Vorstellungen
Filmkritik
In der Küche blüht Mehdi (Younès Boucif) auf. Er häckselt, schnippelt, brutzelt, dirigiert, arrangiert und ist in seinem Element. Seine Speisen serviert er dann hübsch angerichtet auf den Tellern des Bistros, in dem er arbeitet – immerhin in der heimlichen kulinarischen Hauptstadt Frankreichs, Lyon. Seine innovative Kochkunst kommt bei den Kunden gut an. Zudem arbeitet der Sohn algerischer Eltern mit seiner französischen Freundin Léa (Clara Bretheau) zusammen. Bald wollen sich die beiden ihren großen Traum erfüllen, das Restaurant übernehmen und sich selbstständig machen. Léas wohlhabende Eltern stellen ihnen genügend Startkapital zur Verfügung. Der Haken an der Sache: Mehdis Mutter Fatima (Malika Zerrouki) weiß von allem nichts, schon gar nicht von der französischen Verlobten ihres einzigen Sohnes.
Alle Hoffnungen auf dem Stammhalter
So gaukelt ihr Mehdi stets etwas vor und verschweigt ihr, dass er liiert ist, um die fragile Gesundheit seiner Mutter nicht zu gefährden. Denn seit Fatima Witwe ist, fällt sie wegen ihrer Kinder fast buchstäblich von einer Ohnmacht in die andere. Mit den beiden Töchtern ist sie nicht zufrieden, eine erwartet zudem ein uneheliches Kind und muss Fatima das ebenfalls verschweigen. So setzt Fatima alle ihre Hoffnungen auf den Stammhalter, Mehdi, auf den sie wegen seiner beruflichen Erfolge stolz ist. Mehdi will die Mutter nicht enttäuschen und kümmert sich als guter, fürsorglicher Sohn um sie. Seine Beziehung zu Léa ist ihm allerdings genauso wichtig.
So steckt er in einem Dilemma: Wenn er seiner Mutter seine Beziehung gesteht, fürchtet er, bei ihr dadurch einen Herzinfarkt auszulösen. Doch wenn er Léa nicht endlich seine Mutter vorstellt, wird seine Freundin ihn verlassen. Schließlich winkt unverhofft eine Lösung: Die temperamentvolle Barbesitzerin Souhila (Hiam Abbass), bei der Mehdi mit seinen Kumpels abends abhängt, schlägt ihm vor, für ein Honorar vor Léa seine Mutter zu spielen. Gesagt, getan. Doch Souhila geht so in ihrer Rolle auf und übertreibt dabei mitunter derart, dass sich neue Probleme auftun.
Der bewährte Clash der Kulturen
So kämpft der junge Held im Regiedebüt von Amine Adjina an mehreren Fronten, ohne dass sich eine dauerhafte Lösung abzeichnet. Glücklicherweise folgt „Couscous und Geheimnisse“ den Regeln seines Genres, der Komödie, sodass man um ein versöhnliches Ende nicht wirklich bangen muss. Die Konstellation ist dabei eine bewährte: ein Clash der Kulturen. Dabei tun sich mehr Probleme zwischen den Generationen innerhalb der Einwandererfamilie auf als zwischen alteingesessenen Franzosen und Neufranzosen wie Mehdi. Mutter Fatima hält an ihren traditionellen Vorstellungen von Familie fest, während ihre Kinder sich längst in der französischen Gesellschaft heimisch fühlen und ein liberaleres Weltbild pflegen. Für die jüngere Tochter ist eine Schwangerschaft ohne Trauschein eigentlich kein Problem. Sie weiß nur nicht, wie sie es der Mutter beibringen soll. So thront Fatima als unantastbare Matriarchin über einer Familie, die ihre Autorität zwar anerkennt, sich aber längst von ihren Werten verabschiedet hat.
Wirklich neue Facetten kann der Regisseur seinem Stoff dabei kaum abgewinnen. Solcherlei Filme, oft Komödien, existieren seit Jahrzehnten und kreisen immer um die Frage, wie hermetisch oder durchlässig die jeweiligen Communitys im neuen Land sind. Ein Film wie „Keine Lüge ohne dich“ etwa schilderte charmant die Beziehung eines französischen jüdisch-muslimischen Paars, dessen Probleme erst durch die Eltern entstehen. Die Reihe der „Monsieur Claude“-Filme behandelte das Thema verschiedener Kulturen durch die Brille eines konservativen französischen Vaters, setzte auf Überzeichnung und groben Humor. Auch etliche britische Filme, darunter „East is east“, „Kick it like Beckham“ oder deutsche Filme wie „Almanya - Willkommen in Deutschland“ haben sich des Themas auf der Leinwand angenommen.
Wie man ordentlichen Couscous kocht
Eine erneute Behandlung des Clashs der Kulturen muss daher einen originellen, zusätzlichen Kontext erfinden. Hier ist es die Kochkunst, die einiges über die Herkunft von Mehdi aussagt. Denn die Herkunft seiner Familie spiegelt sich in seinen Gerichten zunächst nicht wider. Erst die lebensfrohe Souhila zeigt ihm zum ersten Mal, wie man ordentlichen Couscous kocht. Küche kann Abgrenzung bedeuten, aber sich durch verschiedene Einflüsse auch bereichern. So steht die Kochkunst hier stellvertretend für Anpassung und schließlich eine Art Fusion, die es in Restaurants immer häufiger gibt.
Einige Szenen sind dann doch komisch, wie die Beschneidungsfeier von Mehdis Neffen, bei der Tomatensauce zum Einsatz kommt und eine dramatische Ohnmacht erfolgt. Auch die von der Mutter gewünschte arrangierte Ehe zwischen Mehdi und einer Cousine kommt nicht zustande, weil beide die Vorstellung absurd finden. Schließlich hat „Couscous und Geheimnisse“ mit Hiam Abbass noch einen Trumpf im Ärmel. Wenn Souhila als vermeintliche Fatima mit blonder Perücke und losem Mundwerk bei Mehdis Freundin Léa und deren Eltern auftaucht und dabei mit ihrem extrovertiertem Auftritt für Chaos sorgt, kommt wahre Komik auf. Dann darf der ansonsten eher brave Film endlich ein wenig über die Stränge schlagen.








