Vorstellungen
Filmkritik
Immer lauter wird das rhythmische Händeklatschen, immer mehr drängt es sich vor die anderen Geräusche des sommerlichen Nachmittags auf den sudanesischen Baumwollfeldern. Und dann fangen Nafisa (Mihad Murtada) und ihre Freundinnen, die mit zielgerichteten Griffen die fluffigen weißen Faserbäusche ernten, an zu singen, kichernd und gut gelaunt, trotz der anstrengenden Arbeit. Sie singen über die Verhaltensvorschriften eines bevormundenden Vaters – und wie die Töchter sich dessen Anweisungen gewitzt widersetzen, um mit Männern anzubandeln. Die Stimmung ist ausgelassen und gut, nach der Arbeit baden die Mädchen in einem kleinen Flussarm des Nils.
Doch der Eindruck täuscht. Die Teenager sind nicht so frei, wie es zunächst scheint. Und alte Geschlechterrollen und -mythen prägen das Zusammenleben ungemein. Ein Grund auch dafür, dass nur junge Frauen auf der Plantage von Nafisas Großmutter Al-Sit (Rabeha Mahmoud) arbeiten. Denn nur diese, so ist die alte Herrscherin und Heilerin des Dorfs überzeugt, bringen die beste Ernte hervor: Reine Baumwolle von „reinen“ Pflückerinnen. So wird es zum Problem, dass ihre Enkelin zunehmend das Kindliche abstreift und ein Auge auf den Zwiebelbauern Babiker geworfen hat.
Eine trügerische Leichtigkeit und Sorglosigkeit
Unter dem Deckmantel einer trügerischen Leichtigkeit und Sorglosigkeit greift die im Sudan aufgewachsene Suzannah Mirghani bereits in der ersten Szene viele Kernthemen und Konflikte von „Cotton Queen“ auf. Während die warmen Farben auf ihre eigenen schönen Erinnerungen an die Kindheit in den Baumwollfeldern verweisen, erzählt sie stimmungsvoll über den Übergang vom Kind zur Jugendlichen, vom Erwachsenwerden, von Unterdrückung und feurigem Aufbegehren, Zwang und Freiheitsstreben – und konzentriert sich dabei beinahe ausschließlich auf die weibliche Perspektive. Nur am Rande tauchen Männer auf, als Vater, Angeschmachteter, als Geschäftsmann oder Kolonialist. Im Mittelpunkt dagegen stehen Frauen aus zwei Generationen: die alte Matriarchin Al-Sit und die 15-jährige Nafisa.
Die alte Al-Sit hat das Sagen im Dorf und wird von allen respektiert. Einst, so heißt es, habe sie durch die Ermordung des britischen Kolonialherrn und die Vergiftung seiner Soldaten die Plantage befreit. Nun wacht sie über die Qualität der Baumwolle, die noch mit altem Saatgut angebaut wird, ebenso wie über die Unschuld ihrer Enkelin, der sie das Baden im Fluss untersagt und deren aufkeimende Verliebtheitsgefühle sie mit bitterer Medizin in Schach halten will.
Junger Kapitalist in altem Geisterhaus
Doch die Zeiten ändern sich. Als der Nachfahre eines Bekannten von Al-Sit, der in Europa Wirtschaft studiert hat, wieder in das Land seiner Großeltern zurückkehrt, bringt er das etablierte Gefüge gleich in mehrfacher Hinsicht ins Wanken. Mit genverändertem Saatgut will er die Ernte verbessern. Dass der junge Kapitalist sich dafür in der alten Villa der britischen Kolonialherren niederlässt, die in der Gegend als Geisterhaus bezeichnet wird, lässt sich als bitterböser Kommentar und Fortsetzung der Fremdbestimmung und der Einflussnahme von außen lesen. Dass er bald als möglicher Ehemann für Nafisa gehandelt und von deren Eltern umworben wird, bedroht die 15-Jährige unterdessen ganz unmittelbar.
Eindringlich erzählt „Cotton Queen“ darüber, wie die jungen Frauen in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt werden und wie über sie verfügt wird. Die älteren Generationen schicken sich an, ihre Ehen zu arrangieren, und tröstend können dann nur Sätze wie jener eines bereits sehr alten Mannes wirken, der verspricht, die junge Frau nach der Hochzeit „nicht anzufassen“. Bisweilen wechselt Mirghani auch in den poetischen Realismus, wenn Nafisa nach der „Medizin“ ihrer Oma in rauschhafte Albträume stürzt und fragmentarisch das Ritual einer weiblichen Genitalverstümmelung angedeutet wird. Immer wieder geht es um die Kontrolle der Sexualität der jungen Frauen (die auch maßgeblich von den älteren Frauen mitgetragen wird). Unterdessen sorgen tradierte Geschichten auch für die Kontrolle im Alltag: Mädchen dürfen kein Boot betreten, heißt es – weil der Nil sie zu gefährlichen Orten bringen könnte.
Eine surreal anmutende Puppentheateraufführung
All dies sind Hürden, die Nafisa zu überwinden hat. Als neugierige, willensstarke und lebensfrohe Protagonistin trägt sie den Film und wird zu einer starken Identifikationsfigur, die zunehmend den Mut findet, sich gegen den Willen der anderen aufzulehnen und ihren eigenen Weg zu gehen. Immer wieder fordert der Film den Protest ein und zeigt die kleinen Rebellionen: vom spielerischen Gesang über heimliche Ausflüge zum Nil bis hin zu einer geradezu surreal anmutenden Puppentheateraufführung, die in Gestalt harmloser Figuren die Genitalverstümmelung anprangert.
Doch der Film macht es sich auch nicht zu einfach, betrachtet er doch bei dem Konflikt zwischen Al-Sit und Nafisa nicht nur deren Unterschiede, sondern auch deren Gemeinsamkeiten. Beide sind Opfer von Demütigungen und Fremdbestimmung. Wo Al-Sit in der Vergangenheit diesen Erfahrungen durch Umerzählung, Verdrängung oder Gegengewalt getrotzt hat – was genau geschehen ist, bleibt offen –, begegnet Nafisa diesen in der Gegenwart mit einem beeindruckenden Selbstbewusstsein, das sich zunehmend formt, bis sie das Heft selbst in die Hand nimmt. In der Kolonialzeit war die Ehrung der titelgebenden Baumwollkönigin ein Schönheitswettbewerb der Briten, mit dem die Machtunterschiede und die Ausbeutung verschleiert werden sollten. Nafisa dagegen lässt sich nicht in Rollen pressen. Sie bestimmt selbst, wer sie ist.



