Vorstellungen
Filmkritik
Nicht alle, die zum Filmcasting erscheinen, gehören zur Familie. Nicht alle, die zur Familie gehören, sollen sich selbst spielen. Der Film, für den sie vorsprechen, ist ihre Familiengeschichte. Zugleich ist er Fiktion. Regisseur Alain Gomis illustriert das gleich zu Beginn: eine der Darstellerinnen erzählt aus ihrem Leben. Als der Film wenige Schnitte später zu ihr zurückkehrt, folgt eine weitere Geschichte, diesmal vom Blatt abgelesen. Man kann keinen Unterschied ausmachen, allein das Blatt Papier verrät, dass die Zuschauer vom Persönlichen ins Fiktionale geführt wurden. Oder war die erste Geschichte bereits Teil dieser Fiktion?
Ein Konstrukt über mehrere Generationen
„Dao“ formuliert hier keine Gegensätze, sondern löst die Unterscheidung auf. Familie und Fiktion kommen zusammen, ergeben ein buntes, vielfältiges, vielsprachiges, über mehrere Generationen spannendes Konstrukt, das Alain Gomis über drei lange Filmstunden zu einem mäandernden Ganzen zusammenfließen lässt. Einige Szenen sind sichtbar als inszeniert gesetzt: Protagonistin Gloria (Katy Correa) turtelt auf der Hochzeit ihrer Tochter mit dem Ex (Samir Guesmi), der seinen Charme ebenso wenig verloren hat wie seine Ignoranz. Andere erinnern daran, dass die Rituale keineswegs erfunden sind und in der ihnen innewohnenden Dynamik und Logistik etwas Wahrhaftiges haben: Eine Kuh und eine Ziege müssen dafür vor der Kamera den Kopf hinhalten. Anlass ist die zweite große Feierlichkeit des Films. Gloria, ihre Geschwister und die bald verheiratete Tochter Nour (D’Johé Kouadio) reisen nach Guinea-Bissau, um im Heimatdorf der Familie an den Großvater zu erinnern.
Es steckt also einiges an Dynamik in der Struktur von „Dao“. Zunächst ist es Mobilität. Straßen in Afrika werden abgefahren, der Weg hinaus in das Heimatdorf der Familie abgesteckt, und doch ist, auch als die Familie im Heimatdorf angekommen ist, noch lange kein gemächliches Ankommen zu spüren. Zu viel gibt es zu sagen, zu planen, zu feiern. Bald tritt die Dynamik der Feierlichkeiten an die Stelle der langen Bewegungen der Reise. Es wird getrommelt, gefeiert, gestritten. Kurz gesagt: es steckt eine Menge Leben in diesem Film, in dieser Familie. Und es entfaltet sich: frei und performativ.
Alles wird unmittelbar eingefangen
Am Tag der Zeremonie kehrt es sogar aus dem Jenseits zurück. Die dazugehörenden Vorbehalte nimmt einmal mehr das Casting vorweg. Ob ein nicht-afrikanisches Publikum es verstehen werde, fragt sich eine der Teilnehmer:innen, ob man die Kraft hinter dem Ritual zeigen könne. Gomis’ Film lässt sich dabei nicht auf Erklärungen ein, ergründet nicht die Wurzeln des Rituals, er fängt es, wie eigentlich alles, unmittelbar ein. Wo Gomis doch zuspitzt, bleibt die ansonsten fast schwebende Form des Films zugunsten direkterer Linien zurück, die einander mitunter wenig produktiv gegenüberstehen: hier die opulente, fein säuberlich angerichtete Hochzeitstafel auf dem französischen Land, dort das archaische Mahl im afrikanischen Dorf, das vom Einkauf der Tiere über deren Schlachtung bis zum Verteilen der Teller begleitet wird. Das führt den Film mitunter weit weg von der Familie. Letztlich lässt sich aber die sanfte und schwungvolle Lebenslinie, die diese Familie durch den Film, über zwei Kontinente hinweg, verbindet, nicht überzeichnen.
„Dao“ ist ein intimer Film – nah, inklusiv, egalitär. Die Form ist im besten Sinne frei, ein Glücksfall für ein interkontinentales Familienporträt. Es ist Platz für Widersprüchlichkeiten, Streitereien, Gerangel, Gegockel, Groll, Annäherung, Diskussion, Schweigen und überhaupt alles, was die eine oder der andere in das Familienkonstrukt einbringt. Es gibt sogar den seltsamen Onkel, der immer einen Anlass findet, über die Stränge zu schlagen, etwa wenn er im Überschwang der Familienzusammenkunft den Kolonialismus lobt, der schließlich erst dafür gesorgt habe, dass die Familie vielfältig sei.
Die Familienzusammenkünfte in Frankreich und Guinea-Bissau entwickeln einen faszinierenden, eigenwilligen Rhythmus, der auch ohne Schlaginstrumente entlang der Montage durch Lebens- und Konfliktlinien innerhalb der langen Sequenzen der Feierlichkeiten trägt.
Das unergründlich und unaufhörlich Kreisende
Auf die drei Stunden Laufzeit will sich dieser Rhythmus dennoch nicht dehnen lassen – zu beharrlich ist der Film, zu viel Geschichte hängt an ihm, zu wenig lässt sich das unergründlich und unaufhörlich Kreisende, das das titelgebende Dao ausdrückt, auf die notwendigerweise nachgeschobene Betrachtung kolonialer Geschichte beziehen – es sei denn, man möchte doch einem verrückten Onkel recht geben. Dennoch: Wo Gomis unmittelbar bleibt, ist „Dao“ ein erstaunlicher Film. Die Kamera klebt an den Gesichtern der Familie, als hätte sie Angst, sie inmitten dieser geeinten und doch so fragilen Gemeinschaft zu verlieren.
Das faszinierendste unter den Gesichtern ist Glorias. Viel ist hier zu lesen. Oft ist es ein Lächeln. Mal tritt es an die Stelle des Augenrollens, das der Ex sich eigentlich dafür verdient hat, dass er die Vergangenheit schamlos zu seinen Gunsten verklärt, mal sagt es, was Gloria selbst nicht voreilig sagen möchte: dass sie angekommen und vielleicht sogar zu Hause ist.





