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Filmkritik
Als Robert De Niro und Al Pacino in der ikonischen Diner-Szene aus „Heat“ erstmals von Angesicht zu Angesicht aufeinandertreffen, ist das Katz-und-Maus-Spiel längst in vollem Gange. Ein Duell auf Augenhöhe: der Meisterdieb Neil McCauley gegen den ehrgeizigen Polizisten Vincent Hanna, beide davon getrieben, den anderen auszuspielen, obwohl sie vom Gegenüber zugleich fasziniert sind.
In „Crime 101“ gehört Mike Davis (Chris Hemsworth) zu jener Kategorie notorischer Diebe, die sich partout nicht erwischen lassen. Bei seinen Aufträgen geht er rational und systematisch vor. In Handumdrehen raubt er einen Juwelentransport aus. Er entwaffnet den Fahrer, fällt aufgrund seiner minutiösen Planung auf keine Finte herein und drapiert sogar Wasserflaschen in den Kofferraum, bevor er die Ausgeraubten in diesen zwängt.
Es ist nicht nur Mikes moralischer Kodex, der den abgehalfterten Detective Lou Lubesnick (Mark Ruffalo) auf seine Spur führt. Für Lubesnick ist es kein Zufall, dass sich alle Raubüberfälle auf dem Highway 101 zutragen, entlang der US-Westküste von Los Angeles.
Klarheit und Übersicht
Dass Regisseur Bart Layton aus dem Dokumentarfilm-Bereich kommt, merkt man zwar nicht so stark wie in seinem doku-fiktionalen Heist-Movie „American Animals“, doch insbesondere die dynamische Kamera von Erik Wilson bleibt immer nahe an den Protagonisten. Bei Davis’ kriminellen Einsätzen, Verfolgungsjagden und Observationen ist sie präzise getaktet und filmt selbst in rasanten Manövern mit großer Klarheit und Übersicht; auf ihre Weise gleicht sie sich dem zweckorientierten Einzelgänger an.
Beim rebellischen Ormon (Barry Keoghan) hingegen, der mit blondierten Haaren und pinkfarbenem Motorradanzug seine impulsive Vorgehensweise offensiv nach außen trägt, wird mit Handkamera operiert, um inszenatorisch durch das Chaos zu lavieren. Wo Davis das Juweliergeschäft längst wieder mit der Beute verlassen hätte, räumt Ormon noch die Schmuckvitrinen aus, nachdem er mehreren Angestellten seine Gewaltbereitschaft demonstriert hat.
Beauftragt wurde er von Money (Nick Nolte), Davis’ langjährigem Vermittler, da dieser sich aus dem zwielichtigen Geschäft zurückziehen möchte. Deshalb besorgt sich Ormon die nötigen Informationen für Mikes mutmaßlich letzten großen Coup, der auch die Versicherungsmaklerin Sharon Colvin (Halle Berry) involviert, die steinreiche Klienten wie den Kunstsammler Steven Monroe (Tate Donovan) betreut.
Mit vereister Miene
Davis bildet den Ausgangspunkt all dieser Verwebungen. Über den pragmatischen Dieb gibt es wenig Informationen, doch alles deutet darauf hin, dass er die Kriminalität nicht gesucht, sondern durch die Sozialisierung dazu bestimmt wurde. Während er seine Aufträge mit vereister Miene erledigt, traut er sich aus lauter Schüchternheit kaum, einer hübschen Frau in die Augen zu schauen. Die wenigen Hinweise auf seine Vergangenheit halten nicht nur die Behörden auf Abstand; sie gefährden auch die aufkeimende Beziehung zu Maya (Monica Barbaro). Auch hier ähnelt „Crime 101“ seinem unausgesprochenen Vorbild „Heat“, in dem der Gangster Neil durch die Liebe emotional angreifbar wird.
Trotz seiner – gerade für einen stringenten Heist-Film – üppigen Laufzeit von 141 Minuten wirkt „Crime 101“ angenehm kompakt. Immer wieder finden sich spielerische Übergänge im Bild, die zwischen den zahlreichen Protagonisten hin und her manövrieren und so das nötige Tempo aufrechterhalten. Die pulsierenden Aufnahmen glänzen mit Schatten- und Farbakzenten und rufen die Stärken des Genres akribisch auf. Ablenkungsmanöver entstehen nicht nur unter den verschiedenen Parteien, sondern auch der Schnitt sorgt mehrfach für spielerische Täuschungen, die Erwartungen untergraben. Dadurch glückt die Übertragung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Don Winslow, die mit stetigen Wendungen aufwartet.
Jede Behörde lässt sich lenken
In den Kriminalromanen des US-amerikanischen Schriftstellers Winslow geht es meist um Gewalt, Korruption, Gerechtigkeit und Loyalität; Verbrechen ist Teil des Systems und kein Einzelfall, der von einer „bösen Macht“ ausgelöst würde. Bereits die einführende Drohnenaufnahme von Los Angeles suggeriert, dass in dieser Stadt sich jede Behörde, jedes Gebäude, jedes Licht lenken lässt. In „Crime 101“ drückt sich dies nicht nur in der Quantität der Figuren aus, sondern auch darin, welche Positionen sie innerhalb dieses Systems einnehmen. Lubesnick wird von seinem Vorgesetzten gerügt, weil er sich zu sehr auf akkurate Ermittlungsarbeit konzentriere, statt sich für eine gute Erfolgsquote zu korrumpieren. Auch die Versicherungsmaklerin wartet auf ihre versprochene Beförderung und begegnet ihrer neuen Kollegin mit Unmut – nicht aus Groll, wie sich später herausstellt, sondern als Reflex auf die patriarchalen Strukturen.
Die Schauspieler sind hingegen allzu vertraut besetzt: Mark Ruffalo als zerstreuter Ermittler, Halle Berry als selbstbewusste Frau zwischen den Fronten. Weil Lubesnick sich nach der Trennung von seiner Ehepartnerin auf Sinnsuche befindet, probiert er es mit Yoga, wo er regelmäßig auf Sharon Colvin trifft. Redundante Begegnungen, die eine potenziell charmante Dynamik entfalten, aber stets der sorgfältig konstruierten Geschichte untergeordnet bleiben. Kritik kann man auch an der kompakten Erzählweise üben, weil sie wenig Raum für genuine Zwischenmenschlichkeit lässt. Auch dass Figuren wie Lubesnicks Partner Tillman (Corey Hawkins) oder seine Ex-Frau (Jennifer Jason Leigh) kaum Beachtung finden, aber mit namhaften Darstellern besetzt sind, deutet darauf hin, dass die Konzeption ursprünglich noch deutlich größer angelegt war.
Überraschend nah
Als Davis und Lubesnick das erste Mal miteinander sprechen, neigt sich „Crime 101“ dem Ende zu. Die Eskalation scheint vorprogrammiert. Sie unterhalten sich über ihre liebsten Filme mit Steve McQueen, während beide die Identität des jeweils anderen zu erahnen versuchen. Wie in „Heat“ entsteht aus dem Dialog ein subtiles Spannungsverhältnis; denn trotz ihrer gegensätzlichen Rollen sind die Kontrahenten einander überraschend nah. „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, gibt Lubnesnick als seinen McQueen-Favoriten an – ein Film über einen Meisterdieb, der schließlich seiner kniffeligen Lage den Rücken kehrt. Wie McQueen hinterlässt auch Davis seiner Geliebten eine Botschaft. Ein Bild aus Kindheitstagen.









