume und lassen sich ihren Spaß im Pub, beim Flirten oder die Nacht mit der Dorfhure nicht nehmen. Viele Figuren stammen aus dem einfachen Volk und punkten mit Bodenständigkeit und Wortwitz. Auch optisch hat der Film einiges zu bieten. Er fängt die gräulich-braunen Backsteinbauten der englischen Kleinstadt und die noch ländliche Umgebung mit ihren Feldern, Teichen und Wäldern ein.

Zuweilen mag man „The Choral“ als etwas zu zahm empfinden, als zu sehr aus dem Bilderbuch des gepflegten englischen Historienfilms entsprungen. Doch es tut gut, eine solide Inszenierung mit überzeugenden britischen Schauspielern auf der Leinwand zu sehen, die unterhält, rührt und zudem über Fragen nachdenkt, die in unserer turbulenten geopolitischen Epoche wieder ziemlich zeitgemäß erscheinen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deThe ChoralVon: Kira Taszman (3.12.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de