Zum Hauptinhalt springen

Crocodile Tears

84 minDrama, Thriller, Dokumentation
Tickets
Szenebild von Crocodile Tears 1
Szenebild von Crocodile Tears 2
Ein verbitterter Stand-up-Comedian erfährt, dass er HIV-positiv ist, und schließt einen Pakt mit dem Teufel: Er soll drei Taten vollbringen – im Gegenzug wird er wieder HIV-negativ.
  • Ann Coppel
  • Vereinigte Staaten (1997)

Das panzerartige Lid des Riesenreptils öffnet sich schlagartig; darunter kommt ein verschlagenes gelbes – oder hellgrünes – Auge zum Vorschein. Das Auge ist so undefinierbar wie das weiße Krokodil selbst. Einigermaßen sicher ist jedoch, dass es auf der Lauer liegt, auch wenn es sich kaum bewegt. Man ahnt, dass es in dem Film von Tumpal Tampubolon noch eine Rolle spielen wird. Das weiße Krokodil ist eine seltene Spezies und wird deshalb auf der Krokodilfarm von Johan (Yusuf Mahardika) und seiner Mutter (Marissa Anita) in einem separaten Becken gehalten. Die Mutter hält mit dem ledrigen Raubtier regelmäßig Zwiesprache; sie scheint eine besondere Beziehung zu ihm zu haben. Wenn Touristen sich mit ihm fotografieren lassen wollen, verscheucht sie diese. Das Krokodil will sie für sich allein haben, genau wie ihren Sohn.

Johan ist mittlerweile erwachsen, doch er schläft immer noch im Bett der Mutter – in Löffelchenposition. Abends muss er die Mutter massieren, tagsüber überwacht sie alle seine Bewegungen. Mit Johan zusammen füttert sie die Krokodile mit toten Hühnern, welche die gefräßigen Bestien mit wenigen Bewegungen ihrer Kiefer hinunterschlingen. Außerdem muss die Anlage gereinigt und offengehalten werden, denn sie ist für Besucher zugänglich.

Die Mutter beäugt die Verbindung misstrauisch

Am Wochenende findet sogar eine Show mit den Riesenreptilien statt. Johan fährt mit seinem Moped regelmäßig in die Stadt und verteilt Flugblätter, um die Veranstaltung zu bewerben. Dabei lernt er die schöne Arumi (Zulfa Maharani) kennen, die er für einen Besuch der Show gewinnen kann. Bald treffen sie sich öfter; Arumi stellt Johan ihren Freunden vor, und bald sind die beiden ein Paar. Die Mutter beäugt die Verbindung misstrauisch. Als Johan ihr eröffnet, dass er seine schwangere Freundin heiraten will, heckt die Mutter einen Plan aus.

So liegt eine ständige Gefahr über dem Glück des Pärchens. Sinnbildlich dafür stehen die Krokodile in ihren Wasserbecken, die zwar verschlafen wirken, dann aber wieder hellwach sind und ihre Zähne blecken. Oft werden sie nachts gefilmt und sorgen für Unruhe, wenn sie sich zusammenrotten. Auch die Mutter ist zur Schlafenszeit oft in der Anlage unterwegs, spricht mit dem weißen Krokodil, stößt dann wieder bedrohliche Laute aus oder bekommt Anfälle. Ob sie echt sind oder den Albträumen von Johan und Arumi entsprungen sind, weiß man nicht immer: Traum- und Realitätsebene verschwimmen in dem Film, der geschickt Mystery- und Horrorelemente in das Familiendrama einfließen lässt. Über allem wacht das mehrfach in Großaufnahme eingeblendete Auge des mysteriösen Raubtiers, das auf seinen Auftritt wartet.

Ein ständiger Schlagabtausch

Eigentlich erzählt „Crocodile Tears“ die Emanzipationsgeschichte eines Muttersöhnchens wider Willen hin zum handelnden jungen Mann. Johan, der unter der Abgeschiedenheit seines kleinen Heimatorts in West-Java leidet, muss sich aus den Fängen der Mutter lösen. Ähnlich wie ein Krokodil seine Beute, möchte sie einfach nicht loslassen. Eine Partie Badminton zwischen Sohn und Mutter versinnbildlicht das. Zwischen beiden findet ein ständiger Schlagabtausch statt. So muss Johan Schritt für Schritt lernen, der autoritären Frau zu widersprechen und später seine Freundin zu verteidigen.

Doch die Mutter ist hartnäckig und ersinnt manches Szenario, um die ungebetene Schwiegertochter loszuwerden. Auch sie liegt auf der Lauer – wie das weiße Krokodil. In ihre eng definierte Welt, in der auch Tradition und Aberglaube Platz haben, passt kein fremdes Blut. Zum einen verachtet sie Arumi wegen ihres Jobs in einer Karaoke-Bar, in der die Gäste den jungen Hostessen gegenüber schnell übergriffig werden. Zum anderen argwöhnt sie, dass das ungeborene Kind nicht von Johan ist.

Das große Fragezeichen um den Vater

Johan interpretiert den Begriff der Familie dagegen großzügiger, zumal da noch das große Fragezeichen um den Verbleib seines Vaters ist. Johan hat ihn nie kennengelernt. Im Dorf munkelt man, dass die Mutter den Vater umgebracht habe. Ob das stimmt und womöglich etwas mit den Krokodilen zu tun hat, erklärt der Film nicht explizit. Er oszilliert zwischen Modernität und Offenheit sowie Legenden und Tradition. Was bleibt, ist die zunächst verdeckte, dann offene Spannung in der Dreierkonstellation, die sich schließlich mit Wucht entlädt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deCrocodile TearsVon: Kira Taszman (6.11.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de