Vorstellungen
Filmkritik
Über lange Strecken nimmt sich dieses Filmporträt über die israelische Stand-up-Komikerin Noam Shuster-Eliassi wie eine Flaschenpost aus längst vergangenen Zeiten aus. Zugleich zeigt der Dokumentarfilm von Amber Fares aber auch, dass auch in Israel die politische Situation derart verfahren ist, weshalb – anders als aktuell in den USA – die große Stunde der Comedians als politische Kommentatoren schon vorbei ist.
Das Kind einer gelebten Utopie
Wobei Comedian hier weniger eine halbwegs seriöse Berufswahl ist als vielmehr Mittel zum Zweck. Noam Shuster-Eliassi ist gewissermaßen das Kind einer gelebten Utopie. Einer Utopie mit einer Wirkungsmacht, dass Begegnungen mit Promis wie Hillary Clinton oder Jane Fonda Teil der Sozialisation sind. Noam Shuster-Eliassi wuchs als Tochter jüdischer Eltern, die aus dem Iran und Rumänien stammen, in dem Vorzeige-Dorf Wahat al-Salam / Neve Shalom auf, in dem seit 1969 arabische und jüdische Familien friedlich miteinander leben.
Shuster-Eliassi, mehrsprachig aufgewachsen, strebte eine politische Karriere an, erhielt ein Stipendium der Brandeis University an der Ostküste der USA und arbeitete für verschiedene Organisationen und NGOs. Nebenher trat sie als Stand-up-Komikerin auf und machte als Israelin scharfzüngige und politisch unkorrekte Witze über das Verhältnis Israels zu den Palästinensern, über die Besatzung des Westjordanlandes, die Netanjahu-Regierung, militante Siedler und die Hamas – gerne auch vor arabischem Publikum. Für ihr Programm „Coexistence, My Ass!“ erhielt sie schließlich ein Harvard-Stipendium.
Die Karten völlig neu gemischt
Shuster-Eliassi gefällt sich in der Rolle derjenigen, die unbequeme Dinge zur Sprache bringt. Zumal sie als Komikerin mehr Menschen erreicht als zuvor als Politaktivistin. Doch dann – der Film entstand zwischen 2019 und 2024 – verhinderte die Covid-19-Pandemie eine US-Tournee. Shuster-Eliassi kehrte nach Israel zurück, verbrachte eine Quarantäne in einem Hotel in Jerusalem und musste dann erleben, wie die Hamas-Attacke vom 7. Oktober und die Reaktion der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen die Karten völlig neu mischten.
Shuster-Eliassi, die mit ihrem provokanten Gebrauch des inkriminierten Slogans „From the River to the Sea“ immer auch die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben und keine Zwei-Staaten-Lösung implizierte, wurde nun als Verräterin beschimpft. „Coexistence, My Ass!“, der sich mitunter etwas zu sehr im Privatleben der Künstlerin verliert, dokumentiert die komplexen Verwerfungen nach dem 7. Oktober, die Radikalisierung, die Widersprüche und die Verzweiflung im Anti-Netanjahu-Lager. Gegen Ende des Films wird auch die Frage nach der aktuellen Funktion von (politischer) Comedy virulent. Die Vorstellung, qua Humor unterschiedliche Lager miteinander zu vereinen, scheint mittlerweile überholt zu sein, weil es diesen Humor nicht geben kann.
Clowntime is over
Noam Shuster-Eliassi plädiert für eine Position „on the Margins“, um dem Widerstand gegen den Wahnsinn der Macht – „To this insane show of force“ – eine Stimme zu geben. Es wird sich zeigen, ob Selbstmarginalisierung als eine produktive politische Strategie taugt. Oder doch eher eine hilflose Geste dogmatischer Arroganz ist. Clowntime is over.










